Strategie

Joe Kaeser: "Digitale Fabrik" wird nicht verkauft

Der Technologieriese soll sein industrielles Kerngeschäft beibehalten, meint Konzernchef Kaeser. So seien im Geschäft mit großen Turbinen keine Synergien geplant. Allerdings könne die Medizintechniksparte Healthineers größer werden als die Industriesparten.

Siemens-Chef Joe Kaeser will den industriellen Kern des deutschen Technologiekonzerns mit Sitz in München zusammenhalten. "Die Sparten, die untereinander große Synergien aufweisen, bleiben zusammen", sagte Kaeser dem "Manager Magazin".

"Spekulationen, dass wir erst die Digitale Fabrik und dann das Energy Management an die Börse bringen oder gar die Gebäudetechnik verkaufen, sind Unsinn." Zusammen mit der Automatisierung, der Prozesstechnik, Motoren und Antrieben wolle Siemens sie "auf absehbare Zeit als industriellen Verbund erhalten". Das Geschäft mit großen Gas- und Dampfkraftwerken, in dem Siemens mangels Nachfrage weltweit fast 7.000 Stellen abbauen will, habe dagegen keine Synergien mit dem Kerngeschäft.

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Das gelte auch für die Medizintechnik-Sparte Healthineers, die Siemens im ersten Halbjahr 2018 an die Börse bringen will. "Kunden, Technologien und Regulierung sind völlig unterschiedlich. Allein die Marke ist die verbindende Größe." Trotzdem wolle Siemens die Mehrheit an Healthineers behalten. Analysten veranschlagen den Börsenwert der künftigen Siemens Healthineers AG auf bis zu 40 Mrd. Euro. Langfristig könne die Sparte größer werden als das heutige Kerngeschäft, sagte Kaeser. "Wir wollen massiv investieren, um eine Siemens-Gesundheitstechnik zu schaffen, die das Potenzial hat, in 20 bis 30 Jahren größer zu sein als das industrielle Siemens." Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17 (zum 30. September) erwirtschaftete Siemens mit Computertomografen und Labordiagnostik 13,8 Mrd. Euro Umsatz, das war rund ein Sechstel des Konzernumsatzes.

Kaeser hatte für das nächste Jahr eine neue Strategie für die Jahre nach 2020 ("Vision 2020+") angekündigt. Er hat mehrfach betont, den Konzern künftig als "Flottenverbund" eigenständiger Unternehmen zu führen. Die Windkraftsparte Siemens Gamesa ist bereits separat an der Börse gelistet, auch die Zugsparte soll nach der Fusion mit der französischen Alstom börsennotiert sein.

Von einer Zerschlagung von Siemens könne aber keine Rede sein, betonte Kaeser. "Wir zerschlagen nichts, wir bauen neue Unternehmen." Konglomerate alten Zuschnitts hätten keine Zukunft mehr. "Rückblickend wird keiner mehr fragen, wer was zerschlagen oder neu gebaut hat, sondern nur, ob wir das Unternehmen wettbewerbsfähig gemacht haben für die nächste Generation." Auch der US-Erzrivale GE hat kürzlich den Verkauf mehrerer Randbereiche angekündigt.

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Analysten und Unternehmensinsider sind skeptisch, ob sich ein solcher "Flottenverbund" effizient steuern lässt. "Man führt heute weniger über den Zugriff als durch Überzeugung", sagte Kaeser dem Magazin. "Immer diese Vorstellung, dass man über alles die absolute Kontrolle behalten muss. (...) Vielleicht kontrolliert ja irgendwann Siemens Industrie nicht mehr Siemens Healthineers, sondern umgekehrt." (reuters/apa/red)

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