Analyse

"Kein Kernkraftwerk ohne finanzielle Hilfestellungen"

Weil die Atomkraftwerke immer älter werden und die Geldmittel für die Kernenergie knapp sind, wird das Sicherheitsproblem dort immer größer, sagte der Atomsicherheitsexperte Wolfgang Renneberg von der Boku. Seiner Ansicht nach ist das Kernenergiegeschäft in Europa und den USA wirtschaftlich am Ende.

Atomenergie Atomkraft

"Kein Betreiber wird mehr ein Kernkraftwerk in Auftrag geben, bei dem es nicht ganz erhebliche finanzielle Hilfestellungen seitens eines Staates geben wird", so Wolfgang Renneberg von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien anlässlich einer Fachkonferenz in Wien im Gespräch mit der APA. Denn ökonomisch würde sich die Kernenergie nicht mehr rentieren. Ausgebaut könnte die Atomenergie allenfalls in China und Russland werden, "wo entweder billigere Konzepte realisiert werden oder dies staatlich verordnet wird", erklärte Renneberg, der am Boku-Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften arbeitet. In den USA würden hingegen schon Kernkraftwerke vom Netz genommen, weil ihr Betrieb viel teurer ist als jener von Erdöl- und Kohlekraftwerken.

Die Kernkraftwerksbetreiber und -hersteller stünden derzeit unter großem finanziellen Druck. So habe etwa der in Frankreich ansässige, weltweit größte Hersteller von Atomkraftwerken (Areva) im Vorjahr über vier Milliarden Euro Verluste geschrieben. Außerdem würden europäische Länder, in denen viele Atomreaktoren stehen - wie etwa Spanien, Frankreich und Großbritannien -, noch mit den Auswirkungen der Finanzkrise ringen. "In dieser Situation ist natürlich ein großer Druck da zu sparen, und es ist nicht zu erwarten, dass viel in die Sicherheit von Kernkraftwerken investiert wird", meint Renneberg.

Derzeit entscheide sich im Streit um das britische Atomkraftwerksprojekt Hinkley Point C, ob neue Atommeiler staatliche Subventionen erhalten sollen. "Wenn man das Projekt einfach ausschreiben würde, dann würde dort niemand ein Kernkraftwerk bauen", erklärte er. Doch die britische Regierung wolle dies möglich machen, indem sie den dreifachen Preis (im Vergleich zu jenem an den Strombörsen) für eine Megawattstunde Strom garantiert. Die Europäische Kommission habe dies gebilligt, wogegen nun unter anderem Österreich beim Europäischen Gerichtshof geklagt hat.

Die Türkei hat allerdings gerade mit dem Bau des ersten Atomkraftwerks des Landes begonnen.

Auch sicherheitstechnisch gäbe es derzeit Probleme mit europäischen Atomkraftwerken. "In den belgischen Kernkraftwerken Doel und Tihange sind überraschenderweise eine Vielzahl von Mikrorissen in den Reaktordruckbehältern entdeckt worden", sagte Renneberg. Damit würden die Sicherheitsreserven an einer entscheidenden Stelle verringert.

"Insbesondere, wenn es zu einem Störfall oder einer schnellen Abschaltung kommt, entstehen starke Druckwechsel in dem Reaktordruckbehälter", erklärte er. Es gäbe die Besorgnis, dass in solchen Fällen die Sicherheitsreserven wegen der Mikrorisse nicht mehr ausreichen und es zu undichten oder aufgeplatzten Stellen an den Reaktordruckbehältern kommen könnte. "Der Chef der belgischen Atomaufsicht, Jan Bens, hat in einem Schreiben an all seine internationalen Kollegen erklärt, er könne sich nicht vorstellen, dass solche Mikrorisse nur in belgischen Atomkraftwerken auftreten", so Renneberg.

Die "Erste internationale Nuklear-Risiko Konferenz" (1st International Nuclear Risk Conference 2015) findet am 16. und 17. April an der Boku in Wien statt. Sie wird von Renneberg und seinen Kollegen der "International Nuclear Risk Assessment Group (INRAG)" organisiert. Eröffnung und Keynote-Vorträge sind öffentlich und ohne Anmeldegebühr zugänglich. (apa)

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