Logistik

Effizienzjagd

Wie können Unternehmen Risiken in ihrer Supply-Chain eliminieren? Die weltweite Forschung dazu ist so intensiv wie nie zuvor. Österreichs Logistiker spielen in der Top-Liga mit.

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Den Supply-Chain-Risiken auf der Spur (v. li): Thomas Fahnemann (CEO Semperit), Robert De Souza (National University of Singapore), Franz Staberhofer und Markus Gerschberger (Logistikum Steyr) und Clemens Eichler (Managing Director Sempermed).

 Die drei Zweier-Teams arbeiten unabhängig voneinander. Sie wühlen sich durch die Abläufe des Unternehmens. Sie folgen dem Informationsfluss vom Kunden bis zur Beschaffung, dem Materialfluss in umgekehrter Richtung, und das dritte Team durchleuchtet die Organisation von der Geschäftsführung bis zur Produktionsebene. Die Research-Teams arbeiten mit Methoden der Wertstromanalyse, des Benchmarkings, mit halbstandardisierten Interviewleitfäden, und erst wenn sie nach rund drei Tagen fertig sind, vergleichen sie ihre Eindrücke und präsentieren ihre Erkenntnisse. Nach den drei intensiven Tagen erhält das untersuchte Unternehmen ein Art Diagnose seiner Supply-Chain: Wo gibt es firmenspezifische Probleme, Brüche in den Flüssen? Was sind die Haupthemmnisse? Und wo sind Erfolgspotenziale versteckt?

Wie gesund ist die Supply-Chain ...

Die Methode hat Struktur, und natürlich hat sie einen Namen: "QSAM" – Quick Scan Audit Method – wurde vor rund zehn Jahren entwickelt und seitdem von den Logistik-Fakultäten einiger Universitäten wie Cardiff, Sydney, Wollongong oder Groningen permanent geschärft.

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Weitergegeben wird QSAM in einer Art Paten-System, erzählt Markus Gerschberger, Professor am Logistikum Steyr, das mittlerweile Mitglied des Netzwerks ist: "Die Researcher einer Universität trainieren jeweils die nächsten. Und die erhalten damit auch Zugriff auf die Ergebnisse der bislang mehr als 50 weltweit durchgeführten QSAMs." 

Die Methode, sagt Markus Gerschberger, bewährt sich in der Praxis: Die bislang durchgeführten QSAMs brachten neben massiv verminderten Variantenvielfalten Reduktionen der Bedarfsschwankung um teilweise über 40 Prozent. "Wir können in äußerst kurzer Zeit konkrete Aussagen über die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens im Zusammenspiel mit seinen Kunden- und Lieferantenbeziehungen treffen." Und vor allem: Am Ende steht ein Aktionsplan mit konkreten Handlungsempfehlungen.

Supply-Chain-Risk-Management steht derzeit im Fokus der Logistikforschung wie noch nie zuvor. Beim ISCRiM-Netzwerk etwa, einem internationalen Forschungsverbund, dem, ausgehend von den USA und Großbritannien, mittlerweile neben dem MIT, der ETH Zürich, dem Cambridge IFM oder dem IML in Dortmund auch das Logistikum der FH Oberösterreich angehört.

Ein Hotspot der Forschung ist zur Zeit die National University von Singapur, die asiatische Nummer eins im QS-Uniranking. Gemeinsam mit deren Logistikinstitut führt die FH Oberösterreich derzeit ein Projekt mit der Singapur-Niederlassung von Sempermed durch. Clemens Eichler, Managing Director der Sempermed, geht es um die Erstellung eines Risiko-Portfolios seiner Supply-Chain und das Erarbeiten einer gezielten Strategie für Supply-Chain-Risk-Management: "Im Grunde wollten wir eine Art umfassenden Gesundheits-Check unserer Abläufe und eine Antwort darauf, wie wir die mit der Supply-Chain verbundenen Risiken entschärfen können. Das sind ja zentrale Anliegen, es geht um nicht weniger als einen glatten Geschäftsbetrieb." Für das Sempermed-Projekt verknüpften die österreichischen Logistiker die QSAM-Methodik mit einem weiteren Element: der Web- Recherche nach Risiko-Indikatoren.

... und wie gesund sind Lieferanten und Kunden?

Ein Lieferant fragt um Verkürzung der Zahlungsziele an? "Das ist eigentlich kein Frühwarnindikator mehr, denn dann brennt es ja schon", räumt Markus Gerschberger ein. Doch wenn viele Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen, wenn Schlüsselpersonal abwandert, es zu häufigen Eigentümerwechseln kommt oder gar ein Hedgefonds einsteigt – all dies deutet mit unterschiedlicher Vorlaufzeit auf grundlegende Probleme auf Seiten eines Kunden oder Lieferanten hin. 

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