Personalia

Ferdinand Piech: Gebürtiger Wiener in einer Reihe mit Gottlieb Daimler und Henry Ford

Der Führungsstil des Firmenpatriarchen war sehr umstritten - doch nach dem Tod von Ferdinand Piëch würdigen ihn viele Weggefährten der Autowelt. Der in Wien geborene Enkel des legendären österreichischen "Käfer"-Konstrukteurs Ferdinand Porsche wird nun in einer Reihe mit Gottlieb Daimler und Henry Ford genannt.

Ferdinand Piëch im Jahr 1982.

Die Autowelt nimmt Abschied von Ferdinand Piëch: Weggefährten, Analysten und Börsianer würdigten den langjährigen VW-Chef am Dienstag als prägend für den Wolfsburger Konzern und die gesamte Branche. Der frühere Firmenpatriarch habe Automobilgeschichte geschrieben – als leidenschaftlicher Manager, genialer Ingenieur und als visionärer Unternehmer, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

"Unser Unternehmen und seine Menschen haben Professor Piëch unendlich viel zu verdanken." Der Porsche-Enkel Piëch war am Sonntagabend im Alter von 82 Jahren gestorben. An mehreren VW-Werken, darunter am Stammsitz in Wolfsburg und in Dresden, wurden die Fahnen auf Halbmast gesetzt.

VW-Chef Herbert Diess hob Piëchs Rolle beim Aufbau des Konzerns zu einem weltumspannenden Unternehmen mit heute mehr als 660.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt 235 Milliarden Euro hervor: "Ferdinand Piëch war mutig, unternehmerisch konsequent und technisch brillant."

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Piëchs Witwe Ursula erklärte, ihr Mann sei "plötzlich und unerwartet" verstorben. Das "Oberbayerische Volksblatt" berichtete online, Piëch sei nach einem Termin in Oberbayern in einem Edel-Restaurant in Aschau im Chiemgau eingekehrt. Dort sei er plötzlich zusammengebrochen und wenig später in einem Rosenheimer Krankenhaus verstorben.

Der geborene Wiener Piëch hat Volkswagen über zwei Jahrzehnte erst als Vorstands- und dann als Aufsichtsratschef geprägt. 2015 zog sich der gebürtige Österreicher von allen Ämtern in dem Riesenkonzern zurück und verkaufte seine Anteile weitgehend - nachdem er zuvor einen Machtkampf mit dem damaligen VW-Chef Martin Winterkorn verloren hatte. Winterkorn dankte Piëch für seine Unterstützung, Piëchs visionäre Kraft und seine großen Fähigkeiten als Ingenieur hätten ihn über viele Jahre geprägt. "Die gemeinsame Arbeit mit Ferdinand Piëch war stets freundschaftlich und inspirierend", teilte Winterkorn mit.

Auch der VW-Betriebsrat lobte Piëch als großen Manager, kehrte aber Meinungsunterschiede nicht unter den Tisch. "Wir waren nicht immer in allen Fragen einer Meinung mit unserem früheren Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden. Aber wir blicken mit Respekt und Achtung auf sein großes Lebenswerk", erklärte Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh. Piëch habe die Erfolgsgeschichte von Volkswagen entscheidend geprägt. Die Arbeitnehmervertretung hatte bei Piëchs Versuch, Winterkorn aus dem Amt zu drängen, mit dafür gesorgt, dass sich er sich als Aufsichtsratschef nicht länger halten konnte.

Wolfgang Porsche: Piech hat "sein eigenes Lebenswerk zerstört"

Doch dieses tollkühn wirkende geschäftliche Agieren kombinierte sich bei Piëch auch immer mit einem menschlich schwierigen Auftritt. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel sagte schon 1994: "Der braucht immer einen Feind." Und sein Onkel Ferry Porsche sagte einmal: "Wir haben fast körperliche Angst vor ihm."

Dieser bis in die Angst reichende Respekt endete endgültig im Machtkampf mit Winterkorn, der selbst nur wenige Monate später über den Dieselskandal stürzte. Piëchs Cousin Wolfgang Porsche wunderte sich noch zwei Jahre später über den zerstörerischen Machtkampf. Das Urteil für seinen Vetter fiel im "Spiegel" vernichtend aus: Er habe "sein eigenes Lebenswerk zerstört".

