Motoren

Ikone des Motorenbaus: So will Deutschland den Dieselmotor retten

Rudolf Diesel hat einst das Symbol für das deutsche Ingenieurwesen "Made in Germany" geschaffen - doch heute ist das Image dieser Technikikone stark angekratzt. Jetzt schmieden im Hintergrund unterschiedlichste Politiker und Industriebosse einen Plan.

Er war ein unermüdlicher Tüftler, Symbol für deutsches Ingenieurwesen "Made in Germany": Rudolf Diesel haben die technikverliebten Japaner einen Gedächtnishain gestiftet, die deutschen Erfinder verleihen die Diesel-Medaille, und im Weltall trägt ein Asteroid seinen Namen. Doch seine Erfindung ist inzwischen eine beschmutzte Ikone, die dringend Hilfe braucht, von ganz Deutschland.

Das hat zuletzt auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) einräumen müssen und folgerichtig ein "Nationales Forum Diesel" zusammengerufen. Anfang August soll es erstmals tagen, um den Ruf Diesels und dafür auch den Motor selbst zu säubern. Denn es geht nicht nur darum, ein Symbol zu retten, sondern auch Milliarden-Umsätze und Hunterttausende Arbeitsplätze in Deutschlands wichtigstem Industriezweig.

An diesem Industriezweig hängen hunterttausende Arbeitsplätze

Am 2. August soll daher neben den lange zerstrittenen Bundesministerien für Verkehr und Umwelt auch Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries am Tisch sitzen. Hinzu kommen Vertreter der Länder mit Autoindustrie, der Städte und Kommunen und nicht zuletzt die Branche selbst. Nicht allein die deutschen Hersteller und Zulieferer, die im VDA zusammengeschlossen sind, sondern ebenso der VDIK, der die ausländischen Marken vertritt.

Die Größe der Runde spiegelt die Aufgabe wider: Das Vertrauen in die Erfindung Rudolf Diesels bei Millionen Autofahrern soll zurückgewonnen werden. Erschüttert wurde es zunächst von Volkswagen, das mit betrügerischer Software die Abgasreinigung umging. Unter Verdacht stehen auch Fiat und zuletzt Daimler. Doch der Skandal ist nur Symptom eines Grundproblems der hohen Stickoxid(NOx)-Emissionen des Diesels.

Immer mehr Großstädte wollen gar keine Diesel mehr

Die rund 15 Millionen Autos, etwa ein Drittel der gesamten Pkw in Deutschland, stoßen auf den Straßen weit mehr NOx aus als auf den Prüfständen und setzen damit die Kommunen unter Druck. Umweltverbände verklagen sie vor Gericht und setzen sie unter Zugzwang. Stuttgart, Hamburg und auch München drohen so mit Fahrverboten. Folge: Um den Wert der Alt-Fahrzeuge wird gefürchtet, der Verkauf moderner Diesel geht bereits zurück. "Wir sehen mit Sorge, dass der Marktanteil des Euro-6-Diesels sinkt, während der des Benziners entsprechend steigt", klagt VDA-Chef Matthias Wissmann.

Letztlich war es so die Industrie selbst, die die Diskussion über eine Nachbesserung der Diesel-Flotte voranbrachte. Nachdem lange darauf gepocht wurde, die Fahrzeuge seien zugelassen und erfüllten die Vorgaben, zeigt man sich jetzt kompromissbereit. Parallel machte Verkehrsminister Dobrindt eine Kehrtwende. Hatte er zuvor stets die Kommunen aufgefordert, sie sollten doch Taxen, Busse und Behördenfahrzeuge etwa mit Elektro-Antrieben ausrüsten und die privaten Diesel-Pkw verschonen, heißt es nun in der Ankündigung zum Forum: "Ziel ist es, wirksame Maßnahmen zur Reduzierung der Schadstoffemissionen bei Diesel-Pkw zu erreichen." Daran muss sich der CSU-Politiker nun messen lassen.

Vorlegen muss jetzt die Branche: Angeboten hat sich, Euro-5-Diesel per Software nachrüsten zu lassen, was den NOx-Ausstoß etwa um ein Viertel senken würde. Dies sei bei der Hälfte der Fahrzeuge, rund drei Millionen, möglich. Wer zahlen soll, wird offen gelassen. Die Aussage darf man wie im Gebrauchtwagenhandel als VB, Verhandlungsbasis, sehen. Selbst in Kreisen des Verkehrsministeriums heißt es, auch Euro-6 und die älteren Euro-4-Fahrzeuge müssten einbezogen werden. Insgesamt also über zehn Millionen Autos. Klar ist für die Regierung zudem, dass die Besitzer nicht belastet werden dürfen. Dies wäre schwer vermittelbar - und schon gar nicht kurz vor der Bundestagswahl.

Die vielleicht letzte Chance

Immerhin ist die Regierung bereit, sich auf die vergleichsweise kostengünstige Nachbesserung per Software-Update einzulassen und auf teuerer Systeme zu verzichten, die in neuesten Fahrzeugen eingesetzt werden. Diese Software-Lösung könnte zwischen 1,5 und 2,5 Mrd. Euro in Deutschland bedeuten, was für die europäische Autoindustrie machbar wäre. Naheliegend ist aber darüber hinaus, dass eine Verständigung auf ganz Europa übertragen wird, wodurch die Kosten explodieren würden. Probleme mit Diesel-Abgasen und teilweise sogar Fahrverbote gibt es von Marseille bis Athen. Offen ist allerdings, was technisch möglich ist. Können alle Autos so nachgerüstet werden? Wie wirkt sich das auf Motoren und den Verbrauch aus? Als Faustformel gilt: Je weniger Abgase, desto mehr Sprit braucht der Wagen.

Die Branche weiß jedoch, dass das Forum vielleicht die letzte Chance ist, den Diesel zumindest vor einem abrupten Ende zu schützen. Und auch politisch wäre eine Einigung tragfähig: Sowohl Union als auch SPD und mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann sogar ein Grüner wären eingebunden. Das verspricht eine gewisse Sicherheit vor neuen Debatten in der heißen Phase des Wahlkampfs und danach. Und für Rudolf Diesel wäre ein von allen geschnürtes Gesamtpaket für einen sauberen Diesel mit gemeinsamem Foto aller Beteiligten ein schönes Geschenk - 125 Jahre nachdem er sein Patent in Berlin angemeldet hatte.  

(Von Markus Wacket, Reuters /APA/red)