Life Sciece: Gigantische Floprate

Große Pharmakonzerne flüchten aus dem Risiko: Innovation findet wird fast nur noch von kleinen Life Science-Unternehmen zugekauft. So lassen sich Flops verstecken.

Allerdings ist die Floprate im bei Biotech wie im konventionellen chemischen Pharma-Bereich gigantisch: „Auf 10.000 Substanzen kommt ein zugelassenes Präparat“, sagt Kasper. Mühen und Risiken der Ebene vor allem der Grundlagenforschung weit vor den klinischen Tests werden ganz gerne an kleine Forschungsunternehmen ausgelagert. Deren vermarktbare Ergebnisse sichern sich die Pharmakonzerne über Meilensteinzahlungen, Lizenzvereinbarungen oder Gewinnbeteiligungen.
Gefeit vor Rückschlägen ist niemand. Einer der Leitbetriebe der Life Science-Landschaft, die börsenotierte Wiener Intercell, legte voriges Jahr einen veritablen Bauchfleck hin: Das fast fertig entwickelte Impfpflaster gegen Reisedurchfall floppte in den klinischen Tests. Unangenehm für Hauptaktionär Novartis - reagiert wurde konzernmäßig mit einer Kürzung des Forschungsetats um 40 Prozent. Außerdem werden von den weltweit 440 Intercell-Mitarbeitern bis Juli 2011 hundert abgebaut. Der nächste Rückschlag folgte auf dem Fuß: Eine klinische Studie für einen Impfstoff gegen den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus, der gemeinsam mit dem Pharmakonzern Merck entwickelt wird, liegt derzeit auf Eis, weil das beurteilende Experten-Kommittee Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen hat.
„Man minimiert das Risiko, indem man später einsteigt“, sagt Biocrates-Chef Schnegg. Die Strecke, die bis zur Marktreife zu überbrücken ist, kann sehr lang sein. Biocrates wurde 2002 gegründet und untersucht Metaboliten, Stoffwechselendprodukte, die als Biomarker dazu beitragen können, Krankheitsrisiken zu erkennen und in weiterer Folge Erkrankungen zu diagnostizieren, bevor sich Symptome zeigen. Die von Biocrates patentierte Technologie basiert auf Massenspektrometrie und ermöglicht die systematische Quantifizierung vieler Molekülklassen in unterschiedlichsten Proben, von Blut und Serum bis zu Zellen und Gewebe. Die vielversprechendsten Kandidaten in der Pipeline sind Metabolitengruppen zu Diabetes Typ 2 und chronischen Nierenerkrankungen. „Für diese Indikationen validieren wir in Richtung Patentierung“, steckt Schnegg den Zeitrahmen ab – noch gut zwei Jahren wird die Vorarbeit für Diagnose-Sets für Menschen dauern.
Nicht immer ist alles eitel Wonne im Zusammenspiel von forschungsaktiven Start-ups und Konzernen. Der Humantechnologie-Cluster Steiermark muss demnächst einen schmerzhaften Aderlass verkraften: Der Roche-Geschäftsbereich Diagnostics transferiert bis 2013 seine gesamten Entwicklungs- und Produktionsaktivitäten von Graz nach Rotkreuz in der Schweiz. „Der drohende Abgang von 400 hoch qualifizierten Arbeitsplätzen tut natürlich weh“, sagt Clustermanager Robert Gferer. Einer geht, der andere kommt: Die deutsche B. Braun Melsungen AG (mit 40.000 Mitarbeitern einer der weltweit führenden Medizintechnik- Konzerne) eröffnete im Juni 2010 ein Entwicklungsbüro in Graz.

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