Kreislaufwirtschaft

Kreislaufschwäche: Das Problem mit den Kunststoffen

Wissenschaft, Umweltschützer und Industrie sind sich einig: Es braucht eine Kreislaufwirtschaft für Kunststoff, damit weniger Plastikabfall in die Ökosysteme gelangt und dort schwere Schäden anrichtet. Über die konkreten Maßnahmen wird gestritten.

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In einer an globalen Herausforderungen nicht gerade armen Zeit ist die sogenannte Plastikkrise vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Zum einen das dominante Problem mit der Überhitzung der Welt infolge des ungezügelten CO2-­Ausstoßes, dann die COVID­19-­Pandemie mit ihren weitreichenden Effekten für das Leben der Menschen. Da konnte man zwischenzeitlich leicht vergessen, dass ein weiteres Umweltproblem dem Planeten und seinen Bewohnern zusetzt. Erst im August zeigte das britische "National Oceanography Centre" in der bisher umfassendsten Studie das Ausmaß der Verseuchung der Weltmeere mit Mikroplastik. Demnach schwimmen in den oberen Wasserschichten der Ozeane zwölf bis 21 Millionen Tonnen des Abfalls; bis zu 7.000 Mikroplastik-­Partikel befinden sich in einem einzigen Kubikmeter Meerwasser.

Die Problematik wird inzwischen von Politik, Umwelt-­NGOs und Industrie erkannt: Das kaputte, umwelt-­ und menschenfeindliche lineare System muss in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft von Kunststoffen überführt werden. Doch wie das erreichen?

Was die Wissenschaftler fordern

In dem im März veröffentlichten Bericht "Verpackungskunststoffe in der Kreislaufwirtschaft" der Europäischen Akademien der Wissenschaften (Easac) stellen Forscher aus 28 europäischen Ländern das Ausmaß des Problems dar und skizzieren Lösungsansätze. Seit den 1960er-­Jahren – so der Bericht – ist die weltweite Produktion von Kunststoffen um das 20-Fache gestiegen. 360 Millionen Tonnen Plastik kamen im Jahr 2018 aus den Fabriken; 62 Millionen Tonnen davon fallen in Europa an. Lediglich 16 Prozent der Kunststoffabfälle werden derzeit für die materielle Wiederverwertung gesammelt. Der Rest wird verbrannt, auf Deponien gelagert, exportiert oder sonst irgendwie irgendwo weggeschmissen.

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Neben einem Exportverbot von Kunststoffabfällen aus der EU treten die Easac-­Wissenschaftler für "geschlossene Kreisläufe" ein. Die Verwendung von Einmal-­Verpackungen sollte minimiert, Kunststoffabfälle nicht mehr auf Deponien entsorgt werden. Recycling sollte steuerlich begünstigt, unbehandelter Plastikrohstoff verteuert werden: Dass letzterer – auch aufgrund des niedrigen Ölpreises – so billig ist, sei ein "grundlegendes Hindernis für eine größere Nachfrage nach recycelten Materialien", heißt es im Bericht.

Was Umweltschützer fordern

„Plastik ist auch ein gigantischer Klimakiller und CO2-Treiber – das wird in der Öffentlichkeit allerdings noch wenig wahrgenommen”, sagt Lisa Panhuber, Konsumexpertin von Greenpeace in Österreich. Die Produktion und Verbrennung von tausenden Tonnen Plastik verursache allein in Österreich jährlich rund vier Millionen Tonnen CO2 – was circa dem Anderthalbfachen des Flugverkehrs (vor Corona) entspricht. Die Umweltschutzorganisation fordert, Einweg­-Plastikverpackungen gesetzlich zu beschränken und Mehrwegsysteme massiv auszubauen, zum Beispiel bei Getränken. „Wir können den Erdölverbrauch und die Emissionen durch die Plastikproduktion deutlich senken, wenn wir Verpackungen reduzieren und auf Mehrwegsysteme umsteigen”, erklärt Panhuber.

