Industriespionage

Industriespionage: Attacken auf sieben von zehn Unternehmen

Sieben von zehn Industriebetrieben geben an, in zuletzt Angriffe auf digitale Netze, Daten und Kenntnisse registriert zu haben, so der Fachverband Bitkom. Am stärksten betroffen sind demnach die Branchen Chemie, Pharma, Automotive und Zulieferer. Aus den USA richten sich schwere Anklagen gegen den chinesischen Telekomriesen Huawei.

Sieben von zehn deutschen Industrieunternehmen (68 Prozent) sind nach Angaben des Digitalverbands Bitkom 2016 und 2017 Opfer von Sabotage, Datendiebstahl oder Wirtschaftsspionage geworden. Am stärksten betroffen sei die Chemie- und Pharmabranche, teilte der Verband nach einer repräsentativen Umfrage unter 503 Industrieunternehmen mit.

Am zweithäufigsten seien Unternehmen aus dem Automobilbau Ziel von Attacken gewesen, die von Hackerangriffen bis Aktendiebstahl reichten. "Deutsche Industrieunternehmen verfügen über einmaliges Spezialwissen. Das macht sie erfolgreich und gleichzeitig attraktiv für Angriffe", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Insgesamt sei der Industrie durch Sabotage, Datendiebstahl oder Spionage in den beiden Jahren ein Gesamtschaden von 43,4 Mrd. Euro entstanden.

Chemie, Automotive, Maschinenbau und Anlagenbau im Mittelpunkt

Der Umfrage zufolge wurden in den vergangenen zwei Jahren drei von vier Chemie- und Pharmaunternehmen (74 Prozent) Opfer solcher Angriffe, weitere 22 Prozent waren vermutlich betroffen. Mit 68 Prozent folgt die Automobilbranche. Im Maschinen- und Anlagenbau sahen sich 67 Prozent in den Jahren 2016 und 2017 solchen Angriffen ausgesetzt, bei den Herstellern von Kommunikations- und Elektrotechnik waren es 63 Prozent.

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Mehr als ein Drittel der Attacken (36 Prozent) werde aus dem Inland vorgetragen. Ein Viertel der Industrieunternehmen (24 Prozent) habe Russland als Ursprung für Angriffe angegeben. Fast jedes fünfte betroffene Unternehmen (18 Prozent) habe China als Ausgangsort genannt, 17 Prozent Japan, ebenfalls 17 Prozent Osteuropa ohne Russland und 15 Prozent die USA.

Für die Umfrage interviewte Bitkom Research 503 Geschäftsführer sowie Führungskräfte aus den Bereichen Unternehmenssicherheit, IT-Sicherheit oder Risikomanagement in Industrieunternehmen ab zehn Mitarbeitern telefonisch.

Schwere Anklagen gegen chinesischen Konzern Huawei

US-Präsident Trump geht derzeit massiv gegen den chinesischen Telekom-Ausrüster Huawei wegen Spionage-Verdachts vor. Belege hat er aber nicht. Hierzulande wollen sich Huawei-Partner nicht von den Chinesen distanzieren. Handelt Deutschland "gefährlich naiv"?

Schwere Vorwürfe erhebt US-Präsident Donald Trump gegen Huawei. Nutzt der chinesische Elektronik-Konzern seine Technologien als Trojanisches Pferd, um Spionage in großem Stil im Ausland zu betreiben? Nachdem die USA, Australien und kürzlich auch Neuseeland den weltweit führenden Anbieter von Komponenten für den schnellen Mobilfunkstandard 5G als Handelspartner verbannt haben, wächst möglicherweise der Druck auch in Europa. Deutschland agiere mit seinem bedenkenlosen Umgang "gefährlich naiv", kritisiert etwa Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen. Aber was ist dran an den Befürchtungen?

Nicht nur die deutsche Opposition kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass eine wichtige Infrastruktur in Deutschland mit Bausteinen aus der Volksrepublik China erstellt wird. Nadine Schön, stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag kritisierte, dass Deutschland beim Rollout der 5G-Technologie "offensichtlich überwiegend auf den chinesischen Partner Huawei" setzt - und plädierte für die Stärkung eigener Kompetenz bei der Entwicklung von Hard- und Software.

Experte: "Das ist ein schon lange schwelender Brand"

"Das ist ein schon lange schwelender Brand", sagt der Karlsruher Sicherheitsexperte Christoph Fischer. Das Problem betreffe allerdings längst nicht nur Huawei. Im Prinzip sei kein auf dem Markt aktiver Anbieter, ob nun aus China, Russland oder den USA, "absolut vertrauenswürdig", schätzt Fischer. Auch beim dem US-Netzwerkausrüster Cisco sei immer wieder vermutet worden, dass er bewusst Hintertüren in ihre Hard- und Software verbaue - wie zuletzt bei dem groß angelegten Lauschangriff des britischen Geheimdienstes auf den belgischen Provider Belgacom vor rund fünf Jahren.

Der US-Netzausrüster hatte sich selbst darüber empört, dass der US-Geheimdienst NSA Postsendungen von Cisco abgefangen und die enthaltenen Geräte manipuliert hatte. Das untergrabe das Vertrauen in die Industrie, beklagte Cisco im Mai 2014 nach den Veröffentlichungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden.

Vor fünfzehn Jahren "epochale Chance vertan"

Huawei gehört zu den erfolgreichsten Anbietern von Netzinfrastruktur und neuen Technologien aus China. Auch als Smartphone-Hersteller hat sich das Unternehmen - gestartet als Billig-Marke - in einem hart umkämpften Markt in wenigen Jahren einen Namen gemacht und rangiert inzwischen unter den Top drei neben Samsung und Apple. Die großen deutschen Netzbetreiber schätzen vor allem das Know-how der Chinesen. Und: Meist kann kaum ein anderer Anbieter - sei es Nokia, Cisco oder Ericsson - preislich mit Huawei gleichziehen.

Alternativen sind also rar gesät. Deutschland habe vor etwa fünfzehn Jahren "eine epochale Chance vertan", sagt Fischer. Damals habe es Bestrebungen gegeben, in einem europäischen Projekt auf Basis von Chips des Herstellers Infineon eigene Internet-Hardware zu entwickeln. Dem Projekt sei allerdings wegen Kompatibilitätsproblemen und der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit "der Stöpsel gezogen" worden. Heute fehle Deutschland rund 10 bis 15 Jahre Entwicklungserfahrung - und der Zug sei damit abgefahren. "Wir befinden uns heute in einer Lage, in der wir nur zwischen Teufel und Beelzebub wählen können." (reuters/dpa/apa/red)

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