Strategie

Lufthansa im Sinkflug: Siemens und Thyssen als mögliche Vorbilder bei der Strategie

Billiganbieter setzen traditionsreichen Fluggesellschaften wie der AUA oder auch ihrer Konzernmutter Lufthansa zu - Konzernchef Carsten Spohr könnte nun eine Strategie wählen, wie sie schon Joe Kaeser bei Siemens und Guido Kerkhoff bei Thyssenkrupp verfolgen.

Der Chef der AUA-Mutter Lufthansa, Carsten Spohr, steht unter Druck: Der Gewinn bröckelt, die Billig-Konkurrenz wirbt Kunden ab, die Frachtraten gehen wegen der Handelskonflikte zurück, die Treibstoffkosten steigen. Soll der Pilot mitten im Sturm nun auch noch die Konzernstrukturen ändern, damit Europas größte Airline beweglicher wird? In die Karten schauen lässt sich Spohr derzeit nicht.

Hinter vorgehaltener Hand ist aber durchaus zu vernehmen, dass es "Gedankenspiele" gibt, eine Holding-Struktur aufzusetzen. Branchenexperten sehen das mit gemischten Gefühlen.

Ein Matrix-System mit zwei Ebenen

"Die größte Management-Herausforderung der Lufthansa ist ihre Komplexität", sagt Gerd Pontius, Unternehmensberater von Prologis. Manches werde bei den einzelnen Fluggesellschaften Lufthansa, Swiss, AUA und Brussels Airlines mehrfach parallel gemacht. Auch das nage am Gewinn. Zugleich gebe es eine breite Vielfalt von Märkten, Produkten und Services – und das in einem höchst dynamischen Marktumfeld. "Eine reine Matrix-Organisation ist da schnell zu träge und unflexibel", sagt Pontius mit Blick auf die erst vor zwei Jahren eingeführte Matrix im Lufthansa-Konzern.

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Das Matrix-System hat zwei Ebenen: Bei der Lufthansa zum einen die Unternehmensfunktionen wie operative Steuerung, Finanzen, Personal und Recht. Die zweite Achse bilden die verschiedenen Sparten Passagier-Airlines, Lufthansa Cargo, Lufthansa Technik und die zum Verkauf stehende Cateringtochter LSG. Außerdem werden konzernweite Aufgaben noch an den vier Drehkreuzen Frankfurt, München, Wien und Zürich erledigt. Eine solche mehrdimensionale Führung habe den Vorteil, dass viel vereinheitlicht werden könne, um Synergien zu heben, erklärt Pontius. "Aber die Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse sind meist langsamer, sie erfordern viel Abstimmung."

Eine Strategie wie bei Siemens und Thyssen möglich

Eine Holding-Struktur, bei der Konzernfunktionen für eine zentrale Steuerung in einer Dachgesellschaft gebündelt werden, den Marken aber mehr Eigenständigkeit gelassen wird, sei schlagkräftiger. Das gehe aber wiederum auf Kosten der Effizienz. Vorstandschef Spohr nannte unlängst auf dem Investorentag noch einen anderen Nachteil: Unter den einzelnen Airlines im Konzern könne es zu ungewollter Konkurrenz kommen.

Eine solche Struktur von einzelnen Sparten, die mehr Eigenständigkeit bekommen - was Finanzfirmen freut und nebenbei auch mögliche Verkäufe erleichtert - verfolgen auch Joe Kaeser bei Siemens und Guido Kerkhoff bei Thyssenkrupp.

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Analysten reden von Vorteilen einer neuen Struktur

Nach Ansicht von Daniel Röska, Analyst von Bernstein Research und Ex-Lufthansa-Mitarbeiter, gäbe eine Holding-Struktur der Konzernführung mehr Spielraum, sich mit Strategie und Kapitalbeschaffung zu beschäftigen. Vier der sechs Lufthansa-Vorstände - Vorstandschef Spohr, der kaufmännische Leiter Harry Hohmeister, der operative Leiter Detlef Kayser und Eurowings-Chef Thorsten Dirks - kümmerten sich aktuell mehr oder weniger um den Betrieb. Daher dürften sich viele Diskussionen im Vorstand um konkrete operative Fragen drehen statt um Ziele für die einzelnen Unternehmensbereiche oder die Aufteilung von Investitionen.

Komplexe Strukturen und Druck von Billiganbietern

Allerdings hat die Lufthansa nicht nur mit ihrer durch Zukäufe immer komplexeren Zusammensetzung zu kämpfen, sondern mit zunehmend schwierigen Marktbedingungen. Pleiten von Airlines führten bisher nicht zu weniger Angebot, sondern zu hartem Kampf um Marktanteile, der mit sinkenden Ticketpreisen ausgetragen wird.

Per-Ola Hellgren, Luftfahrt-Analyst von der Landesbank Baden-Württemberg, warnt außerdem vor den Folgen einer schwachen Konjunktur und des von den USA entfachten Welthandelskonflikts. "Das ist schlecht für Airlines, die das über Rückgänge im Frachtgeschäft und im Geschäftsreiseverkehr zu spüren bekommen", sagt er. Eine Holding werde womöglich die Bilanz besser aussehen lassen und das Management der eigenständigeren Töchter zu höheren Gewinnen anstacheln. "Aber an den Belastungen im operativen Geschäft ändert das nichts."

"Die Matrix bleibt"

In der Zwickmühle zwischen Grundsatzdiskussionen und bröckelndem Geschäft könnte die Lufthansa-Führung nach Einschätzung von Pontius deshalb einen Mittelweg einschlagen. Denn auch in einer Matrix könnten die Tochtergesellschaften - bezogen auf spezifische Aufgaben - selbstbestimmter arbeiten und entscheiden. "Die Lufthansa wird die Frage Holding versus Matrix nicht Schwarz-Weiß beantworten." Das deutete nun auch Finanzchef Ulrik Svensson an: "Die Matrix bleibt, aber in der Matrix kann man einige Dinge straffen." (reuters/apa/red)

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