Interview

GG-Group-Chefin Schinkinger: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

Inmitten der Umbrüche des Jahres 2020 hat Eva Schinkinger die GG Group neu aufgestellt. Die Vorstandschefin des Automobilzulieferers über Werte in einem Familienunternehmen, einen Unternehmensverkauf im Lockdown und die Komplexität scheinbar simpler Kabel.

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Frau Schinkinger, wie haben Sie als Spitzenmanagerin in der Automobilindustrie die vergangenen zwölf Monate Pandemie erlebt?

Eva Schinkinger Turbulent. Aber das ging sicherlich allen so. Wir haben in der Zeit nach dem ersten Lockdown auf operativer Werksebene die Grenzen dessen, was an Planungsänderungen und Kapazitätsanpassungen kontrolliert durchführbar ist, erreicht. Zuerst mussten wir mit Kurzarbeit auf die verminderten Abrufe unserer Automotive-Kunden reagieren, doch wenig später wendete sich das Blatt – und die Nachfrage in unseren Wachstumsfeldern hat derart angezogen, dass wir von Vollbremsung auf Vollgas übergehen konnten. Wir fertigen derzeit auf einem höheren Personalstand als vor der Pandemie.

Womit rechnen Sie in den nächsten Monaten bei der Auslastung?

Schinkinger Ich rechne schon damit, dass die Auftragslage zumindest bis in den Sommer hinein auf diesem Niveau bleibt, vorausgesetzt die Lieferketten halten. Aktuell sehen wir in der automotiven Industrie Versorgungsschwierigkeiten mit elektronischen Bauteilen, die zu Kurzarbeit bei einigen OEMs führen und dadurch auch auf uns Auswirkungen haben können.

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Im Januar ist ein einschneidendes Ereignis völlig untergegangen: der Brexit ...

Schinkinger Es ist in der Tat absurd: Noch vor zwölf Monaten hätten wir gedacht, dass der Brexit Anfang 2021 unsere größte Herausforderung sein wird...

Was bedeutet der für Sie und Ihre Kunden in Großbritannien?

Schinkinger: Wir konnten uns mit den betroffenen Lieferanten und Kunden mehrere Jahre auf diese Situation vorbereiten und haben daher bis dato auch keine Schwierigkeiten in unseren Lieferbeziehungen von und nach England. Mit dem Brexit ist es letztlich wie mit Covid und jeder anderen Krise: Der Mensch ist enorm anpassungsfähig. Gesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich ist der Austritt Großbritanniens natürlich eine Katastrophe, weil in dem stetig schneller und unsicherer werdenden globalen Umfeld der Zusammenhalt in Europa immer wichtiger wird.

Apropos unsicherer werdendes globales Umfeld: Sie haben das vergangene Jahr genutzt, um massive strategische Weichenstellungen im Unternehmen zu setzen. Eine Konsolidierung Ihres Produktionsportfolios von Lösungen für den Verbrenner zu E-Mobilität, autonomes Fahren und die Digitalisierung im Automobil.

Schinkinger Wir haben uns vorgenommen, das Leben der Menschen durch unsere Produkte in den Bereichen Energie- und Datenübertragung zu verbessern. In der Automobilindustrie gibt es aktuell vier Megatrends: alternative Antriebe, autonomes Fahren, Connectivity und alternative Mobilitätskonzepte. Bis auf alternative Mobilitätskonzepte unterstützen drei dieser Trends unser Geschäftsmodell, weil auch ihr Inhalt Energie- und Datenübertragung ist...

Braucht man für E-Mobilität andere Kabel?

Schinkinger: Jedenfalls. Hier spielen technische Feinheiten wie die Schirmung, das Gewicht oder auch die Flexibilität eine wichtige Rolle. Dabei ist die Systembetrachtung über Stecker, Kontakt, Leitung sowie Kontaktierungstechnik sehr wichtig. Und natürlich die steigenden Anforderungen bezüglich der Leistung – etwa für die Möglichkeit von Schnellladungen.

Jedenfalls braucht man, so schätze ich, mehr Kabel ...

Schinkinger: Vor allem autonomes Fahren und Connectivity bedeuten mehr Sensoren, Kameras und Radars. Für diese Produkte werden Datenleitungen benötigt, deren Ansprüche an die Datenübertragungsrate ständig steigen. Im Bereich der innovativen Datenleitungslösungen sind wir, das sage ich ohne Übertreibung, mit unseren Produkten auch Technologieführer.

© businessfoto.wien Lars Ternes

Eva Schinkinger, 52, heuerte nach ihrem Studium an der WU (inklusive Elektrotechnik-Matura) vor 27 Jahren bei der GG Group an. Nach dem Aufbau eines Controllings, der Einführung von SAP und eines internen Rechnungswesens folgten Stationen in der HR und im Einkauf des Unternehmens. Als sich 2016 für die Eigentümerfamilien des Unternehmens die Frage stellte, wer der Tochter des Unternehmensgründers, die das Unternehmen 24 Jahre lang führte, nachfolgen sollte, fiel die Wahl fast unweigerlich auf die Allrounderin. Im vergangenen Jahrzehnt ist der Leitungssystemehersteller dramatisch gewachsen: Der Umsatz stieg von rund 240 auf knapp 500 Millionen Euro, die Anzahl der Mitarbeiter weltweit von 2000 auf 4.200.

