Experten-Blog

IM-Expertenpool: Industrie 4.0

In sechs Schritten zum erfolgreichen Industrieunternehmen 4.0

Gemischte Gefühle bei industriellen Herstellern: Die Nachfrage nach gefertigten Produkten nimmt nur langsam zu, die Deindustrialisierung in Teilen Europas hingegen steigt. Zukunftsgerichtete Investitionen sind aber unerlässlich, um Schritt halten zu können.

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Politische Unsicherheiten und der Rückzug ins Nationale bedrohen den freien Warenfluss, die Beendigung von Handelsabkommen wäre in der Industrieproduktion deutlich zu spüren – sie könnte das Geschäft von Herstellern mit Werken im Ausland, etwa in Mexiko oder China, empfindlich treffen. Angesichts dieser unsicheren Lage verhalten sich viele industrielle Hersteller zurückhaltend und legen ihre Investitionspläne vorerst auf Eis, bis klar ist, wie es weitergeht. Genau diese Haltung ist aber gefährlich, denn: Gleichzeitig steigen auch die Anforderungen moderner Märkte unaufhaltsam und zukunftsgerichtete Investitionen sind unerlässlich, um Schritt halten zu können. Folgende sechs Punkte zeigen, welche Maßnahmen notwendig sind. 

1.    Verbesserung der technischen Fähigkeiten

Die Integration von Daten- und Analysetools ins Geschäftsmodell ist das Gebot der Stunde: Leistungsfähige neue Datendienste, die in Echtzeit arbeiten, erlauben eine lückenlose Überwachung von Geräten – und damit die minutengenaue Bestimmung des Wartungsbedarfs. Durch sogenannte Preventive Maintenance-Methoden werden Ausfälle oder andere Probleme sofort erkannt und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit den Kunden intensiviert. So lässt sich der Wert der Dienstleistung von Industrieherstellern gezielt erhöhen, wodurch sich neue attraktive Geschäftsmodelle erschließen. Der Verkauf eines großen, komplexen Produkts mit Garantie und Wartungsvertrag ist zunehmend überholt und wird durch flexiblere Modelle ersetzt.

2.    Aufbau einer funktionierenden Dateninfrastruktur

Sollen alle Geräte und Maschinen vernetzt werden, müssen Industriehersteller auch einen Weg finden, die anfallenden Datenmengen zu bewältigen: Nur mit einem schnellen Informationsverarbeitungssystem lassen sich die Daten, die von unzähligen integrierten Sensoren und Geräten pausenlos gesammelt werden, zum eigenen Vorteil nützen – und letztlich zum Vorteil des Kunden. Dabei geht es nicht nur darum, die Daten zu verarbeiten, sondern es müssen unbedingt auch neue Erkenntnisse und Optimierungspotenzial für die eigenen Produkte erhoben werden. Eine ebenfalls große strategische Bedeutung im Umfeld des Internet of Things (IoT) kommt der eigenen Positionierung zu: Soll auf bestehende Lösungen von etablierten Herstellern gesetzt werden oder zahlt es sich aus, eigene Lösungen zu entwickeln und anzubieten?

3.    Aktualisierung der internen IT-Architektur

Ein Problem bei der Verarbeitung von großen Datenmengen ist die Heterogenität der internen IT-Landschaft bei vielen industriellen Produzenten: Zahlreiche große Hersteller haben in der Vergangenheit bis zu 100 verschiedene Enterprise Resource Planning-Systeme (ERP) eingerichtet, um spezifischen Anforderungen schnell begegnen zu können. Aber: Je komplexer die Unternehmenstätigkeit, umso mehr entwickeln sich diese einstmals effizienten ERP-Systeme zu einem Hindernis. Sie sind zu einem unübersichtlichen System von isolierten Netzwerken geworden, das es für die IT schwierig macht, schnell und adäquat auf Geschäfts- und Marktanforderungen zu reagieren. Um die Daten von tausenden verschiedenen Geräten zu verwalten und maßgeschneiderte Analyseberichte zu erstellen, müssen industrielle Hersteller ihre IT-Systeme überarbeiten und eine einheitliche, standardisierte Architektur schaffen, die als Rückgrat für Technologieinitiativen dienen kann.

