Außenhandel

Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea: Weltweite Lieferketten in Gefahr

Der Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea, der in Ereignissen aus der Kolonialzeit seine Wurzeln hat, eskaliert. Globale Lieferketten könnten Schaden nehmen, sagen Experten.

Der Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea eskaliert. Die Regierung in Tokio hat am Freitag beschlossen, das Nachbarland von der "weißen Liste" jener Länder zu streichen, die Vorzugsbehandlungen bei Handelsgeschäften genießen und Produkte beziehen, die für militärische Zwecke benutzt werden können. Die Maßnahme trete am 28. August in Kraft, sagte Japans Industrieminister Hiroshige Seko.

Gefahr für weltweite Lieferketten

Damit verschärft sich die Lage, nachdem Japan zuvor striktere Exportkontrollen für Materialien zur Chip-Produktion verhängt hatte. Hiervon könnten ganze globale Lieferketten Schaden nehmen, warnen Experten. Potenziell seien sämtliche elektronischen Produkte, die Speicherchips enthalten, davon betroffen, zum Beispiel Computer, Smartphones oder Fernseher. Die Folgen für die globale Wirtschaft, die bereits unter dem Handelskrieg zwischen den USA und China leidet, wären unabsehbar.

Südkorea übte umgehend scharfe Kritik an Japans Vorgehen. "Unsere Regierung wird auf Japans unfaire Maßnahme resolut reagieren", sagte Sprecherin Ko Min-jung. Präsident Moon Jae In warnte die Regierung des Nachbarlandes vor schwerwiegenden Konsequenzen. Die Streichung seines Landes von der "weißen Liste" bezeichnete Moon in einer Fernsehansprache als "rücksichtslos" und als eine "ernste Herausforderung" für die bilateralen Beziehungen. "Ich warne eindrücklich, dass die japanische Regierung allein verantwortlich für das sein wird, was künftig passiert", sagte Moon.

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Die beiden Nachbarstaaten sind wichtige Sicherheitspartner der USA. Südkorea nannte Japans Vorgehen politisch motiviert.

Japan: Entschädigungszahlungen seit 1965 längst abgeschlossen

Hintergrund ist ein Disput über die Entschädigung koreanischer Zwangsarbeiter während Japans Kolonialherrschaft (1910 bis 1945). Der Oberste Gerichtshof in Südkorea hatte im vergangenen Jahr in separaten Verfahren Nippon Steel und den Schwerindustriekonzern Mitsubishi Heavy Industries angewiesen, Schadenersatz an ehemalige Zwangsarbeiter zu zahlen. Dies könnte nach Meinung von Beobachtern auch auf anderen Ebenen zu weiteren Entschädigungsforderungen führen, was Japan langfristig große Probleme bereiten könne. Tokio sieht das Thema Entschädigung durch einen bilateralen Vertrag von 1965 als längst abgeschlossen an.

Japan hatte die verschärften Exportkontrollen denn auch damit begründet, dass das gegenseitige Vertrauen untergraben sei und es Sicherheitsbedenken in Bezug auf einige Exporte nach Südkorea gegeben habe, ohne dies jedoch näher zu erläutern. Die Regierung des rechtskonservativen Regierungschefs Shinzo Abe beschloss, dass eigene Firmen für den Export bestimmter Materialien wie Fotolacke, die in der Chip-Produktion verwendet werden, jedes Mal Lizenzen beantragen müssen. Hierbei handelt es sich um hochwertige Vorprodukte, die nur schwer zu ersetzen sind und zunächst die koreanische Chipindustrie mit Firmen wie Samsung, SK Hynix oder LG Display treffen würden.

Südkoreas Chipindustrie ist die größte der Welt, aber auf Vorprodukte des ehemaligen Weltmarktführers Japan angewiesen. "Umgekehrt ist die japanische Industrie darauf angewiesen, dass das Vertrauen in die Qualität und Lieferbarkeit erhalten bleibt", sagte Martin Schulz, Ökonom am Fujitsu Research Institute in Tokio. Nach der Streichung Südkoreas von der "weißen Liste" hänge es jetzt davon ab, wie der Konflikt weiter gehe. Wahrscheinlich sei aber, dass die Behörden weiter zusammenarbeiten und Lieferungen schnell genehmigen, was den Streit wirtschaftlich entschärfen würde.

Auch in Südkorea sehen Wirtschaftsexperten die Aufregung um Japans Entscheidung als übertrieben an. "Japan kann zwar nun sämtliche gehandelten Waren mit Südkorea überprüfen. Inwieweit sie davon auch Gebrauch machen werden, entscheidet sich erst in den nächsten Wochen", sagte Professor Byoung-Joo Kim von der Hankuk Universität in Seoul. "Shinzo Abe sendet vor allem eine politische Botschaft an Südkorea, seine Position bezüglich der Kompensation von Zwangsarbeitern während der japanischen Kolonialzeit zu ändern."

Japans Industrieminister Hiroshige Seko zeigte sich überzeugt davon, dass durch die Maßnahme weder der Handel noch die bilateralen Beziehungen beeinträchtigt würden. Auch würden japanische Unternehmen dadurch keine negativen Folgen haben. Südkorea sei bisher das einzige Land gewesen, das eine Vorzugsbehandlung genossen habe, machte ein Regierungssprecher deutlich. Südkorea werde jetzt wie jedes andere Land in der Region behandelt. Man glaube nicht, dass dadurch die globalen Lieferketten beeinträchtigt werden. (dpa/apa/red)

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