Expertenrunde: Industrielle Wertschöpfung auf dem Hiemmarkt halten

Der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttosozialprodukt beträgt in Österreich – wie in den vergangenen 15 Jahren – exakt 30 Prozent. Andreas Gerstenmayer (AT&S), Andreas Ludwig (Umdasch) und Franz Wohlfahrt (Novomatic) sowie Raiffeisen-General Ludwig Scharinger diskutieren, wie wir die 30 Prozent auch 2021 schaffen.

Länger arbeiten!
Doch die Mechanismen der globalen Arbeitsteilung – lohnintensive Tätigkeiten in Asien, Veredelung in Europa – sind durch den Mißerfolg der dienstleistungsintensiven Volkswirtschaften nicht außer Kraft gesetzt. Welche Hausübungen hat die heimische Industrie zu erledigen, will sie auch 2020 noch einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in diesem Lande sein? Ludwig Scharinger, Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich-Generaldirektor und über unzählige Industriebetteiligunge (Voestalpine, AMAG, Salinen Austria) tief in der Industrie verwurzelt, sieht den Schlüssel in einer weiteren Flexibilisierung, bei Arbeitszeiten und Pensionalter. „Ein Jahr länger arbeiten entlastet den Staat um 1,5 Milliarden Euro“, sagt Scharinger. „In Österreich wird durchschnittlich fünf Jahre kürzer gearbeitet als in Deutschland. Rechnen Sie sich aus, was das kostet.“ Andreas Ludwig sieht den Schlüssel für die Zukunft in massiver Investition in die Ausbildung. „Österreichische Schulen müssen sich wieder auf europäisches Spitzenniveau zubewegen“, meint Ludwig.
 
Heimmärkte erhalten.
Für Gerstenmayer ist es besonders wichtig, dass für die Industrie Großräume geschaffen werden. „Es gibt keinen Wettstreit zwischen Oberösterreich und der Steiermark oder zwischen Deutschland und Österreich, der Wettbewerb liegt außerhalb Europas. Wir müssen uns gegen unsere Mitbewerber USA und Asien durchsetzen“, sagt der Vorstandsvorsitzende von AT&S. Die innereuropäische Diskussion um Griechenland berge die Gefahr, dass man sich wieder auseinanderentwickle. Ludwig Scharinger bläst in dasselbe Horn. Vor allem Griechenland stelle im Moment die größte solidarische Herausforderung für die EU dar. Scharinger scherzhaft: „Wir Österreicher leisten uns Kärnten ja auch. Warum sollte sich die EU also nicht Griechenland leisten?“ .
 
„Herz und Hirn“.
Wenn selbst erfahrene Ökonomen mit ihrer Einschätzung der Abwanderungstendenzen 1999 so grotesk falsch gelegen sind, was meinen die Experten, lassen sich dann Prognosen für 2020 überhaupt machen? „Ja“, meint Andreas Gerstenmayer, der eine klare Tendenz der Abwanderung von Volumensproduktion – etwa im Automobilbereich – sieht. „Aber es werden neue Technologien, neue Ideen an die Oberfläche drängen, und wenn wir uns diesen Veränderungen nicht verweigern, wird wohl in demselben Ausmaß wie heute in Europa produziert“, so Gerstenmayer. Eine Ansicht, der sich auch die anderen Diskutanten anschliessen. „Wir werden auch 2020 einen Wertschöpfungsanteil von rund 30 Prozent haben“, ist sich Franz Wohlfahrt, Vorstandschef der Novomatic, sicher. Das Unternehmen produziert im Raum Gumpoldskirchen mit 800 Mitarbeitern (400 davon in der F&E) Glücksspielautomaten für den Weltmarkt. Exportanteil: 90 Prozent. Auch Raiffeisenlandesbank-General Scharinger zeigt sich optimistisch: „Wir Österreicher wirtschaften mit Herz und Hirn. Das werden wir auch 2020 noch in demselben Ausmaß tun.“
Protokoll: Elisabeth Biedermann

Alle Bilder von Industriekongress 2011 finden Sie hier.

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