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Fill, Siemens, VW: Wie die Industrie an einem europäischen Daten-Standard schraubt

In europäischen Konsortien treiben produzierende Unternehmen den Abbau des Schnittstellenwusts in der Industrie. Aber wie realistisch ist die Chance auf einen barrierefreien europäischen Datenraum wirklich?

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In "Boost 4.0" findet der Innviertler Maschinenbauer Fill Gleichgesinnte. An einem "europäischen Datenraum", der völlig plattformunabhängig ist, arbeitet der Gurtener Maschinenbauer in dem EU-Projekt mit Unternehmen wie Benteler, Volkswagen, TTTEch oder Whirlpool bis 2020 an konkreten Ergebnissen. In dem Konsortium, in dem neben Big Names der Unternehmenswelt - weitere Partner sind Siemens, SAS und IBM - gesetzt sind, findet sich mit Fraunhofer und der Uni Bonn auch gebündelt Forscherexzellenz.

Ziel der größten europäischen Intitative für Big Data für Industrie 4.0: Auf Basis des europäischen Referenzarchitekturmodells - RAMI 4.0 genannt - den Schnittstellenwust in oder um Fabriken elegant abzubauen und Informationen in annähernd Echtzeit zu teilen. Das soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Autoindustrie stärken, die Fertigungsindustrie bei der Einführung von Big Data in ihren Fabriken unterstützen - und "Werkzeuge zur Verfügung stellen, um den maximalen Nutzen aus dem industriellen Wert von Big Data zu ziehen", heißt es im Projektkonsortium.

Wiesinger, ill © Fill

"Normierte Schnittstellenbeschreibungen sind das Ziel."
Alois Wiesinger, Produktmanager Fill

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Ein untrügliches Zeichen dafür, dass IOT den Sprung vom Rede-Panel in die Fabrik vollzieht. Aber auch dafür, dass immer mehr Unternehmen selbst das Heft in die Hand nehmen, wenn es darum geht, echte Durchgängigkeit zu erreichen. "Das ist nicht Aktionismus einiger weniger", beobachtet ein Produktionsforscher. Sondern "eine lehrreiche Ohrfeige für Hersteller, die bei ihren Standards immer noch auf Blockade setzen", sagt er.

Steigende Komplexität

"In der Gesamtbetrachtung ist durch die Vielzahl an Konsortien und Foren eine steigende Komplexität zu konstatieren", ortet Yves Leboucher, Projektmanager beim Standardization Council Industrie 4.0. Ziel der Initiative ist es, Normen und Standards der digitalen Produktion zu initiieren und diese national sowie international zu koordinieren. Die Initiative beschleunigt Normungs- und Standardisierungsprozesse und stärkt damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Die Herausforderung: Die arbeitsteilige Normungsstruktur aus nationalen, europäischen und internationalen Akteuren, deckt trotz der sehr großen Bandbreite nicht alle Standards ab, die unter anderem im internetgetriebenen Umfeld entstehen.

Leboucher, SCI, 4.0 © SCI 4.0

"Durch die Vielzahl an Konsortien und Foren ist eine steigende Komplexität zu konstatieren."
Yves Leboucher, Projektmanager beim Standardization Council Industrie 4.0

Diese Standards werden in Foren und Konsortien erarbeitet und können weltweit zu de-facto Standards werden. Diese de-facto-Standards spielen in der digitalen Industrie und besonders im internetgetriebenen Umfeld eine gewichtige Rolle und müssen für eine Durchgängigkeit in das Normungsnetzwerk aufgenommen werden. "Beide Ansätze – Normung und Standardisierung - müssen sich zukünftig noch mehr ergänzen. Der Normung im Besonderen kommt sicherlich die Aufgabe zu, sich selbst agiler zu gestalten, um im dynamischen I4.0 Umfeld attraktiv zu bleiben", sagt Leboucher. Dass gerade die Industrie immer öfter auf schnelle Marktumsetzung von Standards für das Internet der Dinge setzt, sehen auch viele Normierer sportlich.

