EU-Stahlbranche

Europäer üben massive Kritik an neuen Strafzöllen auf Flachstahl

Die EU verhängt Strafzölle auf kalt gewalztes Flachstahl aus China und Russland - doch die Flut billiger Importe werde das überhaupt nicht stoppen, sagen Vertreter der Stahlbranche.

Die EU hat jüngst Antidumping-Zölle auf kaltgewalzte Flachstahlprodukte aus Russland und China beschlossen. Die Strafzölle sind ab sofort für vorläufig sechs Monate in Kraft und können für einen Zeitraum von fünf Jahren verlängert werden. Dabei gelten Strafzölle für bestimmte kaltgewalzte Flachstahlprodukte (CRF) aus Russland in Höhe von 19,8 bis zu 26,2 Prozent je nach Unternehmen. Für Flachstahlprodukte aus China gelten Zölle zwischen 13,8 und 16 Prozent je nach Unternehmen. Mehr dazu hier auf INDUSTRIEMAGAZIN.at.

Europa ist der letzte große offene Markt der Welt

Die Stahlbranche hat die Maßnahme grundsätzlich begrüßt - verstärkt jedoch immer mehr auch die Kritik daran. Besonders die Höhe der Zölle für Einfuhren aus China seien viel zu niedrig, meldet etwa der europäische Stahlindustrieverband Eurofer.

"Die extrem niedrigen Abgaben auf die Importe aus China können die Flut chinesischer Importe von CRF nicht stoppen", so die Kritik von Axel Eggert, Generaldirektor des Branchenverbands. Außer der EU gebe es "fast kein anderes Land in der Welt, dass unfaire Importe derartig begünstigt. Die USA würden in einem vergleichbaren Fall höchstwahrscheinlich eine Abgabe in der gesamten Höhe von 59 Prozent verhängen", so Eggert weiter.

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Die EU müsse daher dringend ihre Regeln anpassen, um die schweren Verwerfungen am Markt als zentrale Ursache der Krise in der europäischen Stahlbranche zu beseitigen. Liegeein Vorschlag der EU-Kommission auf dem Tisch, könnten die Mitgliedsstaaten rasch reagieren.

Doch gerade schnelle Entscheidungen kämen trotz des jüngsten Vorstoßes der EU nicht allzu oft vor, meint Frankreichs Arcelormittal-Chef Darmayan: "Die Prozeduren in Europa sind so langsam, dass wir womöglich erst eine Lösung haben, wenn es zu spät ist."

Ablehnung auch in der Stahlindustrie in Deutschland

Auf Ablehnung stoßen die Maßnahmen auch bei Verbänden der deutschen Stahlindustrie - die jetzt gesetzten Schritte seien viel zu lasch, so Branchensprecher. Die vorläufigen Zölle seien zwar ein erster Schritt, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, auf der "Handelsblatt Jahrestagung Stahlmarkt 2016" in Düsseldorf. Die Höhe sei aber bei weitem nicht ausreichend.

Die Dumpingspanne bei Importen des Werkstoffs aus China lägen in einer Größenordnung von fast 60 Prozent. Die nun beschlossenen Zölle lägen aber nur bei 14 bis 16 Prozent. "Damit wird das unfaire Verhalten der chinesischen Anbieter auf dem europäischen Markt nicht unterbunden."

Neue Zölle schützen nicht vor der existenziellen Bedrohung

Wenn China weiter ungebremst Billigstahl nach Europa exportiere, seien die hiesigen Hersteller in ihrer Existenz bedroht, kritisierte der Verbandschef. Die chinesische Stahlindustrie habe in den vergangenen drei Jahren ihre Exporte auf 111 Millionen Tonnen verdoppelt, während die Anbieter aus dem Rest der Welt ihre Ausfuhren um 20 Millionen Tonnen verringert hätten.

Konzerne wie Thyssenkrupp und Salzgitter werfen den Konkurrenten aus Fernost vor, mithilfe staatlicher Subventionen Stahl unter den Herstellungskosten zu verkaufen. Der Branche machen seit Jahren allerdings nicht nur Billigimporte, sondern auch Überkapazitäten, Preisdruck und Klimaschutzauflagen der EU zu schaffen.

Deutscher Stahlverband bekräftigt seine Prognose für 2016

Verbandspräsident Kerkhoff bekräftigte die Produktionsprognose für 2016. Danach wird die Rohstahlproduktion in Deutschland um drei Prozent auf 41,5 Millionen Tonnen schrumpfen von 42,9 Millionen 2015. 2007 produzierte die Schwerindustrie hierzulande noch 48,3 Millionen Tonne.

Die Branche beschäftigt rund 90.000 Mitarbeiter und ist wichtiger Lieferant für die Automobil- und Bauindustrie sowie den Maschinenbau. Bei einem Zusammenbruch der Stahlbranche in Europa wären die Verarbeiter nahezu vollständig abhängig von Lieferanten aus China, Russland und der Ukraine, warnte Kerkhoff. Diese stellten schon jetzt zwei Drittel der Importe in die EU. (red/reuters/apa)

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