Internethandel

Justiz setzt bei Amazon mehr Rechte für Händler durch - auch in Österreich

Amazon ändert im August die Geschäftsbedingungen für Händler in Deutschland und Österreich. Das deutsche Kartellamt und die österreichische Bundeswettbewerbsbehörde stellen ihre Ermittlungsverfahren ein, die BWB will den Internetriesen aber weiter beobachten.

Nach Beschwerden von Händlern haben das deutsche Kartellamt und die österreichische Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) den Amazon-Marktplatz unter die Lupe genommen. Die Kartellwächter kündigten am Mittwoch an, das Ermittlungsverfahren einzustellen, weil Amazon die Geschäftsbedingungen (AGB) per Mitte August ändert und den Händlern mehr Rechte einräumt.

Die nun angekündigten Änderungen der Marktplatz-Geschäftsbedingungen betreffen den einseitigen Haftungsausschluss zugunsten von Amazon, die Kündigung und Sperrung der Konten der Händler, den Gerichtsstand bei Streitigkeiten sowie den Umgang mit Produktinformationen und viele andere Fragen. Der Handelsverband, der die Beschwerde im Dezember 2018 bei der BWB einbrachte, begrüßte die "wesentlichen AGB-Änderungen".

"Ein beispielsweise plötzliches und unbegründetes Kontosperren sollte nicht mehr möglich sein", erklärte BWB-Generaldirektor Theodor Thanner am Mittwoch. Die BWB will die Umsetzung der neuen Geschäftsbedingungen genau überwachen. "Es ist wichtig, zwischen Unternehmen mit Marktmacht und kleinen Händlern in der digitalen Welt Fairplay zu schaffen", so der oberste Wettbewerbshüter.

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In Österreich ist der Onlinehandel fest in der Hand von Amazon

In Österreich ist der Onlinehandel fest in der Hand von Amazon. Das deutsche Handelsforschungsinstitut EHI schätzte den Amazon-Umsatz in Österreich für 2017 auf 643 Mio. Euro, dabei sind hier Film- und Musik-Streamingdienste sowie Waren, die Dritthändler auf Amazon anbieten, noch gar nicht mitgerechnet - denn hierfür kassiert der Onlineriese Provision. Alles zusammen dürfte sich 2017 der Umsatz von Amazon in Österreich auf mehr als 1,2 Mrd. Euro belaufen haben. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor. Zum Vergleich: Der zweitgrößte Online-Händler in Österreich - der deutsche Modehändler Zalando - kam in Österreich zuletzt auf einen Umsatz von 230 Mio. Euro.

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Amazon nimmt eine Doppelrolle ein - der US-Konzern ist selbst der größte Online-Händler in Österreich und Deutschland und betreibt zusätzlich einen großen Internet-Marktplatz, auf dem andere Händler ihre Waren verkaufen können. Heimische Online-Händler hatten gegenüber den Wettbewerbshütern unter anderem die ungerechtfertigte Sperrung und Schließung von Amazon-Marktplatzhändlerkonten, das Einbehalten von Guthaben gesperrter Marktplatzhändler, die mangelhafte Kommunikationsmöglichkeiten und die Offenlegung von Einkaufspreisen kritisiert.

Kritik in Österreich wächst

Österreichische Online-Händler hatten in der Vergangenheit zahlreiche Geschäftspraktiken rund um den Amazon-Marktplatz kritisiert. Der Handelsverband zeigte sich mit den freiwilligen Änderungen der Geschäftsbedingungen durch Amazon zufrieden. "Damit sind wir unserem Ziel, einen fairen Marktplatz für alle Händler und Konsumenten sicherzustellen, einen entscheidenden Schritt näher gekommen", so Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will am Mittwoch in einer Aussendung. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus Österreich exportierten 2018 über Amazon Produkte im Wert von rund 300 Mio. Euro, teilte der US-Konzern im Mai mit.

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Die heimische Wettbewerbsbehörde befragte im Frühjahr 400 der umsatzstärksten österreichischen Marktplatzhändler des "Amazon.de"-Marktplatzes schriftlich und telefonisch. Mehr als 80 Prozent der angeschriebenen Händler retournierten die Unterlagen. Die Marktbefragung habe die Abhängigkeit der Marktplatzhändler von Amazon gezeigt, so das Resümee der Wettbewerbshüter. Die befragten Marktplatzhändler sehen kaum relevante Alternativen, um ihre Kunden zu erreichen und würden auch bei spürbaren Gebührenerhöhungen durch Amazon den Marktplatz großteils nicht verlassen oder wechseln. Ein großer Teil der befragten Marktplatzhändler verkauft ausschließlich oder fast nur auf Amazon. Relevant sind der eigene Webshop, der stationäre Handel und andere Onlinehandelsplattformen nur für wenige Händler. (apa/red)

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