Was die EU unternimmt

Im Jahr 2019 hat die Europäische Union ihre Richtlinie über Einwegkunststoffe beschlossen, die bis 2021 von den Staaten umgesetzt werden muss. Die EU verbietet u. a. Produkte wie Wattestäbchen, Trinkhalme oder Luftballonstäbe aus Kunststoff sowie Becher, Lebensmittelverpackungen und Getränkebehälter aus expandiertem Polystyrol und verordnet eine Mindestquote von 90 Prozent für die getrennte Sammlung von Kunststoffflaschen bis 2029.

Heuer im August einigten sich die Regierungschefs beim EU­-Gipfel in Brüssel auch auf eine Plastikabfallabgabe in der Höhe von 80 Cent pro Kilogramm (= 800 Euro pro Tonne) für nicht rezyklierten Kunststoffverpackungsabfall. Ab 2021 hat jeder Mitgliedstaat den jeweils entsprechenden Betrag nach Brüssel abzuführen, wobei den Mitgliedstaaten freigestellt ist, ob sie die Mittel aus ihren Budgets (d. h. finanziert durch alle Steuerzahler) aufbringen oder auf Hersteller, Handel und Konsumenten umwälzen.

Was im türkis-grünen Regierungsprogramm steht

Bis zum Jahr 2021 muss die genannte EU-­Richtlinie über Einwegkunststoffe von den Mitgliedsländern umgesetzt werden. Die Implementierung ist auch im türkis­grünen Regierungsprogramm enthalten. Die Details dazu – Wiedereinführung eines Pfandsystems für Getränkeverpackungen oder Anreize zum stärkeren Sammeln – sind immer noch Gegenstand von Verhandlungen. Noch im Herbst jedenfalls soll das neue Abfallwirtschaftsgesetz vom Parlament beschlossen werden. >> Lesen Sie dazu: Verpackungen aus Plastik: Gewessler will ein Pfandsystem und neue Abgaben

Was die Industrie unternimmt

Wie auch immer die Regeln im Detail aussehen werden – der Druck auf die Branche wächst. Im Ringen um die Meinungshoheit schlossen sich bereits im Mai dieses Jahres mehrere Unternehmen der Kunststoff­- und Verpackungsindustrie – darunter Alpla, Greiner, Interseroh, Erema und Engel, außerdem die Österreich­-Ableger von Coca­ Cola und Nestlé – zur "Plattform Verpackung mit Zukunft" zusammen. Man versteht sich als Sprachrohr, um das Image der Industrie zu verbessern und die Vorzüge von Kunststoff hervorzustreichen. Und man bringt konkrete Vorschläge mit: Ein einheitliches Sammelsystem, Verbesserung der Infrastruktur in den Bereichen Trennung, Sammlung, Sortierung und Recycling sowie die Förderung von Verpackungslösungen, die zu 100 Prozent wiederverwendbar, wiederverwertbar oder recyclingfähig sind.

"Plastik hat in der Umwelt definitiv nichts verloren", bringt es Günther Lehner, CEO von Alpla, auf den Punkt, schädlich sei allerdings lediglich der achtlose Umgang mit Abfall, nicht das Material selbst. „Verpackungen aus Kunststoff sind sehr leicht, bruchfest und ermöglichen einen sicheren und hygienischen Transport von Produkten“, erinnert Lehner: "Das bequeme Handling und insbesondere die Hygieneaspekte sind wichtige Argumente für Verbraucher."

Alpla betreibt eigene Recyclingwerke für HDPE und PET und trägt damit dazu bei, dass aus gebrauchten Kunststoffflaschen wieder neue Kunststoffflaschen werden. In der Entwicklungsabteilung des Unternehmens entstehen gewichtsreduzierte PET­-Mehrwegflaschen und Lösungen für Nachfüllpackungen.

Design for Recycling

Verpackungsprodukte so zu gestalten, dass sie möglichst einfach recycelt wer­ den können, ist nicht nur Ziel bei Alpla. „Unser Fokus liegt auf ,Design for Recycling‘ und neuen digitalen Technologien“, erklärt Günther Klammer, Vice President Plastifiziersysteme und Recycling bei Engel. Ziel sei es, die Produktion von Verpackungen zu ermöglichen, „die Ressourcen schonen und selbst recycelbar sind“. Ein Beispiel: Transportboxen und Container, die im Sandwichverfahren produziert werden und die zum Teil aus Rezyklat, zum Teil aus Neuware bestehen. Handelt es sich bei Rezyklat und Neuware um denselben Kunststoff – zum Beispiel Polypropylen –, stellt dies ein leichtes Recycling dieser Produkte sicher.

