Hintergrund

Ende des deutschen Aufschwungs: Ein Pro und ein Contra

13 Quartale ist die deutsche Wirtschaft ununterbrochen gewachsen. Damit scheint es vorerst vorbei zu sein. Hier Gründe, die dafür sprechen - und jene, wonach ein Ende des Aufschwungs trotzdem nicht in Sicht ist.

13 Quartale ist die deutsche Wirtschaft ununterbrochen gewachsen. Im Sommer wurde dem ein vorläufiges Ende gesetzt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte um 0,2 Prozent und damit erstmals seit Anfang 2015. War das nur ein Ausrutscher oder der Anfang vom Ende des Dauer-Booms, der Europas größter Volkswirtschaft neun Wachstumsjahre in Folge bescherte? Es gibt Argumente für beides:

PRO: Die deutsche Wirtschaft wird kleiner Brötchen backen

Exporte: Brexit, Handelskonflikte, Schwellenländer-Krisen, Sanktionen gegen Russland und den Iran: Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft sind das alles keine guten Nachrichten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet deshalb damit, dass die Ausfuhren in diesem Jahr mit 2,8 Prozent nur noch halb so kräftig wachsen wie im langjährigen Schnitt. "Was sich erst einmal nur nach Arithmetik anhört, bedeutet übersetzt mehr als 55 Milliarden Euro weniger in den Auftragsbüchern hierzulande", erklärt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Im nächsten Jahr erwartet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sogar nur ein Exportplus von 2,5 Prozent. Läuft der Außenhandel schlechter, bremst das auch Investitionen.

Fachkräftemangel: Durch den Dauer-Boom stößt die Wirtschaft an Grenzen. Sichtbar wird das beispielsweise an der Zahl der offenen Stellen, die im dritten Quartal mit 1,24 Millionen einen Rekordwert erreichte, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelte. Allein in der Industrie hat sich der Bedarf binnen eines Jahres um ein Drittel auf 160.000 erhöht. Das bedeutet, dass Unternehmen so manchen Auftrag sausenlassen müssen oder langsamer abarbeiten können - beides drückt das Wachstum.

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Inflation: Die Lebenshaltungskosten sind im Oktober mit 2,5 Prozent so stark gestiegen wie seit zehn Jahren nicht mehr. "Angesichts der guten Konjunktur und der Nachrichten von Immobilienmärkten kann man erwarten, dass der Trend weiter aufwärtsgeht", sagt LBBW-Chefökonom Uwe Burkert. "Allmählich wird Inflation wieder ein echtes Thema." Dadurch wird ein beträchtlicher Teil der Lohnsteigerungen abgeknabbert, so dass die Kaufkraftgewinne kleiner ausfallen dürften als in der Vergangenheit. Das könnte den Konsum bremsen.

CONTRA: Ein Ende des Aufschwungs ist nicht in Sicht

Bauboom: Er dürfte sich noch Jahre fortsetzen, da der Bedarf an Wohnungen enorm gestiegen ist. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag beschlossen, in der bis 2021 laufenden Legislaturperiode 1,5 Millionen Wohnungen zu bauen - das wären 375.000 pro Jahr. Auch wenn die Wirtschaft dieses Ziel für zu hoch gegriffen hält, wird die Baubranche noch lange Zeit alle Hände voll zu tun haben - zumal die öffentliche Hand auch mehr für die Infrastruktur ausgeben will.

Rekordbeschäftigung: Im Sommerquartal wurden erstmals im wiedervereinigten Deutschland mehr als 45 Millionen Erwerbstätige gezählt, vor allem wegen der Zuwanderung. Den Prognosen der Wirtschaftsweisen zufolge wird der Aufwärtstrend anhalten. 2019 sollen es im Jahresschnitt fast 45,3 Millionen Erwerbstätige geben, die Arbeitslosigkeit unter 2,2 Millionen sinken. Das dürfte die Kauflaune der Deutschen stützen und damit den Konsum.

Staat: Die deutsche Regierung will im kommenden Jahr mehr Geld unter die Leute bringen. So führt die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung zu einer Steigerung der verfügbaren Einkommen, sagt das DIW-Institut. Geplant sind weitere Maßnahmen, vom Baukindergeld über die Anpassung des Kinderfreibetrags bis hin zur Ausweitung der Mütterrente. Die große Koalition hat sich zudem darauf verständigt, den Solidaritätszuschlag bis 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler abzuschaffen.

Das alles dürfte ebenfalls dem Konsum helfen. Auch will der Bund in den kommenden Jahren Milliarden investieren in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz und Batteriezellfertigung. (reuters/apa/red)

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