Coronavirus

Kurzarbeit - und dann? Wie sich Automobilbauer für die Monate nach der Corona-Krise rüsten

Engelbert Wimmer, Chef des Automobilberaters E & Co, rechnet mit harten Monaten für Fahrzeughersteller - und einem Ansturm auf Elektrofahrzeuge des Premiumsegments, sobald alles ausgestanden ist.

Von

Herr Wimmer, die Coronavirus-Erkrankung COVID-19 legt große Teile der Automobilindustrie lahm. Wie lang halten Hersteller das durch?

Engelbert Wimmer 
Für Automobilbauer kommen zwei harte Quartale. Die erste Phase, die der Betriebsstopps und Arbeitszeitreduktion, kann mit der öffentlichen Hand ganz gut abgefedert werden. Das Modell der Kurzarbeit ist ein geniales Instrument. Der Wiederanlauf aber wird hart. Es gilt, extreme Schäden in den kapitaldünnen Partnerlandschaften der Zulieferer und Händler zu überwinden. Lager müssen auf Teufel komm raus geleert werden. Zusätzlich gibt es immer noch Überkapazitäten von zwei Millionen Fahrzeugeinheiten im Markt. Da werden sich jene behaupten, deren Taschen tief genug sind, um mit Cash über die Runden zu kommen. Aber es gibt auch einen positiven Ausblick für die Branche.

Der da wäre? 

Wimmer Ein Bounce-Back-Efffekt bei der Konsumneigung, der in China nach dem Coronavirus-Ausbruch schon beobachtbar ist und nach ausgestandener Krise möglicherweise bei uns und den USA ebenso durchschlagen wird: Der einkommensstarke Mittelstand wird den privaten Konsum merklich ausdehnen und sich - auf übertriebene und irrationale Weise - Luxus gönnen. Da werden Tesla oder auch ein Premiumhersteller wie Audi mit dem e-tron einen gewaltigen Höhenflug erleben, weil sie schon heute das Lifestyle-Segment bedienen. Selbst unsere protestantisch europäische Denke der Selbstkasteiung wird - kontraintuitiv - für einen entscheidenden Moment über Bord geworfen. 

E, &, Co, Wimmer © E & Co

Engelbert Wimmer, Chef des Automobilberaters E & Co: "Generalstabsmäßige Planung der Strategie für den Bounce-Back"

White Paper zum Thema



Automobilbauer rüsten sich also für den Tag X. Wie kann das gehen - vom Home Office aus? 

Wimmer Die großen OEM, die es gerade richtig machen, planen ihre Modell- und Markteintrittsstrategie für den Bounce-Back virtuell und generalstabsmäßig vom Vorstand abwärts: Vom Fahrzeugtyp über die Ausstattungslinien bis zum Händlernetz - und in welcher Fabrik das Fahrzeug im September vom Band rollen soll. Das läuft auf Basis unglaublich vieler Annahmen - und wenn diese alle zutreffen, haben sie am Ende gewonnen. 

Car Sharing, Autonomes Fahren: Hersteller trifft der Virusausbruch inmitten in der Transformation zum Mobilitätsdienstleister. Wodurch äußert sich das?  

Wimmer Der Sharing-Ansatz erlebt derzeit klarerweise einen Rückschlag. Der Shuttle-Dienst Moia in Hamburg wurde dieser Tage vorübergehend eingestellt, Individualverkehr wird wieder zum begehrten Gut. Beim autonomen Fahren wird die Zeitleiste im hochvolumigen Fahrzeugsegment weiter ins Rutschen kommen: Es wird dort länger dauern, bis sich Kunden von den Vorteilen eines Tankagenten oder anderer Funktionen überzeugen lassen. Ansonsten sind alle Hersteller gezwungen, ihren Flotten Elektrofahrzeuge beizumengen. 

Was meinen Sie: Wie wird sich Tesla nun global aufstellen? 

Wimmer Nach der zwei Milliarden schweren Kapitalerhöhung wird Tesla vorerst ein ganzes Weilchen durchtauchen können. Mit der Fabrik in China erreicht er mittelfristig einen hervorragenden Absatzmarkt. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass Musk Projekte in Europa auf die lange Bank schiebt. 

Abschließend: Wie halten die Innovationsabteilungen der OEM in ihren virtuellen Netzwerken die Disziplin hoch? 

Wimmer Es braucht ein vernünftiges Timeboxing, eine Agenda und ganz wichtig - einen Technik-Owner. Aber auch das Morgenritual, den virtuellen Arbeitsantritt, wo jeder in Bürokleidung sagt, was er vorhat und wo auch ein Zeitstempel drauf kommt. 

>> Hier lesen Sie die ganze Story über mögliche positive Seiten der Coronakrise: "Über Optimismus, Loyalität und Leadership". Die globale Virus-Pandemie stellt all unsere ökonomischen Grundannahmen in Frage. Warum in einigen Wochen manches anders – aber nicht alles schlechter sein wird.

Viele Unternehmen stecken mitten in Digitalisierungsprojekten, nicht selten den Grundprinzipien des agilen Arbeitens folgend. Sind diese jetzt außer Kraft gesetzt? 

Wimmer Im Gegenteil, sie machen sich jetzt, wo viele im Home Office sitzen, doppelt bezahlt. Wer Agilität aber erst lernen will, sollte das nicht jetzt tun. Da ist es besser, die etablierte Methode beizubehalten. Ihre Zeit dafür wird schon kommen. 

Engelbert Wimmer, 49, ist Co-Founder und CEO der Managementberatung und Investmentgesellschaft E & Co. Er studierte Telematik an der TU Graz und promovierte an der Universität Bremen in Philosophie. Seit über 20 Jahren berät er internationale Automobilkonzerne – aktuell speziell in Fragen der Digitalisierung und der Agilisierung von Organisation und Führung. Mehr Informationen unter www.eandco.com 

JETZT NEU: Corona Economy: Der neue Nachrichten-Echtzeit-Dienst von INDUSTRIEMAGAZIN. Registrieren Sie sich hier.

Hier finden Interessierte alle Informationen, Formulare und den Kurzarbeitsrecher.

Wie geht Ihr Betrieb mit den Auswirkungen des Coronavirus um? 

Verwandte tecfindr-Einträge