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Junge Talente in Niederösterreich: „Viele wollen nach Wien“

Wo Spitzenkräfte werken und wo sie offene Türen vorfinden: eine Tour d‘Horizon durch Niederösterreichs Industrie.

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Niederösterreichs Industrie hat früh erkannt, dass die Erfolgsspur nur über bestens qualifizierte Mitarbeiter führt. Und zwar von der Pike auf: So wird etwa jeder siebente Industrielehrling Österreichs in Niederösterreich ausgebildet. Die Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer unterstützt die duale Ausbildung mit verschiedenen Initiativen und bringt immer wieder einen neuen Spin in die Lehre. Mit dem Lehrlingswettbewerb „Industrie 4.0“ wurde eine völlig neue Form des Lehrlingswettbewerbs entwickelt, die mittlerweile international für Aufsehen und Interesse sorgt. Gewinnen können hier nur Teams, deren vier Mitglieder jeweils verschiedene Fähigkeiten und Kompetenzen vereinen. Erstmals mussten sich dieses Jahr die teilnehmenden Lehrlinge dabei auch in Sachen Robotik beweisen und einem Industrieroboter sozusagen „Leben einhauchen“. Parallel gilt Niederösterreich auch als Vorreiter im HTL-Bereich, einer weiteren „Quelle“ für dringend gesuchte Fachkräfte. Es ist das Bundesland mit der höchsten Dichte dieser Schulform. Auch hier wurde im Schulterschluss zwischen Industrie, Wirtschaftskammer, Land und Bildungsdirektion mit „proHTL NÖ“ eine erfolgreiche Förderinitiative ins Leben gerufen (siehe Kasten).

Top-Arbeitgeber im Waldviertel

„Das Bekenntnis zur praxisorientierten Ausbildung sichert den Fachkräftenachwuchs und somit die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft“, ist sich WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl sicher. So finden sich in allen Regionen und allen Branchen Betriebe, die sich diesem übergeordneten Ziel bereits seit Jahrzehnten verschreiben. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Aus- und die Weiterbildung im eigenen Haus gelegt.

Fabrik, Geberit, Industrie, Industriellenvereinigung © Felix Büchele

Die Konzepte, Fachkräfte zu halten, greifen beim Sanitärspeziailsten Geberit.

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Erste Station: Schrems im Waldviertel, nur ein paar Autominuten von der tschechischen Grenze entfernt. Das Eaton-Werk mit 665 Mitarbeitern ist ein wichtiger Arbeitgeber in dieser Region. Ein Produkt geht von hier aus in 170 Länder der Erde: Der Leistungsschutzschalter, im allgemeinen Sprachgebrauch besser als FI-Schalter bekannt. Im Vorjahr verließ das milliardste Stück dieser Schutzeinrichtung vor Überspannung in der Elektroinstallation das Werk mit 22.000 m2 Produktionsfläche. Es sei nicht einfach, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, räumt Nikolaus Dontscheff, Leiter für Produktmarketing & Datenmanagement, ein: „Viele wollen nach Wien.“

Auf der Suche nach Ingenieuren bietet Eaton Praktika an. „Da sieht man auch am besten, wie jemand performt“, sagt Dontscheff. Der „gute Draht“ zu den berufsbildenden Schulen der Region, die in Kooperationen mit Ausrüstung tatkräftig unterstützt werden, mildert die Herausforderung, auch die eigenen Lehrstellen zu besetzen. Die angehenden Fachkräfte werden in einer eigenen Lehrwerkstätte ausgebildet. Zurzeit reifen dort 38 Jugendliche in den Berufen Mechatroniker, Prozesstechniker, Elektroenergietechniker, Werkzeugbautechniker, Maschinenbautechniker, Werkzeugbau/Technischer Zeichner und Werkzeugbau/Kunststoffformtechniker heran.