Als Laie könnte man jetzt ganz unschuldig fragen: Warum setzt die GG Group erst jetzt komplett auf E-Mobilität und autonomes Fahren?

Schinkinger: Natürlich sind wir als Zulieferer abhängig davon, was unsere Kunden nachfragen – allerdings nicht nur die Markenhersteller, sondern auch die Zulieferer der ersten und zweiten Ebene, die wir beliefern. Hinzu kommt: Wir müssen unsere Produkteinführungen über langfristige Produkt-Roadmaps planen. Von der Idee bis zum freigegebenen und industrialisierten Produkt kann man im Schnitt mit drei bis fünf Jahren rechnen. Die Industrialisierung dieser Innovationen bedeutet auch Investitionen in automatisierte Anlagenkonzepte. Dies funktioniert ökonomisch nur bei entsprechenden Stückzahlen.

Im Dezember haben Sie, als Konsequenz dieser Neuausrichtung, das Linzer Metallwerk für Hochleistungsdähte verkauft. Das spannende daran: offenbar unter einem hohen Maß an Berücksichtigung, dass das Werk in die richtigen Hände gerät. Zumindest legt das die gemeinsame Presseaussendung und die Ankündigung hoher Investitionssummen des Käufers nahe. Wie wichtig war dieses Kriterium?

Schinkinger Wir sind ein Familienunternehmen, das lange Jahre durch die Mitglieder der Familie Griller selbst geführt wurde, und die Werte der Gründer leben wir noch heute. Sowohl die Eigentümer als auch ich als CEO betrachten es als persönliche Stilfrage und ethische Selbstverständlichkeit, diese Werte besonders bei tiefgreifenden Veränderungen, die zahlreiche langjährige Mitarbeiter betreffen, hochzuhalten.

Der langwierige Verkaufsprozess, bei dem letztlich die Tiroler Konstant Gruppe den Zuschlag erhielt, startete zu Beginn der Pandemie, als die Zukunftsaussichten sehr unklar waren. Haben Sie da jemals an einen Abbruch gedacht?

Schinkinger Nein. Es ist meine persönliche Überzeugung, dass man in volatilen Phasen zwar mit Bedacht, aber durchaus beherzt und mit Zuversicht handeln muss. Denn wenn man auf Sicherheit wartet, läuft man Gefahr, das entscheidende Momentum im Change Prozess zu verpassen. Das gilt für strategische Entscheidungen ebenso wie für Zukunftsinvestitionen. Wir haben deshalb auch unsere Investitionen in R&D im letzten Jahr zwar priorisiert, aber trotz Umsatzrückgang nicht nennenswert zurückgefahren.

Ein Unternehmensverkauf im Lockdown: Was sind da die Herausforderungen?

Schinkinger Die Pandemie hatte, das kann man sagen, Einfluss sowohl auf das Interessentenfeld als auch den Prozess selbst. Präsenzmeetings waren
nur sehr eingeschränkt möglich – aber besonders wichtig, weil die Auswahl eines potenziellen Käufers nicht ausschließlich auf Zahlen- und Faktenbasis getroffen werden sollte. Aber wir haben Mittel und Wege gefunden, die betreffenden Akteure auf Käuferseite auch auf persönlicher Ebene kennenlernen zu können.

Im Oktober haben Sie außerdem die Aufzugssparte der GG Group mit Produktionsstätten in der Slowakei und in Indien veräußert. Eine Produktlinie, die zuvor gar keine eigene Unit im Unternehmen war. Wie herausfordernd war das?

Schinkinger Die Business Area Elevator hat sich über drei GG-Gesellschaften dargestellt, was den Carve-out für das betroffene Umsatzvolumen äußerst anspruchsvoll gemacht hat. Aber wo ein Wille ist, findet sich üblicherweise auch ein gangbarer Weg – so auch in diesem Fall. Das gesamte am Carve-out beteiligte Team hat hier auf allen Ebenen exzellente Arbeit geleistet.

Abschlussfrage: Wenn, wie erwartet, ab Sommer auch in unser aller Leben wieder Normalität einkehren wird, was wird dann anders sein? Was besser?

Schinkinger An dieser Stelle würde ich mir eine sehr zuverlässige Glaskugel wünschen, nur um ganz sicher zu sein, dass wir die Pandemie dann auch wirklich überwunden haben. Aber im Ernst: Man kann schon jetzt rückblickend feststellen, dass 2020 uns nicht nur ein sehr arbeitsintensives und herausforderndes Jahr beschert hat, sondern auch viele Veränderungsprozesse ausgelöst oder beschleunigt hat, die sich bereits aus heutiger Perspektive positiv auswirken. Ich hoffe, dass uns die Sommermonate die Möglichkeit geben, einander länderübergreifend endlich wieder persönlich zu treffen und die positiven Erfahrungen in das neue Post-Covid-Leben einbauen zu können.