Finanzierung

Fintechs: Kreditanstalt 4.0

Die digitalen Herausforderer der großen Bankhäuser entdecken gerade Unternehmen als Kunden.
 Was Fintechs Industrieunternehmen bieten.

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Mut gehört zur DNA des Anlagenbauers Polytechnik. Das hat sich für Alexander Joham, den Finanzchef des Unternehmens aus dem niederösterreichischen Weissenbach, in der Vergangenheit auch ausgezahlt. Schließlich ist man Weltmarkttechnologieführer bei Biomasseverbrennungsanlagen, weist eine Exportquote von 95 Prozent aus und hat weltweit über 3.000 Feuerungsanlage errichtet. Die Courage beschränkt sich allerdings nicht nur auf Technologie und Expansion, sondern umfasst auch die Frage, wie sich Polytechnik finanziert.

„Wir hatten das Thema Crowdinvesting schon seit längerer Zeit im Kopf, waren aber skeptisch, ob das zu einem Anlagenbauer passt“, so Joham. Vor allem die Frage, wer bereit wäre, sein privates Geld in ein familiengeführtes Industrieunternehmen zu investieren, trieb den CFO lange um. Bis zu jenem Tag, an dem er auf das Wiener Unternehmen Finnest.com stieß. Ein sogenanntes Fintech-Unternehmen, das sich seit drei Jahren der Crowdfinanzierung von betrieblichen Kunden widmet und dessen Erfolgsformel „5-10-20“ lautet: mindestens fünf Millionen Euro Umsatz, mindestens zehn Jahre am Markt und zumindest zwanzig Mitarbeiter. Ab diesen Benchmarks gehört ein Unternehmen zur Zielgruppe.

Firmenkunden haben andere Bedürfnisse

„Die haben langjährige Erfahrung und Finanzexperten, die wissen, was es an Kapitalformen am Markt gibt“, beschreibt Joham. Das hat dem CFO so gut gefallen, dass Polytechnik seit September dieses alternative Instrument zu seinem Finanzierungsmix zählt. In einer Auktion über die Plattform von Finnest wurden Nachrangdarlehen zur Zeichnung angeboten und entgegen der ursprünglichen Befürchtungen des Polytechnik CFO kann sich das Ergebnis sehen lassen: Innerhalb von vier Wochen wurden rund 700.000 Euro zu einer durchschnittlichen Verzinsung von fünf Prozent und einer Laufzeit von fünf Jahren eingesammelt.

Finnest.com gehört zu jener Spezies von Fintechs, die nicht mit coolen Apps auf Retail-Kunden losgehen, sondern bewusst die bei weitem komplexere Materie des Firmenkundengeschäfts gewählt haben. „Wir betonen das ‚Fin‘ mehr als das ‚Tech‘“, erklärt Jörg Bartussek, Mitgründer von Finnest.com. Und das ist im Umgang mit Unternehmen auch der zentrale Erfolgsfaktor: Ins Blickfeld eines Firmenkunden gerät man nicht durch trendige Features, sondern nur durch einen konkreten Mehrwert  – sei’s im Zahlungsverkehr, im Bereich der Supply Chain Finance oder, wie im Fall von Finnest.com, in der klassischen Finanzierung.

Möglich geworden ist die Arbeit von Finnest.com durch die Verabschiedung des österreichischen Alternativfinanzierungsgesetzes (AltFG) vor etwa zwei Jahren. Ziel ist die Schaffung eines Zugangs zum Kapitalmarkt abseits der üblichen und teuren Pfade. „In Österreich haben gerade mal 30, maximal 40 Groß- unternehmen bislang überhaupt Anleihen begeben“, erklärt Günther Lindenlaub, Ex-Banker und CEO von Finnest.com, „d.h. der Zugang zum Kapitalmarkt, also zu Geldflüssen abseits der Banken, war auf ganz wenige große Konzerne beschränkt, die sich das auch leisten konnten.“

Alternative Finanzierung mit zentralen Vorteilen

Diese Demokratisierung der Unternehmensfinanzierung hat für die Zielgruppe wesentliche Vorteile: Zum einen kommt damit Mezzaninekapital ins Unternehmen, was dessen Bilanzstruktur stärkt, zum anderen ist die Finanzierung vergleichsweise günstig und das Darlehen muss nicht besichert werden. Dieser letzte Punkt stellt für die Anleger allerdings gleichzeitig den zentralen Nachteil eines solchen Investments dar, denn Nachrangdarlehen stehen – wie der Name schon sagt – im Insolvenzfall ganz am Ende der Bedienungskette offener Forderungen. Die Chance eines Totalausfalls besteht somit.

Ein Risiko, das für Bartussek allerdings kalkulierbar ist. Im Unterschied zu Start-ups, die üblicherweise im Fokus von Schwarmfinanzierungen stehen, kann ein etabliertes Unternehmen einen Track Record vorweisen. „Den Investitionen der Anleger stehen reelle Werte gegenüber, eine Eigenkapitalbasis, eine langjährige Historie und ein Anlagevermögen.“ Last but not least wird das Investorenrisiko mit überdurchschnittlichen Zinssätzen abgegolten.