50 Millionen Marktwert. Oder mehr

Wer den globalen Marktwert des Internets der Dinge für das Jahr 2025 mit 50 Millionen Euro oder höher schätzt, kann nicht so falsch liegen. Ein gewaltiger Wachstumsmarkt ist IoT gewiss. Sofern die Datennerds auf ihrer Technologieroadmap nicht durch Grabenkämpfe ausgebremst werden. Integration, Interaktion, Öffnung und Datenschutz - das sind die Stichworte des EU-Projekts IoT Crawler, in dem ebenfalls Siemens mitmischt. Neben der gastgebenden Universidad de Murcia bilden die britische University of Surrey, NEC Europe sowie die spanische Odin Solutions einen Teil des Kernteams. Ihre Motivation: Eine Suchmaschine für das Internet der Dinge zu schaffen, die Integration und Interaktion - und zwar über verschiedene Plattformen - möglich macht.

Ein Projekt, das die beiden Siemens-Österreich-Entwickler Josiane Xavier Parreira und Stefan Bischof, beide Informatiker - spannender nicht finden könnten: Crawling, das automatisierte Durchstöbern von Systemen, sei an sich zwar kein neuer Ansatz, heißt es im Team. Der Reiz liegt stärker in den neuen Anwendungen in der Industrie und deren Komplexität. "Ein Ziel lautet, etwa Sensoren in bestehenden Produktionssystemen rasch und einfach zu lokalisieren", erzählt Bischof. Wie seine Kollegin deckt er im Projekt die Datenanalyse-Seite ab - weitere Kollegen von Siemens Österreich stoßen aus den Bereichen Smart Grids und Smart Buildings dazu. Das größere Bild: Die Konfiguierbarkeit von Gesamtsysteme auf ein neues Level zu heben, gemeinsam mit Domänenexperten aus dem eigenen Haus " die "Konfiguierbarkeit von IOT-Devices besser managebar zu machen", schildert Josiane Xavier Parreira.

Parreira, Bischof, Siemens © Siemens

"Wir wollen die Konfiguierbarkeit von IOT-Devices besser managebar machen."
Josiane Xavier Parreira und Stefan Bischof, Entwickler Siemens Österreich

Semantiker gefragt

Tief in die Datenwelt einzutauchen heißt auch, sich tief in die Semantik, die Beschreibung der Maschine und ihrer Prozesse vorzuwagen. Das Stichwort: Die Arbeit mit sogenannten Ontologien, formalen Beschreibungen von Wissen. "Normierte Schnittstellenbeschreibungen sind das Ziel", erläutert Alois Wiesinger von Fill. Werden Produktionssysteme dann auf Basis dieser zertifiziert, gibt es für alle Partner innerhalb eines Netzwerks ein verlässliches Regelwerk zum Auslesen und weiterverarbeiten von Daten", so Wiesinger. Dann ist man seinem Ziel einen Riesenschritt näher: Der Entwicklung von Konnektoren, die den automatisierten Datentausch möglich machen. Bisher, erzählt Wiesinger, müssten "uns Kunden stets mitteilen, in welchem Format sie Daten an uns übermitteln wollen".

In Zukunft ließen sich Maschinen einfacher koppeln - "es geht in Richtung stärkere Konfiguration statt Programmierung", heißt es in Gurten. Erwünscht: Dass sich auch Maschinenbauprodukte Dritter schnell einbinden lassen. Der Kick-off von Boost 4.0 - koordiniert wird die Arbeit im Konsortium von war Ende baskischen IOT.Allianz Innovalia - war Ende Jänner im Automotive Intelligence Center AIC in Boroa. Spannende Monate erwarten Wiesinger und die über 100 Programmierer - zwei Drittel sind Anlagenprogrammierer, der Rest Hochsprachenprogrammierer - bei Fill. Die Initiative soll eine Gruppe intelligenter und vernetzter Fabriken in Europa etablieren. Diese wiederum dienen dann als Leitfaden der europäischen Industrie. 50 Konsortialpartner, ein Budget von 20 Millionen Euro: Man darf sich dank zahlreicher Use-Cases - unter anderem auch einen von Fill - einen schönen Hebel erwarten. "Alle stürzen sich aufs Thema IOT", beobachtet ein Produktionsexperte. Seit einiger Zeit etwa auch Gießereien, die sich im Symposium Gießerei 4.0 der deutschen VDG-Akademie formieren.

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