Als Piëch übernahm, "war Volkswagen praktisch ein Sanierungsfall"

Osterloh erinnerte aber auch daran, dass Piëch 1993 zu einem Zeitpunkt an die Konzernspitze trat, als Volkswagen praktisch ein Sanierungsfall war. Mit der Einführung der Vier-Tage-Woche wurden damals 30.000 Arbeitsplätze in Wolfsburg gerettet. Danach führte Piëch den Konzern auf Augenhöhe an die Konkurrenten Toyota und General Motors heran.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, mit Piëch sei einer der großen Unternehmer in der Geschichte der Bundesrepublik gestorben. "Dass die langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen im Jahr 2015 unter schwierigen Bedingungen beendet werden musste, habe ich sehr bedauert." Der Dank für Piëchs Leistung und der Respekt blieben davon unberührt.

Analysten und Automanager reihten sich ein: "Ferdinand Piëch war einer der erfolgreichsten Automobilunternehmer aller Zeiten", schrieb Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI. Piëch sei sicherlich kontroverser als manch anderer Spitzenmananger heutzutage gewesen. Dafür habe Piëch Volkswagen jedoch zu außergewöhnlichen Erfolgen geführt und "keine Ausreden für ein Scheitern akzeptiert". "Piëch wird als Automobillegende in die Geschichte eingehen, in die gleiche Klasse wie Gottlieb Daimler, Henry Ford und Kiichiro Toyoda", schrieben die Analysten von Bernstein.

Der gelernte Maschinenbauer Piëch startete seine Karriere im Alter von 26 Jahren bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Seinen Ruf als Konstrukteur erwarb sich der Enkel des "Käfer"-Konstrukteurs Ferdinand Porsche bei Audi in Ingolstadt. 1988 rückte Piëch an die Spitze der VW-Tochter, die er zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten von BMW und Mercedes machte. Von 1993 bis 2002 führte er schließlich Volkswagen als Vorstandschef und leitete im Wolfsburger Konzern anschließend bis 2015 den Aufsichtsrat. Unter seiner Ägide verleibte sich VW Porsche ein - nachdem der Sportwagenbauer zuvor mit seinem eigenen Versuch gescheitert war, VW zu übernehmen.

Eine Führung mit eiserner Hand

In Erinnerung bleibt aber auch die Führungskultur, die Piëch bei Volkswagen prägte. Er führte den Konzern mit eiserner Hand und duldete kaum Widerspruch. Dieser Managementstil, den sein Nachfolger Winterkorn später übernahm, wird mit verantwortlich für den Dieselskandal gemacht, bei dem Ingenieure Abgaswerte aus Angst lieber manipulierten, anstatt einzugestehen, dass die Vorgaben der Konzernführung nicht zu erfüllen waren. Winterkorns Nachfolger Matthias Müller beendete die zentralistische Führung in Wolfsburg und leitete die Aufarbeitung des Dieseldesasters ein, die Volkswagen bisher 30 Mrd. Euro gekostet hat. Seit gut einem Jahr steht nun der frühere BMW-Manager Herbert Diess an der Spitze des weltgrößten Autokonzerns. Er soll den Dieselskandal vergessen machen und den Konzern ins Zeitalter der Elektromobilität führen.

1937 in Wien geboren

Piëch wurde am 17. April 1937 in Wien als Sohn des Juristen Anton Piëch und der Porsche-Tochter Louise geboren, er ist der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche. Nach seinem Maschinenbaustudium bis Anfang der 70er Jahre arbeitete er bei Porsche. Dann beschloss der Porsche-Clan jedoch, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen.

Piëch heuerte bei Audi an, wurde 1975 Vorstand und 1988 Vorstandsvorsitzender. Er trimmte die Marke auf Erfolg - und wurde 1993 als Retter nach Wolfsburg geholt, als der VW-Konzern in seine bisher schwerste Krise geschlittert war.

Dort fand Piëch einen Draht zum damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD). Weil Piëch mit einer aggressiven Expansion Arbeitsplätze in Niedersachsen garantierte, ließ ihn im Gegenzug der Großaktionär trotz mancher Probleme gewähren.

Vom Chefsessel wechselte Piëch 2002 in den Aufsichtsrat und wurde fast allmächtiger Chefkontrolleur. Spürbar wurde dies 2009. Vor der Internationalen Automobil Ausstellung sagte er damals grinsend, zwölf sei eine gute Zahl. Zwölf Kinder hatte Piëch da schon - auch die Zahl der Marken im VW-Konzern stieg danach schnell von neun auf ein Dutzend. Als Piëch 75 Jahre alt wurde, kaufte Konzerntochter Audi zum Geburtstag den Motorradhersteller Ducati für 860 Millionen Euro.

(reuters/afp/apa/red)

Zwei Grafiken: Das Imperium von Porsche und VW...

grafik, Porsche, Volkswagen © APA

...sowie zu den beiden österreichischen Familien Porsche und Piëch

Familie, Porsche, Familie, Piech © APA

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