Stahlindustrie

Ilva wird verkauft - Rom setzt Frist für Kaufgebote

Bis Ende Juni soll Europas größtes Stahlwerk Ilva in Süditalien verkauft sein. Die Regierung Italiens setzt jetzt eine Frist für mögliche Kaufgebote - und trotz der Krise in der Branche gibt es offenbar mehrere Interessenten. Hier die Details.

Der italienische Staat will eine der am stärksten umweltverschmutzenden Industrieanlagen Europas verkaufen: das Stahlwerk Ilva in Süditalien. Die Regierung veröffentlichte nun in verschiedenen Zeitungen im In- und Ausland einen Aufruf, Gebote abzugeben. Interessenten müssen sich zwischen dem 10. Jänner und 10. Februar melden.

Die Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, hatte diese Woche grünes Licht für den Verkauf des Stahlwerks gegeben. Damit ein Kauf zustande kommt, müssen Interessenten zusichern, dass die Stahlproduktion fortgeführt wird, der Großteil der Arbeitsplätze erhalten bleibt und Umweltauflagen eingehalten werden.

Wie von INDUSTRIEMAGAZIN.at bereits Anfang Dezember gemeldet, will die Regierung in Rom das Geschäft bis zum 30. Juni unter Dach und Fach bringen. Für die "Übergangsphase" soll dem verschuldeten Werk ein staatlicher Kredit von 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Die Zeitung "La Repubblica" berichtete, die Regierung hoffe, dass eine italienische Unternehmensallianz eine Gegenofferte zu dem "absehbaren Gebot" des französisch-indischen Konzerns ArcelorMittal auf die Beine stellen werde.

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Arcelormittal soll interessiert sein

Laut italienischen Medienberichten haben unter anderem die einheimischen Unternehmen Marcegaglia und Arvedi sowie Duferco aus der Schweiz Interesse. Außerdem soll Arcelormittal, der größte Stahlproduzent der Welt, ein Auge auf Ilva geworfen haben.

Das Riva-Werk in Ilva ist das größte Stahlwerk Europas mit einer Kapazität von rund acht Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Nach der Pleite wurde das Werk vom italienischen Staat übernommen, um rund 16.000 Arbeitsplätze zu retten. Im April vergab die Regierung einen Überbrückungskredit in Höhe von 400 Millionen Euro an das Unternehmen. Hier eine chronologische Übersicht der Meldungen zum Thema auf INDUSTRIEMAGAZIN.at.

Neun Milliionen Tonnen Stahl pro Jahr - in guten Zeiten

Das Werk in der süditalienischen Stadt Tarent hatte zu Hochzeiten geschätzte neun Milliionen Tonnen Stahl im Jahr produziert - das entsprach etwa einem Drittel der italienischen Gesamtproduktion.

Der Standort kämpft immer wieder mit massiven Problemen und schreibt jeden Monat Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Zuletzt musste etwa im Februar die Produktion gestoppt werden, weil Rohstoffe gefehlt haben.

Inzwischen herrscht auf den weltweiten Stahlmärkten ein chronisches Überangebot. Deswegen bezweifelt so mancher Branchenexperte, dass sich tatsächlich ein Käufer für Ilva finden wird. "Wer will ein Unternehmen haben, das jeden Monat Millionen verliert?", fragte die Zeitung "La Repubblica". Auch die sehr strengen Umweltauflagen könnten ein Problem sein, warnte das Blatt.

Seit zwei Jahren unter staatlicher Aufsicht

Das Stahlwerk, in dem rund 14.000 Menschen arbeiten, steht seit 2013 unter besonderer staatlicher Aufsicht. Hintergrund waren Vorwürfe gegen die Eigentümerfamilie Riva, die in Kauf genommen haben soll, dass giftige Emissionen aus der Anlage in die Stadt zogen.

Im Oktober wurde ein gerichtliches Mammutverfahren gegen Industriemanager, Politiker und Behördenvertreter eröffnet, die für die heftigen Verschmutzungen aus dem Werk verantwortlich gemacht werden. Die Emissionen werden für mindestens 400 vorzeitige Todesfälle verantwortlich gemacht.

Anwohner sind für weiteren Betrieb - trotz zahlreichen Todesfällen

Viele Anwohner wollen trotzdem, dass Ilva weiterbetrieben wird. Die Arbeitslosigkeit in der Gegend ist bereits hoch - falls das Stahlwerk schließt, könnten die Zahlen noch einmal deutlich steigen. (afp/apa/red)

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