Alle Kanäle bespielt

Geografisch näher an Wien liegt Waldegg, die Problematik des trocken gewordenen Arbeitsmarktes ist deshalb nicht unbedingt kleiner. „Die größte Herausforderung stellen Positionen in den Bereichen IT und Technik sowie Stellen mit Schichtarbeit bzw. hoher Reisebereitschaft dar“, heißt es von der Personalabteilung der Baumit-Gruppe, die hier ihren Sitz hat. „Der erste Kontaktpunkt ist in den meisten Fällen das Internet. Daher sind wir auf den renommierten Networking- und Karriereplattformen wie XING, LinkedIn, Kununu und Karriere.at vertreten. Eine weitere wichtige Maßnahme in der Mitarbeiterrekrutierung ist der persönliche Kontakt und ein erstes gegenseitiges Kennenlernen im Rahmen von Jobmessen an Schulen, Fachhochschulen und Universitäten. Zudem schreiben wir Stellen auch intern aus und fördern bestehende Mitarbeiter, die sich gerne in einem neuen Unternehmensbereich weiterentwickeln wollen. Wie leicht oder schwierig es ist, entsprechend qualifizierte Mitarbeiter zu finden, hängt natürlich von der ausgeschriebenen Stelle ab. Als namhaftes Unternehmen genießen wir als Arbeitgeber einen ausgezeichneten Ruf. Dadurch haben wir einen guten Zugang zu zukünftigen Mitarbeitern in der Region und vertrauen auch gerne auf Empfehlungen unserer Mitarbeiter. Zudem hat die Lehrlingsausbildung bei Baumit höchsten Stellenwert, denn qualifizierte Lehrlinge sind unsere Fachkräfte und Erfolgsfaktoren von morgen.“

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Beim Schalungstechniker Doka hat fundierte Ausbildung lange Tradition.

Das sieht man auch bei Agrana so. Der Stärkeproduzent hat 2013 in Pischelsdorf im Tullnerfeld eine neue Produktion eröffnet und errichtet dort gerade mit einer Investitionssumme von rund 100 Millionen Euro eine zweite Weizenstärkeanlage. 45 neue Arbeitsplätze entstehen: „Für das Recruiting versuchen wir, dem Facharbeitermangel mit Intensivierung der Lehrlingsausbildungen zu begegnen. Konkret in den Sparten Elektrotechnik, Metalltechnik und Chemieverfahrenstechnik“, sagt Pressesprecher Markus Simak: „Wir haben für heuer sechs neue Lehrlinge in Pischelsdorf aufgenommen. Hierfür wurde an den Schulen im Großraum Tulln, bei der Berufsinfomesse in St. Pölten und bei der Lehrstellenbörse Tulln geworben. Natürlich nutzen wir auch Werksbesichtigungen der Schulen als Gelegenheit, den Agrana-Standort als attraktiven Arbeitsplatz zu präsentieren. Insgesamt haben wir 15 Lehrlinge in Pischelsdorf.“

Recruitingmessen - und Deutschkurse

Gleich mehrmals in den vergangenen Jahren hat Wittmann Battenfeld seine Produktionsstätte in Kottingbrunn erweitert. Der auf Spritzgießtechnik und Automatisierung ausgerichtete Spezialist ziehe Arbeitskräfte sogar aus Ungarn an, berichtet Personalchefin Barbara Neils. Vor allem sind es gesuchte Zerspanungstechniker: „Wir bieten ihnen Deutschkurse, einer unserer Vorarbeiter stammt selbst aus Ungarn.“ Der Großteil der derzeit 534 Mitarbeiter sind freilich Einpendler aus der Umgebung. Und wieder spielt die Lehre eine zentrale Rolle: „Sie ist eine hervorragende Möglichkeit, gute Mitarbeiter an uns zu binden. Wir bilden derzeit 25 gewerbliche und sechs kaufmännische Lehrlinge aus. Aus dieser Schmiede kommen sehr viele Engagierte, die die Lehre mit Matura wählen. Sehr gute Erfahrungen machen wir auch mit HTL-Abgängern.“

Bei Recruitingmessen ist Wittmann Battenfeld in Kooperationen mit HTLs und Universitäten auf LinkedIn eingebunden. Das funktioniere gut, sagt Neils, „schwierig ist nur alles, was in Richtung Softwareentwicklung geht“. Für diesen Bereich wird auch in Kottingbrunn händeringend qualifiziertes Personal gesucht.

