Interview

„Entzünden wir kein Strohfeuer“

Im Januar folgt Michael Strugl auf den langjährigen Boss des Energieversorgers Verbund, Wolfgang Anzengruber. Wie herausfordernd die Energiewende für die Versorger wird – und welche Chancen in den kommenden Konjunkturpaketen liegen.

Von
Wasserstoff Energie Energieversorgung Verbund Michael Strugl

Herr Strugl, die Energiewende ist in aller Munde. Mit welchem Szenario rechnen Sie in den nächsten zehn Jahren und wie wirkt sich Digitalisierung auf das klassische Stromgeschäft aus?

Michael Strugl Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten zehn Jahren den Wandel von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern erleben werden. Die Digitalisierung wird ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sein. Zum Teil verändert sie das Geschäft und die Geschäftsmodelle massiv. Wir setzen auf digitale Technologien, um das innovativ und effizient voranzutreiben. Ein Beispiel: das digitale Kraftwerk, wo wir etwa mit Predictive Maintenance sicherstellen, dass wir Fehler schon vorab erkennen. Ein anderes Beispiel sind unsere Handels-­ und Vertriebsaktivitäten, wo wir beim Trading mit Algorithmen und Handelsplattformen arbeiten. Wichtig sind die digitalen Technologien im Netzbereich, wo sie uns helfen, diese Systeme immer besser zu managen.

Die Digitalisierung beschert den Stromerzeugern starke Konkurrenz. Sind es unabhängige, kleine Stromanbieter oder branchenfremde IT-Riesen, die sich zwischen Endverbraucher und Produzent schieben wollen, die die größte Gefahr für die Versorger darstellen? Oder sind es letztlich die automatisierten Systeme, die den billigsten Strom von sonstwoher ins Wohnzimmer holen?

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Strugl Alles, was Sie jetzt genannt haben, ist bereits Realität und spielt eine Rolle. Wir begegnen sogenannten Digital Attackers, die mit sehr schlanken Strukturen und niedrigen Preisen aggressiv in die Märkte hineingehen. Wir haben aber auch große digitale Konzerne, wie die von Ihnen angesprochenen Amazon und Google sowie weitere, die möglicherweise auch dieses Geschäft für sich entdecken. Was man ebenfalls nicht vergessen darf: Es gibt auch andere Herausforderungen. Ich denke an Cyber­kriminalität oder Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur. Natürlich hat die Digitalisierung ihre Abrisskanten und ihre Risiken.

Die Corona-Krise wird zunehmend zu einer Wirtschaftskrise. Die Staaten pumpen unvorstellbare Summen in die Wirtschaft, um die Konjunktur anzukurbeln. Kann und soll dieses Geld an Bedingungen geknüpft sein? Vielleicht Teil des vielbeschworenen Green Deal?

Strugl Aus unserer Sicht würde es Sinn ergeben, Konjunkturprogramme mit Klimaschutzprogrammen zu verbinden. Warum? Weil es hier um Investitionen in Infrastruktur geht, weil das nachhaltige Investitionen sind und weil sie lange wirken. Es kommt darauf an, dass man möglichst nicht ein Strohfeuer entzündet, sondern dass man längerfristig nachhaltig konjunkturelle Impulse setzt. Investitionen in den Stromsektor wären ein guter Hebel dafür. Wir haben vor kurzem eine Studie von Economica auf den Tisch bekommen, aus der hervorgeht, dass Investitionen in die E-Wirtschaft zusätzliche Wertschöpfung generieren: drei Euro, die in die E­-Wirtschaft fließen, generieren zusätzliche zwei Euro in vor-­ und nachgelagerten Bereichen. Das sind Impulse und Wachstumsanreize, die Österreich als Wirtschaftsstandort stärken.

Bisher war es so, dass der Bedarf an elektrischer Energie ständig wächst, zugleich wollen wir auf fossile Energieträger mehr und mehr verzichten. Atomenergie ist aufgrund der radioaktiven Rückstände ebenfalls keine wirkliche Option. Kann der Verbund in den nächsten Jahren genug grüne Energie bereitstellen?

Strugl Wenn wir die Dekarbonisierung vorantreiben wollen, wird grün erzeugter Strom eine ganz zentrale Rolle spielen. Diese zusätzliche Energie muss von irgendwo herkommen. Bei Verbund erzeugen wir derzeit im Jahr ca. 33 Terawattstunden Strom – zu 95 Prozent Grünstrom. Der Gesamtverbrauch liegt in Österreich bei 72 Terawattstunden. Wir gehen bis zum Jahr 2030 von einem zusätzlichen Bedarf von 27 Terawattstunden für ganz Österreich aus. Das heißt, für diese zusätzliche Erzeugung müssen wir bestehende Anlagen immer weiter optimieren, aber auch neue Anlagen – Sonne, Wind und auch Wasser – bauen. Wir wollen bis 2030 ungefähr 20 bis 25 Prozent unserer gesamten Erzeugung mit On­shore-­Windanlagen und Photovoltaikanlagen erzeugen. Wenn wir dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfinden, kann sich das ausgehen.

Stichwort E-Mobilität: Haben wir genug Strom, um den Kfz-Verkehr zu elektrifizieren?