4.    Entwicklung innovativer Preismodelle

Da sich der Leistungskatalog der Industriehersteller maßgeblich verändert und sich die Beziehungen zu den Kunden umgestalten, müssen sich auch die Gebührenstrukturen anpassen: Vernetzte industrielle Technologie ermöglicht die Wartung von Einrichtungen basierend auf Echtzeit. Dadurch muss das Fachpersonal seltener vor Ort anrücken – und Kunden erwarten zu Recht günstigere Konditionen. Das traditionelle Preismodell mit starren Preisen für Produkte und Wartungs- oder Garantieleistungen muss einer an Ergebnisse gebundenen Gebührenstruktur weichen: „Pay-for-Performance“ tritt an die Stelle von „Pay-for-Product“. So können Hersteller zum Beispiel höhere Gebühren verlangen, wenn die Effizienz verbessert wird oder Ausfallzeiten unter einen bestimmten Schwellenwert reduziert werden können.

5.    Aktives Recruiting für kompetentes Personal

Die Zahl der Stellenangebote wird die Anzahl der verfügbaren Arbeitnehmer im Technologiebereich in absehbarer Zeit weit übertreffen. Kurz gesagt: Auch die Industrie ist vom „War for Talents“ betroffen. Selbst jene Unternehmen, die den Mangel an technologieversierten Mitarbeitern noch nicht direkt spüren, müssen jetzt Vorkehrungen treffen – etwa innovative Entlohnungs- und Arbeitszeitmodelle und eine attraktive Employer Brand entwickeln. Nur dann gelingt es, auch technische Start-ups im Stadtzentrum zu schlagen, die für viele ein spannenderer Arbeitgeber sind als industrielle Hersteller mit Sitz in einem Randbezirk. Nicht außer Acht lassen sollten die Unternehmen dabei das technische Fachwissen der Kandidaten: Ein Experte mit digitalem Fachwissen hilft wenig, wenn ihm gleichzeitig das technische Know-how fehlt. Den größten Mehrwert bringen dem Unternehmen Mitarbeiter mit ausgewogenen Fähigkeiten.

6.    Strategische Partnerschaften und Kooperationen

Industrielle Hersteller müssen ihren Blick über die eigene Branche hinaus richten und aktiv in der Technologiebranche nach Expertise suchen – nur so können sie Datenanalyse- und Software-Lösungen entwickeln und in der Industrie 4.0-Umgebung bestehen. Start-ups haben bereits begonnen, auf dem industriellen Fertigkeitsmarkt Marktanteile im Internet of Things-Spektrum (IoT) zu besetzen. Der Aufbau eigener Fähigkeiten wäre oftmals zu langwierig und mit den verfügbaren Ressourcen kaum umsetzbar. Aber: Diese Allianzen sind nicht ohne Risiko und sollten überprüft werden! Führungskräften empfehlen wir, eine enge Zusammenarbeit mit strategischen Partnern gegen die erforderliche Flexibilität bei der Vertragsgestaltung und der Auswahl weiterer Kooperationen aufzurechnen.

Unternehmen in der industriellen Fertigung müssen ein Ökosystem aufbauen, das von den Möglichkeiten der Analytik und Konnektivität lebt – dadurch können sie ihre Leistungen weit über den Verkauf von Erstausrüstung hinaus steigern und umfassende Servicepakete anbieten. Und: Sie kommen den Bedürfnissen ihrer Kunden näher und es eröffnen sich Chancen für weitere Partnerschaften außerhalb ihrer Kernkompetenzen. Auch in unsicheren Zeiten kann damit eine erfolgreiche Zukunft gesichert werden.

Harald Dutzler ist Managing Partner PwC Strategy& (Austria) GmbH.