Energiewirtschaft

Heimische Verteilnetzbetreiber fordern leistungsbezogene Netztarife

Die Energiewirtschaft steht vor einem massiven Umbau - und mit immer mehr schwankenden Erneuerbaren, Energiegemeinschaften und Elektroutos steigt auch die Belastung für Netzbetreiber stark an. Nun fordern österreichische Verteilnetzbetreiber leistungsbezogene Netztarife.

Die heimischen Strom-Verteilnetzbetreiber wollen beim Umbau des Energiesystems in Richtung Erneuerbare Energien, PV-Energiegemeinschaften und E-Mobilität nicht über Gebühr belastet werden. Den Umbau des Tarifsystems von Arbeit (kWh) auf Leistung (kW) wünscht man sich möglichst rasch. Zudem bemüht man sich beim Regulator um möglichst viele Freiräume für Speicher-Aktivitäten.

"Für alle Netzbetreiber sollen die gleichen Rechte und Pflichten gelten", deponierte der Geschäftsführer der Wiener Netze, Thomas Maderbacher, bei einem Video-Call des Forum Versorgungssicherheit. Im Blick hatte er dabei die EU-weit geplanten Bürgerenergiegemeinschaften, die auch selbst Netze betreiben dürfen sollen.

Mehr Speicher

Zum Speicherthema nannte es Maderbacher sinnvoll, wenn Verteilnetzbetreiber im Hinblick auf starke Verbrauchsänderungen besser zeitweise Strom in Speicher hineinladen - und bei Bedarf wieder herausholen - können als gleich ein neues Netz zu bauen. "Wir wollen nicht unbedingt vom Markt abhängig sein", so Maderbacher. Nach den Willen der Regulierungsbehörde E-Control sollen Netzbetreiber wie berichtet erst dann Speicherlösungen bereitstellen dürfen, wenn der Markt das nicht tut.

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Die von der E-Control geplante Reform des Netztarifsystems, das künftig stärker auf die elektrische Leistung abstellen soll, wünscht sich der Wiener-Netz-Geschäftsführer möglichst rasch. Wegen der Coronakrise könnte sich die schon für heuer angedachte Reform bis 2022 verzögern, hatte es Mitte April aus der Behörde geheißen. Er hoffe auf einen Aufschub nur um ein Jahr, sagte Maderbacher.

Großer Ausbaubedarf nach 2030

Bis 2025/30 könne man ja noch mit dem jetzigen System und dem jetzigen Investitionsvolumen die Herausforderungen etwa der E-Mobilität stemmen. "Aber nach 2030 sehen viele Studien einen großen Ausbaubedarf, auch in Richtung Klimaneutralität", die Österreich ja bis zum Jahr 2040 schaffen will. Daher brauche man die Tarifreform "je schneller desto besser, sonst ist ein grundlegender Systemwechsel immer schwieriger, wenn die Leistung - wie derzeit - egal ist".

Derzeit fällt etwa bei einer 1,4-kW-Ladestation für ein E-Auto, an der das Fahrzeug acht Stunden hängt, und bei einer einstündigen Schnellladung mit 11 kW Leistung für den Kunden der gleiche Tarif an, weil letztlich der Strom (die Arbeit in kWh) zu zahlen ist. Allerdings wird durch eine rasche Ladung mit hoher Leistung das Netz ungleich stärker belastet - und müsste auch viel stärker dimensioniert sein.

"Höhere Tarife für höhere Leistungen"

"Die höhere Leistung muss sich in einem höheren Tarif niederschlagen", lautet die Forderung des Wiener-Netze-Geschäftsführers: "Wer viel Leistung braucht, muss dafür auch mehr bezahlen." Umgekehrt könnte bei den kommenden Energiegemeinschaften durch viel Eigenerzeugung (mit Solarstrom) vielleicht nur die Hälfte der vorhergehenden Strommenge bezogen werden. Auch da sei ein Leistungstarif nötig, der diese Kosten berücksichtige.

Die Netztarife müssten geändert werden, damit es keine falschen Signale in den Markt hinein und Ineffizienzen gebe. Nur durch eine gerechte Aufteilung der Kosten sei ein Ausbau der Stromnetze möglich, argumentierte Maderbacher. Speziell für die Übertragungsnetze sorgt sich Brigitte Ederer, die Sprecherin des Forums Versorgungssicherheit, darum, dass diese womöglich aufgrund von Widerständen nicht ausgebaut werden können. Vor allem in Deutschland gibt es starken Widerstand zum Netzausbau, obwohl dort eine Menge Windstrom aus dem Norden in die Verbrauchszentren im Süden gelangen sollte.

Das Forum Versorgungssicherheit ist gemeinsame Plattform der fünf Verteilernetzbetreiber Wiener Netze, Netz Niederösterreich, Netz Burgenland, Linz Netz und Netz Oberösterreich. Sie stellen 45 Prozent der heimischen Versorgungsfläche, 50 Prozent der Stromabgabe und 70 Prozent der Netze. (apa/red)