Lieferketten

Lieferprobleme: Volkswagen sperrt fast alle Werke in Europa zu

Wegen starker Schwierigkeiten mit den Lieferketten stoppt Volkswagen die Produktion im größten Teil seiner europäischen Werke. Diesen Freitag soll die letzte Schicht laufen. Das Geschäftsjahr will VW aber keineswegs schon jetzt abschreiben.

Volkswagen stoppt wegen der Coronavirus-Krise als erster Konzern in Deutschland seine Produktion weitgehend. "Angesichts der sich aktuell deutlich verschlechternden Absatzlage und der sich abzeichnenden Unsicherheit bei der Teilversorgung unserer Werke wird es an den Standorten unserer Marken unmittelbar auch zu Produktionsunterbrechungen kommen", erklärte VW-Chef Herbert Diess.

Für die Werke in Spanien und der Slowakei sowie die Standorte der italienischen Marken Lamborghini und Ducati gelte das schon in dieser Woche. "Die meisten anderen deutschen und europäischen Werke des Konzerns bereiten sich auf eine Produktionsunterbrechung voraussichtlich für zwei bis drei Wochen vor." In China sei die Fertigung in fast allen Werken wieder aufgenommen worden.

Auch Betriebsrat hat Schließung gefordert

Der Betriebsrat von VW hatte Druck gemacht, weil die Belegschaft in der Produktion sich aus Sorge um ihre Gesundheit beschwerte, wie aus einem Schreiben von Betriebsratschef Bernd Osterloh an die Arbeitnehmer hervorging. Während im Bürobereich bei VW Abstandsgebote wegen der Corona-Epidemie gelten, arbeiteten die Kollegen in der Produktion Schulter an Schulter. Der Betriebsrat habe gegenüber dem Vorstand diese "Zweiklassengesellschaft" kritisiert. Das Management habe auf den Druck reagiert und beschlossen, dass am Freitag die letzte Schicht laufe. Das ist aus Sicht des Betriebsrats zu spät. "Wir erwarten jetzt einen geordneten Ausstieg aus der Fertigung", forderte Osterloh.

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Zudem müsse das Management detaillierte Pläne für die einzelnen Werke vorlegen, schrieben Betriebsratschef Bernd Osterloh und seine Stellvertreterin Daniela Cavallo an die Belegschaft. "Dazu zählt insbesondere das Werk in Zwickau, wo die Kolleginnen und Kollegen den ID-Anlauf stemmen. Wir erwarten hier eine Lösung - denn einige im Vorstand wollen ihrer Verantwortung offenbar nicht gerecht werden." Das in Sachsen anlaufende E-Auto ID.3 ist das zentrale Projekt 2020.

"Für die verbleibenden Tage fordern wir eine Information aus dem Gesundheitswesen an die betroffenen Kolleginnen und Kollegen zu der Frage, wie ihr Ansteckungsrisiko zu bewerten ist", forderte der Betriebsrat. Es sei nicht mehr einzusehen, "warum sie ohne eine klare Ansage und ohne klare Worte aus dem Management für ein paar hundert Autos mehr eine Ansteckung riskieren sollen, die sie dann womöglich früher oder später nach Hause in ihre Familien tragen."

Stopp auch bei Audi

Auch die beiden Audi-Standorte Ingolstadt und Neckarsulm stellen die Fertigung ein. "Die Produktion in den Audi-Werken wird bis zum Ende der Woche kontrolliert runtergefahren", teilte Audi-Betriebsratschef Peter Mosch mit. Er hoffe auf ein solidarisches und unbürokratisches Entgegenkommen des Unternehmens gegenüber der Belegschaft. "Wir drängen hier auf verbindliche Zusagen." Bei Porsche hieß es unterdessen, nach einem Tag Schließung solle die Produktion weitergehen. Es werde am Dienstag pausiert, damit die Mitarbeiter Zeit hätten, sich auf die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten einzustellen, erklärte ein Sprecher.

Bei BMW gebe es derzeit keine Einschränkungen der Produktion, sagte ein Sprecher.

Volkswagen stellt seine gerade erst aufgestellten Geschäftsziele wegen der raschen Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie in Frage. Es sei ungewiss, mit welcher Wucht die Virus-Krise Volkswagen treffen werde, teilte der Autokonzern zur Präsentation der endgültigen Geschäftszahlen 2019 mit. "Eine verlässliche Prognose ist derzeit nahezu unmöglich", fügte Finanzvorstand Frank Witter hinzu und erklärte: "Wir schöpfen im Task-Force-Modus alle Maßnahmen aus, um unsere Mitarbeiter und deren Familien zu unterstützen und unser Geschäft zu stabilisieren."

"Ungekannte operative und finanzielle Herausforderungen"

Diess sagte, die Corona-Pandemie stelle den Konzern vor ungekannte operative und finanzielle Herausforderungen. Zudem seien nachhaltige Konjunktureinflüsse zu befürchten. "Durch die Bündelung unserer Kräfte, eine enge Zusammenarbeit und gute Moral im Konzern wird es uns gelingen, die Corona-Krise zu bewältigen."

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Der deutsche Autobauer hatte sich nach dem Rekordgewinn im vergangenen Jahr erst vor gut zwei Wochen für 2020 eine Umsatzrendite erneut in einer Spanne von 6,5 bis 7,5 Prozent vorgenommen. 2019 lag die Marge auf Grundlage des bereinigten Betriebsgewinns mit 7,6 (Vorjahr 7,3) Prozent leicht darüber.

VW-Finanzvorstand: Geschäft in China erholt sich wieder

Volkswagen will das Geschäftsjahr trotz europaweiter Produktionsunterbrechungen wegen der Virus-Pandemie noch nicht in den Wind schreiben. "Wir wollen das Jahr nicht komplett abschreiben", sagte Finanzvorstand Frank Witter während einer im Internet übertragenen Bilanzpressekonferenz.

Er verwies auf das Geschäft in China, das sich nach einem rasanten Einbruch im Februar inzwischen wieder erhole. Er gehe davon aus, dass die Pkw-Nachfrage auf dem für Volkswagen besonders wichtigen Markt bald wieder zu alter Stärke zurückkehren werde.

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Wenn die Erholung in Europa nach dem ähnlichen Muster verlaufe, sei das Jahr womöglich noch zu retten. Vorhersagen lasse sich dies allerdings nicht, da die vollen Auswirkungen der Epidemie hierzulande noch nicht absehbar seien. Volkswagen verfüge über ein ausreichendes Liquiditätspolster, um die Krise heil zu überstehen.

Vorstandschef Herbert Diess fügte hinzu, Volkswagen werde die für das Erreichen der Klimaziele in Europa kritischen Jahre 2020/21 dazu nutzen, um Synergien in dem Konzern besser zu nutzen. Er ließ offen, ob damit auch weitere Einsparungen verbunden sein werden. Diess sagte, VW sei bei seinen Pläne zur Elektrifizierung im Plan. Es sei nicht geplant, wegen der Belastungen durch das Coronavirus Investitionen umzulenken. Die zunächst für zwei Wochen geplanten Werksschließungen in Europa will VW für die Mitarbeiter in Deutschland mit Kurzarbeit abfedern. (reuters/dpa/apa/red)

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