Energieversorger

Heimische Stromwirtschaft drängt auf stärkeren Ausbau der Erneuerbaren

Die Elektrizitätswirtschaft pocht trotz der Übergangsregierung auf einem ungehinderten Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung. Man könne sich politischen Stillstand und Verzögerungen beim EAG nicht leisten, so Verbandschef Leonhard Schitter.

Trotz der neuen politischen Verhältnisse hält die E-Wirtschaft am Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung wie bis 2030 geplant fest. An die Übergangsregierung appelliert die Strombranche, das Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EAG) umzusetzen. Einen politischen Stillstand könne man sich nicht leisten, warnte der Präsident des Branchenverbandes Oesterreichs Energie, Leonhard Schitter.

Die Ziele der Klima- und Energiestrategie für 2030 seien weiter gültig - und im Zuge dessen will die heimische E-Wirtschaft ja bis dahin übers Jahr gerechnet die Stromversorgung gänzlich auf erneuerbar umgestellt haben. "Eine nicht handlungsfähig Regierung" sei da "suboptimal", meinte Schitter vor Journalisten. Das EAG hätte noch im Sommer in Begutachtung gehen sollen, für das eine parlamentarische Zwei-Drittel-Mehrheit nötig ist: "Wir appellieren, dieses Gesetz weiterzubetreiben."

Mit dem EAG soll das Fördersystem auf flexible Marktprämien auf Basis technologiespezifischer Ausschreibungen umgestellt werden, mit Anreizen die Warteschlange an Wind- und Wasserkraft-Vorhaben abgebaut und etwa die Eigenstromsteuer bei Photovoltaik wegfallen, wie im Steuerreform-Entwurf vorgesehen. Die Marktprämien sollen sich je nach Strompreisniveau flexibel verändern. Wenn ein Erzeuger mit seiner Erneuerbaren-Anlage etwa für einen Preis von 60 Euro pro Megawattstunde (MWh) anbietet, so erhält er bei 40 Euro Marktpreisniveau eine variable Prämie von 20 Euro pro MWh, steigt der Marktpreis aber auf 60 Euro, bekommt er keine zusätzliche Prämie. Deshalb soll die neue Förderung nicht mehr kosten, sondern in Summe weiter bei rund 1 Mrd. Euro im Jahr bleiben, betonte Oesterreichs-Energie-Generalsekretärin Barbara Schmidt.

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Damit wie geplant bis 2030 rund 30 Terawattstunden (TWh) Erzeugung an erneuerbarer Energie dazugebaut werden können - je 11 bis 13 TWh an Windkraft und PV sowie 6 bis 8 TWh an Wasserkraft -, dürfe es keine Verzögerungen beim EAG geben. Bei Photovoltaik bedeute das, dass jedes Jahr der jetzige PV-Stand nochmals dazukommen würde, so Schitter - in Summe bis dahin ein Plus von 1.100 Prozent. Bei Windkraft handle es sich um 220 Prozent Zuwachs bzw. um 1.700 auf Vordermann gebrachte oder neu dazugebaute Anlagen, zusätzlich zu den 1.300 bestehenden. Bei Wasserkraft kämen 15 Prozent hinzu.

Aktuell gebe es in der E-Wirtschaft bereits für 10,6 TWh Erzeugung konkrete Projekte, also für ein Drittel der zusätzlich geplanten Erzeugungskapazität bis 2030. Bei Wasserkraft seien aktuell 21 Projekte mit 713 MW Gesamtleistung und etwas über eine TWh Jahreserzeugung in Bau. Zusätzlich in Planung stünden Wasserkraftprojekte mit 2.828 MW Leistung bzw. 3.158 GWh Erzeugung (3,16 TWh), außerdem Konzepte mit 1.040 MW Leistung und 330 GWh Erzeugung. Bei Wasserkraft deckt die E-Wirtschaft mit aktuellen Projekten bereits rund die Hälfte des Ausbauvolumens bis zum Jahr 2030 ab.

Bei Windkraft befinden sich Anlagen mit 614 MW Leistung bzw. 1.719 GWh Stromproduktion pro Jahr in Planung. Zusätzlich gebe es Konzepte für Windanlagen mit 1.085 MW Leistung bzw. 2.781 GWh Stromerzeugung, erläuterte Schitter in einem Pressegespräch. Im Bereich der Photovoltaik sind 6,2 MW mit einer Erzeugung von 6,2 GWh in Bau sowie 28,5 MW Leistung und 28,5 GWh Erzeugung in Planung. Konzepte existieren für weitere 1.245 MW bzw. 1.362 GWh (1,36 TWh) aus PV.

Für mehr Erzeugung seien auch Stromspeicher und ein Netzausbau erforderlich. In Summe gehe es bei den Netzen bis zum Jahr 2030 um Projekte im Ausmaß von rund 10 Mrd. Euro, mit denen 23.000 Kilometer Leitung ertüchtigt oder neu errichtet werden sollten. Für die Klima-und Energiestrategie seien noch weitere Netzprojekte für 8,5 Mrd. Euro vorgesehen. Für die Finanzierung der Netze sei die geplante Umstellung der Netztarifstruktur von Arbeits- zu Leistungspreisen erforderlich. Zur Zeit wird nach verbrauchten Kilowattstunden abgerechnet, künftig orientiert man sich am höchsten Stromfluss.

Zum 380-kV-Lückenschluss sagte Schitter: "Wir rechnen damit, dass mit der Salzburgleitung in den nächsten Monaten begonnen werden kann." Die Verbund-Netztochter APG sprach am Dienstag von September. Grund ist, dass der Verfassungsgerichtshof (VfGH) Beschwerden und Anträge auf aufschiebende Wirkung abgewiesen hat, wie am Dienstag bekannt geworden ist. Das Investitionsvolumen für die Salzburgleitung beläuft sich auf rund 800 Mio. Euro.

Bei der CO2-Thematik ist für Schitter die zentrale Frage, wie Österreich mit Bereichen umgeht, die nicht dem Zertifikatehandel (Emission Trade System/ETS) unterliegen, also dem Mobilitätssektor - sprich: dem Autoverkehr. Die E-Wirtschaft würde eher einen Mindestpreis favorisieren, generell für alle Bereiche. Der Marktpreis liegt aktuell bei 25 bis 26 Euro pro Tonne CO2. Die Österreich drohenden Strafzahlungen - laut Politik 1,6 bis 6,6 Mrd. Euro, laut anderen Aussagen bis zu 9 Mrd. Euro, wie Schitter meinte - müsse daran gearbeitet werden, dass diese Kosten nicht anfallen.

Der Preisaufschlag in Österreich von 3,5 bis 4 Euro pro MWh auf das deutsche Stromgroßhandelspreisniveau, der sich durch die Auftrennung der früher gemeinsamen Handelszone per Oktober 2018 ergeben hat, werde in diesem Bereich bleiben, nimmt Schitter an. Wie der Atomausstieg Deutschlands werde auch der Kohleausstieg zu einer Erhöhung der Strompreise führen. Auch "im allgemeinen, grundsätzlich" sei von eher steigenden Strompreisen auszugehen. (APA/red)

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