Innovation in Krise

Innovationsberater Daniel Knuchel: "Zehn Jahre Hochkonjunktur machen irgendwann krank"

Wie Unternehmen in der Pandemie entscheidend an Tempo und Innovationskraft zulegen, sagt Daniel Knuchel, Geschäftsführer und Partner des Wiener Beratungsunternehmens Advicum im Interview.

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Industrie Unternehmensberatung Industriekonjunktur Daniel Knuchel Advicum

Daniel Knuchel, 50,
erlernte nach seinem Studium der Betriebs- und Rechtswissenschaften von der Pike auf das Beratungs-Handwerk: Bis 2003 arbeitete der gebürtige Schweizer beim deutschen Beratungshaus GCI, im selben Jahr baut Knuchel als Co-Inhaber das Wiener Beratungs- und Investmentunternehmen Advicum Consulting auf. Zu den Schwerpunkten des Unternehmens zählen Transformations-Management im Mittelstand und Interimmanagement. Kuchel ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Herr Knuchel, eine kurze Bestandsaufnahme. Blieb für heimische Industrie im Sommer Zeit zum Durchschnaufen, zum Aufladen der Batterien? 

Daniel Knuchel Ich glaube nicht – alle haben sich ihren individuellen Herausforderungen gestellt . Da gibt es die einen, die ohnedies nicht zurückschalten konnten, weil sie ohne große Einbrüche relativ gut durchgekommen sind. Andere sind so im Regelgeschäft dahingeschwommen. Und wieder andere traf die Krise härter. Ausgeruht hat sich in dem Sommer keiner. Auch wenn es jetzt einen Silberstreif am Horizont gibt, der zumindest etwas Druck nimmt, sind alle gefordert konzentriert weiter zu arbeiten. 

Welche charakterlichen Züge sind bei der Bewältigung der Krise in Managementboards jetzt gefragt?

Knuchel Man sollte ein relativ ruhiger Typ sein. Ruhe zu bewahren ist in Krisenzeiten ein guter Ratgeber - egal, ob das Unternehmen klein-, mittel- oder großstrukturiert ist. Wirft die Führungsmannschaft den Kopf weg, wird die Mannschaft noch viel nervöser. Ruhe und Entscheidungsklarheit sind die Maxima in der schwierigen Zeit.

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Ein Beispiel?

Knuchel Das beginnt ganz maßgeblich bei der Kommunikation. Wenn die Geschäftsführung eine Rede an die Mannschaft hält und keine Ruhe ausstrahlt oder nicht gefestigt rüberkommt, dann braucht es keine Viruspandemie, um gute Mitarbeiter zu verlieren. Die Besten sind die Ersten, die dann das Unternehmen verlassen und die es dorthin zieht, wo sie eine bessere und stringentere Führung erwarten. Und: Transparenz ist wichtig. Es gilt, überzeugende Maßnahmen zu setzen und Schritte stets plausibel vor der Belegschaft zu begründen. Wie so oft gilt in dieser heißen Phase auch hier, so einfach wie möglich zu kommunizieren.

Man sollte meinen, Unternehmen hätten nach 2009 mittlerweile ein Händchen - und die nötigen internen Strukturen - für gute Krisenkommunikation.

Knuchel Trainieren kann man viel. Aber wenn Sie mich fragen, wie sich der Mittelstand mit dem Aufsetzen von Krisenmechanismen tut, dann muss ich sagen, ich orte dabei nur bedingt Erfolg. Schlicht aus dem Grund, weil man sich in Unternehmen dieser Größenordnung nicht intensive genug mit diesen Szenarien befasst hat. Anders das Bild in Konzernen, die ihre Stäbe haben, die sich auf disruptive Entwicklungen vorbereiten. Und wo der Kommunikationsstream intern und extern durchläuft.

Mittelständler sollten also mehr wie Konzerne ticken?

Knuchel Nein. Wir wollen den Mittelstand ja nicht umbringen. Aber das Ziel muss sein, eine typische Stärke des Mittelstands, das Machen, in eine leicht besser strukturiertere Welt überzuleiten. Und das mit soviel Gefühl, dass wir nicht die Flexibilität der mittelständischen Strukturen brechen, sondern nur soweit, damit sie besser, und schneller und strukturierter agieren. 

Eine Frage der richtigen Organisationsform?

Knuchel Wir sprechen hier sicher über Organisationsformen als auch über Führungsverhalten. In Krisenzeiten hat sich bewährt, dass man schnell und zielgerichtet agieren soll – dies in Anleihe zu alten Strategien der Kriegsführung. In Unternehmen schlägt sich dies insbesondere dadurch nieder, dass ich dem Führungsteam vertraue und folge. Im Mittelstand sind dies häufig die Unternehmer. In größer strukturierten Unternehmen greift man auf Strukturen und Prozesse zurück, die eine gewisse Stabilität erzeugen. Diese müssen jedoch situationsgerecht angepasst und flexibilisiert werden.

Welcher ist der in der Krise bessere Weg: Inkrementelle oder disruptive Innovation?

Knuchel Es braucht eine stärkere Mischung aus beidem. Innovation kann nicht nur befohlen werden. Ebenso ist es zu wenig, auf Zufallsinnovation zu hoffen. Es braucht Kicks von außen. Man muss auch zulassen, Innovation stärker ins Unternehmen reinzutragen. Denn nach zehn Jahren Hochkonjunktur kommt der Trägheitsfaktor ins Spiel. Immer nur zu verkaufen, was man produziert, macht die Wirtschaft irgendwann krank und kaputt. Um erfolgreich aus der Krise zu kommen, müssen Innovation und Transformation zur neuen DNA des Unternehmens werden.  

Stichwort Digitalisierung: Werden neue digitale Geschäftsmodelle wie Pay per Use oder Technologien nun schneller in den Markt finden?

Knuchel Ja, wir werden sehen, dass die digitale Welle viel schneller rollt. So ist es bereits üblich, dass Meetings per Video abgehalten werden und tradierte Modell wie „Stunde um Stunde im Flieger zu sitzen“ rückläufig sind. Prozesse werden nun deutlich schneller und fokussierte digitalisiert. Bestell- und Auftragsannahmeprozesse werden zukünftig voll digital ablaufen und nicht mehr mit Papier und Bleistift. Dies ist jedoch noch in vielen Bereichen Standard. Das ist Steinzeit. Es braucht neue Zugänge, wie Menschen wertschöpfend und in Würde arbeiten. 

Ist Europa gefestigt genug, um es bei der Digitalisierung mit anderen aufzunehmen?

Knuchel Wenn es gelänge, durch Kooperationen in der Forschung und Entwicklung bereichs- und disziplinübergreifend zusammenzuhalten, hätten wir in Europa einen interkulturellen Pool, der so gigantisch ist, dass wir uns vor anderen wirtschaftlichen Großmächten nicht verstecken müssten. Und ich bin zuversichtlich, dass unsere Studierenden auch bald wieder so international studieren können wie vor Ausbruch der Coronapandemie und somit einen weiteren Baustein für die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung in Europa leisten werden.