Bahnindustrie

Geplante Fusion: Harte Verhandlungen zwischen Siemens und Bombardier

Harte Verhandlungen zwischen Siemens und Bombardier: Beide Konzerne wollen ihre Zugsparten zusammenlegen - doch keiner der beiden will Macht abgeben. Hier ein ausführlicher Hintergrundbericht.

Siemens und Bombardier ringen bei den Verhandlungen über eine Zusammenlegung ihrer Bahn-Sparten laut Insidern um die Macht in dem Geschäft. Keine Seite wolle die Kontrolle abgeben, beide wollten das geplante Gemeinschaftsunternehmen voll in die eigene Bilanz einbeziehen, sagten zwei mit den Gesprächen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Verhandlungen mit harten Bandagen

Das mache die Verhandlungen "sehr komplex", sagte ein Vertreter aus der Branche. "Das kann sehr schnell gehen, das kann sich hinziehen, es kann aber auch scheitern", sagte der Insider. Bei einem Joint Venture kann nur einer der Partner Umsätze und Gewinne bilanziell voll für sich verbuchen. Beide Sparten sind ungefähr gleich groß.

Beide Konzerne sind mit großen Standorten in Wien präsent. Was die Mitarbeiter in Wien zu der geplanten Fusion der Sparten sagen, lesen Sie hier >>
 

Neuer Hersteller soll ein Gemeinschaftsunternehmen sein

Offenbar unternehmen die Branchenriesen einen neuen Anlauf, ihre milliardenschweren Bahnsparten zusammenzulegen - zum ersten Mal in Form eines Joint Venture. Mehrere Versuche waren vorher im Sande verlaufen. Die Gespräche, die Anfang des Jahres wieder aufgenommen wurden, seien bereits weit fortgeschritten.

Die deutsche Regierung sei über den Gang der Verhandlungen informiert und könne bei den Verhandlungen mit den EU-Kartellbehörden helfen, sagte ein Insider. Ein Regierungssprecher sagte, die Wirtschaftsabteilung im Kanzleramt verfolge die Unternehmenslandschaft in Deutschland, wie es ihre Aufgabe sei. Zu konkreten Fällen könne man sich nicht äußern.

Neuer Konkurrent aus China - und die eigenen Fehler der westlichen Industrie

Die europäischen Zug- und Signaltechnik-Hersteller fürchten die neue Konkurrenz der chinesischen CRRC, die im Ausland auf einem aggressiven Expansionskurs ist.

Eine bittere Ironie dabei ist der Umstand, dass westliche Anbieter von Eisenbahntechnik seinerzeit selbst tatkräftig dabei geholfen haben, die Bahnindustrie in China aufzubauen - und sich mit aktiver Mitarbeit und dem Transfer von Technologie die Konkurrenz von heute hochzuzüchten.

CRRC war vor einem Jahr mit staatlicher Unterstützung aus zwei Unternehmen geschmiedet worden und käme selbst nach einer Fusion der Sparten von Siemens und Bombardier auf mehr als doppelt so viel Umsatz wie das deutsch-kanadische Gemeinschaftsunternehmen.

"In Europa könnten aus drei führenden Zug-Ausrüstern bald zwei werden", schrieb Kepler-Cheuvreux-Annalyst William Mackie. "Siemens und Bombardier wären mit rund 13 Milliarden Euro Umsatz und einem operativen Gewinn (EBIT) von 1,1 Milliarden Euro die stärkste Kombination." Der dritte Anbieter ist die französische Alstom.

Neuer Hersteller hätte in Europa große Marktanteile: Veto aus Brüssel möglich

Die wachsende Marktkonzentration dürfte aber - wie schon beim vorherigen Anlauf - die Brüsseler Kartellwächter auf den Plan rufen. "Ich sehe sehr schlechte Chancen, dass man für eine solche Elefantenhochzeit grünes Licht von der EU-Kommission bekommen würde", sagte Kartellrechtler Dario Struwe von der Frankfurter Anwaltskanzlei FPS zu Reuters.

Einziger ernsthafter Wettbewerber von Siemens und Bombardier sei Alstom - jedenfalls solange die Chinesen nicht auf dem europäischen Markt seien. "Zugeständnisse, mit denen man die Kommission umstimmen könnte, müssten so groß sein, dass fraglich wäre, ob die erwünschten Synergieeffekte dann noch zu realisieren wären." Die Kepler-Analysten haben ausgerechnet, dass allein die Siemens-Aktionäre von dem Zusammengehen in fünf Jahren mit 1,5 bis 2,0 Mrd. Euro profitieren könnten.

Belegschaft wünscht eher Siemens als dominierenden Akteur

Trotz der zu erwartenden Einschnitte kommen auch positive Signale von Arbeitnehmervertretern in Deutschland zu dem Joint Venture, wie ein Insider sagte - allerdings nur, wenn Siemens in dem Gemeinschaftsunternehmen das Sagen hätte. Der Münchener Konzern hatte die Probleme in der Zugsparte unter Vorstandschef Joe Kaeser zuletzt gelöst.

Bombardier hat dagegen mit niedrigen Renditen und technischen Problemen zu kämpfen. Die IG Metall wollte sich dazu nicht äußern. Vor allem in Deutschland gibt es große Überschneidungen. Die Belegschaften müssten mit einem massiven Stellenabbau rechnen.

Massiver Abbau von Arbeitsplätzen ist wahrscheinlich

Die Bahnsparte von Bombardier - früher als Adtranz bekannt - sitzt in Berlin. Einen großen Standort gibt es auch in Wien. Börsenpläne für Bombardier Transportation hatte der Konzern 2015 zu den Akten gelegt, stattdessen stieg die staatliche kanadische Pensionskasse Caisse de depot für 1,5 Mrd. Dollar (1,4 Mrd. Euro) mit 30 Prozent ein.

Siemens hatte bereits erfolglos versucht, sein Zug-Geschäft mit der französischen Alstom zusammenzulegen. Wie die Franzosen auf die neue Allianz reagieren würden, ist offen. Sie hätten klargemacht, selbst an der Konsolidierung des Marktes teilnehmen zu wollen, schrieben die Kepler-Analysten.

JPMorgan vermutet, dass sich Alstom in die Gespräche zwischen Siemens und Bombardier einmischen würde - oder selbst die Signaltechnik des Rivalen Thales kaufen. Diese stehe allerdings derzeit nicht zum Verkauf. (reuters/apa/red)

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