Lehrlinge willkommen

An der eigenen Ausbildung der Fachkräfte führt auch für Helmut Schwarzl kein Weg vorbei. Der Geschäftsführer von Geberit in Pottenbrunn weiß von Engpässen bei vielen Firmen: „Fachleute sind in der Region schwer verfügbar. Es gelingt uns aber immer noch gut, einen großen Teil mit eigenen Lehrlingen abzudecken.“ Dazu werde viel Marketing betrieben, schildert Schwarzl – an den Mittelschulen, Polys, auf Berufsmessen, bei Elternabenden... „Möglichst breit aufgestellt sein“, lautet die Devise. Rund 20 Lehrlinge stehen in Ausbildung, jährlich kommen fünf bis sieben neue hinzu. Die Lehrabschlussprüfung wird keinesfalls als Endstation definiert. Zum Beispiel werden FH-Studien teilgefördert und zudem gilt bei Geberit die Regel, dass die Ausbildung zum Meister bezahlt wird. „Dass dich später jemand verlässt, das Risiko hast du. Aber die meisten bleiben“, sagt Schwarzl. Dass sich Geberit-Mitarbeiter schon von früh an ins Zeug legen, zeigt nicht zuletzt der ausgezeichnete Notenschnitt von 1,27 bei den Lehrabschlüssen der letzten Jahre.

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Bei Constantia Teich werden Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Studium unterstützt.

Auch die Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology GmbH (SBOT) in Ternitz stellt mit diesem Monat acht neue Lehrlinge ein. Zwei mehr als im langjährigen Durchschnitt. „Gute Lehrlinge zu bekommen ist nicht einfach“, sagt Werner Reif, Lehrlingsbeauftragter bei SBOT, dieses Jahr sei es besser gelaufen. Schon bei den Schnuppertagen und beim Aufnahmetest seien zwei Bewerber sehr positiv hervorgestochen.

SBOT gilt als sehr attraktiver Arbeitgeber. Engagiertem Nachwuchs stehen alle Karrierechancen offen. Reif: „Unser Produktionsleiter hat vor 40 Jahren als Lehrling bei uns begonnen, unser Geschäftsführer hat eine Lehre – bei einer anderen Firma – absolviert. Sehr viele unserer Gruppenleiter waren anfangs Lehrlinge. Lehrlinge haben bei uns also einen hohen Stellenwert.“

Die entsprechenden Leistungen vorausgesetzt, erhalten alle nach Abschluss der Lehre ein Jobangebot. Die Fluktuation ist gering. „Spitzenfacharbeiter können bei uns sehr gutes Geld verdienen.“

Führungskräfteentwicklung

Eine fundierte Lehrausbildung hat auch beim Amstettner Schalungstechniker Doka lange Tradition: Viele nationale und internationale Karrieren haben dort mit einer Lehre ihren Anfang genommen. In der Ausbildung in nicht weniger als 14 verschiedenen Lehrberufen erhalten die Lehrlinge die Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen in einem internationalen Umfeld zu sammeln. Begleitende Angebote wie Lehre mit Matura und Auslandspraktika zielen darauf ab, das individuelle Potenzial bestmöglich zu entfalten.

Constantia Teich ist der größte regionale Arbeitgeber im Pielachtal, das größte Unternehmen der flexiblen Verpackungsindustrie in Europa sowie das umsatzstärkste Werk von Constantia Flexibles. Nicht ohne Stolz wird um Mitarbeiter geworben: „Wir unterstützen Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Studium und einem mehrjährigen Führungskräfteentwicklungsprogramm.“ Um sich und bestimmte Berufe in Interview-Form vorzustellen, ist Constantia Teich eines der Unternehmen, das neuerdings auch das Portal Whatchado nutzt.

Schließlich gilt auch hier: Es soll keine Chance bei der Suche nach den „talents for future“ verpasst werden.

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