In den letzten 24 Monaten hat Finnest ein ansehnliches, zweistelliges Millionenvolumen abgewickelt, ohne einen Ausfall zu verzeichnen, was auch daran liegt, dass anfragende Unternehmen auf Herz und Nieren geprüft werden. Die Ergebnisse dieser Due Diligence werden den Anlegern, samt Bilanzen, Geschäftsplan und Bonitätsrating, als Entscheidungsbasis zur Verfügung gestellt, und es werden nur solche Unternehmen zugelassen, deren Bonität sich in diesem Prozess als „gut“ oder „sehr gut“ erweist.

Ein Aspekt, der auch für Joham sehr zentral ist. „Uns war es sehr wichtig, dass das ordentlich abgewickelt wird und die Anleger gut informiert sind. Finnest hat die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben sogar übererfüllt.“

Optimierung des Working Capital

Mit einem anderen finanztechnischen Bedürfnis von Unternehmen beschäftigt sich CRX Markets aus München: Supply Chain Finance. Das Angebot von CRX Markets richtet sich in erster Linie an große Unternehmen, die über viele Zulieferer verfügen. Innerhalb von nur zwei Jahren konnte da ein beachtliches Portfolio zusammengestellt werden, zu dem etwa Lufthansa, Vattenfall oder Nestlé gehören. Die haben alle großes Interesse, ihr Working Capital zu optimieren und wickeln daher Dynamic Discounting und Reverse Factoring über die Plattform von CRX Markets ab.

Der USP der Münchner liegt vor allem in der Prozessoptimierung und vereinfachten Abwicklung, erklärt Michael Piel, Head of Corporate Markets. „Das ist natürlich erst in den letzten Jahren aufgrund der Digitalisierung der Geschäftsprozesse möglich geworden. Das war vor zehn Jahren noch nicht möglich, als man einzelne Rechnungen papierbasiert irgendwo an die Bank gefaxt hat.“

Beim Dynamic Discounting können Unternehmen die Rechnungen ihrer Lieferanten online bestätigen, d.h. die Forderung als berechtigt anerkennen. Anschließend hat der Lieferant über die Plattform von CRX Markets die Möglichkeit, jederzeit im Rahmen des Zahlungsziels sein Geld anzufordern. Je früher er das tut, desto größer ist der Abschlag. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein digitalisierter Skonto-Prozess auf einer gleitenden Zeitachse. Lieferanten könnten damit ihre Cashflows steuern und der Abnehmer verbilligt seinen Einkauf.

Viele seiner Kunden, so Piel, verwenden dieses Tool auch als strategisches Steuerungsinstrument im Einkauf. Die Entscheidung, ob ein Lieferant die Option zum Dynamic Discounting bekommt, hängt dann etwa von seinen CSR-Standards, seinem ökologischen Bewusstsein oder seiner Lieferqualität ab. „Es ist eine große Katastrophe, wenn die Kunden in der Hosentasche einen Zettel mit der Aufschrift ‚Help!‘ finden. Das möchte ich als Abnehmer doch gerne vermeiden und habe daher ein Interesse daran, dass Lieferanten bestimmte Standards einhalten.“

Was heißt das für die Banken?

Beim sogenannten Reverse Factoring werden über die Plattform von CRX Markets die Rechnungen mehrerer Lieferanten gebündelt, verbrieft und im Auktionsverfahren an Investoren verkauft. Dabei handelt es sich um Zerobonds mit einer Laufzeit von 30 bis 60 Tagen. Durch den Verkauf der Anleihen erhält der Lieferant vorzeitig einen diskontierten Betrag seiner Forderung und der Käufer kann sich kurzfristig refinanzieren. Da dahinter die Bonität eines großen Schuldners und dessen Zahlungsversprechen stehen, sind die Konditionen, im Vergleich zum herkömmlichen Factoring, deutlich besser. Piel: „Das kommt auf das Standing des Unternehmens an, aber ich würde sagen, Faktor zwei oder drei.“

Am Ende steht die Frage, welche Auswirkungen die Fintech Revolution im Bereich der Firmenkunden auf die Banken haben wird. Ein geteilter Kuchen und zunehmende Konkurrenz werden natürlich auf die Erträge drücken. Aber dennoch sind sich alle Experten einig, dass Banken auch in Zukunft ihre Daseinsberechtigung haben. „Wir werden nie im Leben die Bankkredite ersetzen“, ist auch Bartussek überzeugt, „aber es ist genauso klar, dass sich daneben Alternativen entwickeln werden, und das wird online sein.“

Und bei Finnest.com arbeitet man auch schon an der nächsten Erweiterung der Produktpalette: Eine Plattform zur Abwicklung ganz großer Volumina, die sich ausschließlich an Großanleger richten wird. Für Darlehensnehmer wird eine Mindest-Size von fünf Millionen gelten und professionelle Anleger sind ab einer Ticketgröße von 500.000 Euro willkommen. Dann werden Unternehmen demnächst auch bei der Veranlagung von bestehenden Cash Positionen eine Alternative zur Bank haben.