Geislinger

Digitale Hausmacht

Die stündliche Neuplanung seiner Produktionsaufträge brachte dem Kärntner Kupplungshersteller Geislinger den Sonderpreis Industrie 4.0 ein.

Von &
Fabrik2013

Geislinger-Werksleiter Josef Tinzl darf sich über den Sonderpreis Industrie 4.0 freuen: „stündliche Neuplanung der Produktionsaufträge.“

Als Josef Tinzl im September die weitläufigen Hallen der Maschinenbaumesse EMO abschreitet, ist er auf alles vorbereitet. Die Intensität, mit der die Firmen ein neues Produktionsthema gleich als die vierte industrielle Revolution anpreisen, überrascht den Werksleiter dann aber doch. Von Industrie 4.0 – dem effizienten Zusammenspiel moderner Informations- und Kommunikationstechnik mit industriellen Prozessen – war allerorten die Rede. Ein Zukunftsthema, für das sich der Kupplungs- und Drehschwingungsdämpferhersteller, der Großmotorenbauer wie MAN, MTU oder Hyundai beliefert, nach dem Urteil der Fabrik2013-Evaluierer freilich längst die besten Bedingungen im eigenen Betrieb geschaffen hat: „Der Digitalisierungsgrad im Unternehmen ist sehr hoch und es sind die besten Ansätze zu sehen, um darauf zu schließen, dass der Betrieb hier in zehn Jahren weiter ist als andere“, fasst Fraunhofer-Austria-Produktionsexperte Andreas Jäger seine Eindrücke zusammen.

Stündliches Update

Gründe, warum die Kärntner Vorreiter sind, gibt es mehrere. Seit mehr als 15 Jahren wickelt das Werk in Bad St. Leonhard mittels Leitstands die Auftragssteuerung ab. Als der Lieferant schließlich in Konkurs gehen musste, entwickelten die Kärntner den Leitstand mit hoher Schrittfrequenz selber weiter. „Ziel war, das Arbeitsprogramm in der Fertigung über einen selbstoptimierenden Fertigungsleitstand – und nicht mehr auf Zuruf der Meister – zu planen“, erklärt Tinzl. Ein Vorhaben, das die Kärntner stufenweise über Ressourcen- und Fortschrittschecks (Material, CNC-Programm, Werkzeug, Personal, Auftragsfortschritt) spektakulär umsetzten: Der Leitstand, der alle Aufträge und Störungen überschaut, nimmt nun eine stündliche Neuplanung aller Aufträge vor.

2500 Aufträge täglich im Umlauf

Welcher der Bearbeitungsmaschinen wann ein Auftrag zugeteilt wird, hängt von mehreren Parametern ab. Sind das Material und das Werkzeug vor Ort? Sind die erforderlichen Mitarbeiter da – und ist das CNC-Programm fertig geschrieben? Oder muss der Arbeitsablauf aufgrund einer Störung über eine andere Maschine ausweichen? Erstaunliche 2500 Fertigungsaufträge sind im Betrieb so jeden Tag im Umlauf, rund hundert Aufträge finalisieren die Kärntner täglich, „indem sie das Leitsystem optimal über die 140 beplanten Arbeitsplätze jonglieren“, sagt Tinzl. Was die Wettbewerbsjury sicher auch positiv aufnahm: Die Kärntner tüfteln schon am nächsten Projekt.

Derzeit werden Auftragsdaten oder Benachrichtigungen der Instandhalter bei Maschinenstörungen noch „händisch durch den Werker in den Bildschirm eingegeben“, sagt Tinzl. Künftig, verrät der Produktionsprofi, sollen Auftragsdaten direkt aus der Maschine zur Betriebdatenerfassung genützt oder Störungslogs aus der Maschine an die Instandhalter übermittelt werden.