Strugl Wir haben ja derzeit nur einen noch sehr geringen Anteil an Elektrofahrzeugen, das sind etwas über 30.000 Fahrzeuge im Land, aber das wird sich ändern. Eine Studie geht für das Jahr 2030 von ungefähr 750.000 E­-Fahrzeugen – Plug­in­-Hybride und reine Batteriefahrzeuge – aus. Würden wir annehmen, dass alle Fahrzeuge in Österreich von heute auf morgen elektrisch betrieben werden und legen wir eine durchschnittliche Kilometerleistung zugrunde, dann brauchen wir ungefähr neun Terawattstunden zusätzlich in Österreich. Das entspricht ungefähr 13 Prozent unseres jetzigen Energiebedarfs. Nachdem es eben nicht von einem Tag auf den anderen geht, wird das machbar sein. Es wird auch nicht daran scheitern, dass wir zu wenig Strom hätten. Die Herausforderung besteht darin: Wie gestalten wir die Lastgänge? Gibt es Lastspitzen, weil alle gleichzeitig laden wollen? Mithilfe von smarten Ladestationen, Netzen und Systemen müssen wir die Versorgung intelligent managen.

Sie haben die Notwendigkeit der Neuerrichtung von Kraftwerken angesprochen. Das ist natürlich immer eine heiß umstrittene Sache, weil alle Leute grüne Energie haben wollen, aber niemand das Windrad im Hinterhof. Wie lässt sich der Ausgleich zwischen einander widersprechenden Interessen herstellen?

Strugl Das ist ein Reflex, den wir kennen, und mit dem wir wohl auch in Zukunft leben müssen. Wir vertreten die Meinung, dass der umweltverträgliche Ausbau von Erzeugungsanlagen für erneuerbare Energie etwas ist, das wir vorantreiben müssen. Wir suchen dort den Dialog mit Stakeholdern und Betroffenen. Letztlich muss es Verfahren geben, die in einer vernünftigen Zeit zu Ende sind. Und es braucht Planungs­- und Rechtssicherheit für diejenigen, die investieren.

Also war die Abkürzung der Umweltverträglichkeitsprüfung, wie sie die letzte Regierung durchgesetzt hat, in Ihrem Sinn?

Strugl Ja, grundsätzlich schon. Es geht darum, die Balance zu finden zwischen den Parteienrechten und den Interessen, Verfahren zügig durchführen zu können.

Denken Sie, wird die Neuerrichtung von Kraftwerken unter Türkis-Grün einfacher oder schwieriger?

Strugl Was ich weiß, ist, dass sich diese Regierung zum Ausbau der erneuerbaren Energien in einem nennenswerten Ausmaß bekannt hat, und das nehme ich wörtlich. Wenn man das will, muss man auch die entsprechenden Projekte vorantreiben und ermöglichen. Die Indikationen, die wir haben, gehen in diese Richtung. Ich bin durchaus zuversichtlich.

Sie sind an mehreren Pilotprojekten zur industriellen Nutzung von Wasserstoff beteiligt. Das bekannteste ist H2Future zusammen mit Voestalpine. Dort geht es darum, Kohle in der Stahlerzeugung durch grünen Wasserstoff zu ersetzen. Wie ist der aktuelle Stand?

Strugl Derzeit sind wir in Linz dabei, den Betrieb dieser Elektrolyseanlage zu testen. Bisher funktioniert das stabil, und die Ergebnisse sind zufriedenstellend. In weiterer Folge geht es darum, Anwendungsbeispiele für die Industrie zu entwickeln. Das ist der derzeitige Status quo.

Ein weiteres Pilotprojekt ist das ehemalige Kohlekraftwerk in Mellach, auch dort arbeiten Sie mit Wasserstoff. Können Sie mir kurz sagen, was dort passiert?

Strugl In Mellach betreiben wir eine reversible Hochtemperatur­-Elektrolyseanlage. Das heißt, wir können dort aus grünem Strom Wasserstoff erzeugen. Und mithilfe der Brennstoffzelle wiederum Strom. Zum Beispiel für die Notstromversorgung oder Eigenstromversorgung im Kraftwerk oder andere Industrieanwendungen. Das ist eine neue Technologie, die wir hier gemeinsam mit der Technischen Universität Graz erproben.

Gibt es einen Zeithorizont, wann Wasserstoff für Sie als Stromerzeuger nicht bloß in Pilotprojekten, sondern wirtschaftlich interessant sein wird?

Strugl Technisch ist das alles schon möglich, und wir gehen davon aus, dass Wasserstoff eine wesentliche Rolle im Zuge der Sektorkopplung und als Industrierohstoff spielen wird. Derzeit ist Wasserstoff in der Speicherung allerdings wirtschaftlich noch nicht im Markt darstellbar. Wir brauchen entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen. Wenn man möchte, dass grüner Wasserstoff eine Chance hat, wird man überlegen müssen, wie man grünen Wasserstoff privilegiert oder zumindest nicht benachteiligt.

Sie werden Wolfgang Anzengruber mit Januar 2021 beerben, hat der Aufsichtsrat des Verbund fixiert. Gibt‘s eine Sache, die Sie sicher anders machen werden als er?

Strugl Gestatten Sie mir, diese Frage nach dem 1. Januar 2021 zu beantworten.

Sie sind seit Anfang 2019 Verbund-Manager, davor waren Sie in der Landespolitik in Oberösterreich. Wenn Sie zurückblicken: Was ist jetzt besser und was schlechter als zuvor?

Strugl Politik und ein börsenotiertes Unternehmen unterscheiden sich da. Das, was ich hier im Unternehmen sehr schätze, ist, dass es sehr rational zugeht und alles äußerst berechenbar ist.

Michael Strugl ist stellvertretender Vorsitzender des Verbund – und designierter Nachfolger (der wurde im April vom Aufsichtsrat für eine Periode beginnend mit Januar 2021 einstimmig gewählt) von Langzeit-CEO Wolfgang Anzengruber. Strugl war zuvor Wirtschaftslandesrat in Oberösterreich und Stellvertreter von Landeshauptmann Stelzer. 2018 wechselte er zum Verbund, wo er als für Vertrieb und Marketing zuständiger Vorstand das beste Vertriebsjahr in der Geschichte des Stromkonzerns verantwortete. 

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