Monomaterialien

"In allen Lebensbereichen werden Kunststoffe verwendet, die jeweils exakt für den gewünschten Einsatzzweck optimiert wurden", sagt Michael Schernthaner, CEO von Schur Flexibles: "Mit Blick auf die CO2­Bilanz erweisen sich verantwortlich eingesetzte Kunststoffe zu­ recht als die ökologisch vernünftigere Alternative." Eine der Schwierigkeiten beim Recycling von Verpackungsmaterial ist oft die Vielzahl an verwendeten Materialien. International tätige Verpackungshersteller wie Schur Flexibles versuchen dieses Problem mit Monomaterialien zu lösen. Schernthaner: „Als eines der ersten Unternehmen am Markt bieten wir bereits seit Ende 2019 für alle unsere Marktsegmente eine recyclingfähige Alternative aus Monomaterial an.“

Globaler Ansatz

Der Kunststoffverarbeiter und Schaumstoffhersteller Greiner mit Sitz in Kremsmünster plädiert dafür, den gesamten Lebenszyklus eines Materials zu betrachten, um dessen Nachhaltigkeit zu bewerten. Hier schneidet Kunststoff verglichen mit anderen Materialien sehr gut ab. Gleichzeitig spart Kunststoff bei vielen Anwendungen – beispielsweise als schützende, haltbarkeitsverlängernde Verpackung, als dämmendes Baumaterial oder im Bereich der Mobilität – deutlich mehr Energie und Ressourcen ein, als für seine Herstellung nötig waren. Schädlich ist der Werkstoff nur, wenn er nicht entsorgt wird und in der Umwelt landet. Hier sollte sich jeder selbst an der Nase nehmen und man muss den Blick vor allem Richtung Asien und Afrika wenden, wo ein Großteil des Plastiks in die Weltmeere gelangt. „In Asien, aber auch Afrika konnten die Abfallwirtschaftssysteme nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten und sind unterentwickelt“, sagt Vorstandsvorsitzender Axel Kühner. „Ein Ansatz ist daher, weltweit die Abfallentsorgungssysteme auszubauen. Ohne Investitionen in die Verbesserung der Müllentsorgung wird es nicht gehen.“ Auch Greiner leistet hier einen Beitrag und hat sich auf den Philippinen mit dem Sozialunternehmen „Plastic Bank“ zusammengetan: Menschen in Küstenregionen erhalten für das Sammeln von Kunststoffabfall ökonomische Anreize. Die Kunststoffabfälle kommen als Ressource wieder in den Markt zurück. Am Ende soll ein Ergebnis stehen, das fast zu gut klingt, um wahr zu sein: Kunststoffabfall vermeiden und zugleich die Armut reduzieren.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Innovation ist für die angestrebte Kreislaufwirtschaft essenziell. Von alleine und ohne rechtliche Rahmenbedingungen werde sich der Wandel freilich nicht voll­ ziehen, sind sich die Kunststoffhersteller einig. Da gehe es zum einen um klare Vorgaben, damit Planungssicherheit für Investitionen hergestellt ist. Wichtig sei aber auch – erklärt Engel­-Manager Klammer – eine „differenziertere Sicht und keine weitere Verunsicherung der Verbraucher“. Klammer: „Eine Abkehr von polymeren Werkstoffen bewirkt gerade bei Verpackungen oft eine schlechtere CO2-­Bilanz.“

Ebenso wichtig wie der rechtliche Rahmen sei Kommunikation, die sich gezielt an die Endverbraucher wendet, meint Alpla-­CEO Günther Lehner: "Ohne Konsumenten geht es nicht. Sie entscheiden, was sie kaufen und wie sie gebrauchte Verpackungen oder Gegenstände entsorgen. Das setzt voraus, dass Verbraucher Kunststoffverpackungen nicht nur als wertlosen Müll, sondern als Wertstoff anerkennen."