Serie Produktion von morgen

Gigantische Veränderungen

Intelligente Druckluft bei Kaeser Kompressoren, Fernwartung beim Traktorenhersteller John Deere: Big Data ist in der Produktentwicklung am Vormarsch. Wie Betriebe Nutzen aus den riesigen Datenmengen ziehen.

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Nachholbedarf
So verbreitet ist Big Data in den DACH-Ländern.

Dieser Traktor kann sprechen. Egal, wo sich der Farmer gerade befindet: draußen am Feld, auf einer Verbindungsstraße oder auf dem eigenen Hof – ununterbrochen sendet die John-Deere-Maschine über ein eigenes satellitengestütztes Mobilnetz Daten an die Unternehmenszentrale. Dort werden sie gebündelt und de facto in Echtzeit analysiert. Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll, wenn ein Verschleißteil sich dem Ende seines Lebenszyklus nähert, wenn ein Wartungsintervall ansteht, weiß es der John-Deere-Techniker oft früher als der Besitzer des Traktors. Der profitiert davon: Rechtzeitig erkannt können viele Probleme per Fernwartung behoben werden, die zeitraubende Fahrt in die Werkstatt entfällt. Aber auch für den Produzenten John Deere, der seine Traktoren mit unzähligen Sensoren bestückt, bringt das System handfeste Vorteile: weniger Reklamationen, weniger Rückrufaktionen und vor allem die Möglichkeit, die laufende Produktion anzupassen, wenn die ermittelten Daten zeigen, dass ein bestimmter Fehler besonders oft auftaucht.

Gigantische Veränderungen

Die Veränderungen, die sich dadurch ergeben, sind gigantisch. Maschinen wie John-Deere-Traktoren, die mit der Zentrale kommunizieren und selbst melden, wann sie voraussichtlich einen Ersatzteil brauchen, sind nur eine Facette davon. Die Möglichkeit, die Produktion so weit zu individualisieren und zu steuern, dass auch noch die ausgefallenste Variante binnen kürzester Zeit verfügbar ist, ist die andere. „Abgesehen davon ermöglicht Big Data durch seine Datendichte die Verknüpfung von Welten, die früher streng voneinander getrennt waren, etwa Verkauf und Produktion. Im Optimalfall ist das Endgerät des Verkäufers so konfiguriert, dass er schon während eines Kundentermins ganz exakt sagen kann, wann die Bestellung geliefert werden kann“, nennt Kränkl ein weiteres Anwendungsfeld.

Mangelware Software-Ingenieur

In den Unternehmen kommt das Thema Big Data gerade an. Nach Angaben der BARC-Studie haben zwölf Prozent der befragten Unternehmen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz Big Data in ihr Geschäftsmodell bereits integriert, 26 Prozent denken darüber nach. Der Rest schaut noch zu. Er sollte es nicht zu lange tun, wie Studienautor Nikolai Janoschek betont, denn: „Hinter dem Schlagwort Big Data steht eine tiefgehende Veränderung hin zu einer datengetriebenen Wirtschaft.“
 

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Manche Analysten gehen gar so weit, zu behaupten, Daten seien das neue Öl. Denn mehr noch als der Zugang zu Energie werde in Zukunft der Zugang zu Daten über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Jene Unternehmen, die schon heute Big Data nutzen, scheinen das zu wissen. Unter den Gründen, die für den Rückgriff auf Big Data sprechen, nennen sie die Hoffnung auf bessere strategische Entscheidungen an oberster Stelle.

Daten-Mining

In Bereich der Konsumgüter werden Strategieentscheidungen auch heute schon massiv von Big Data mitbestimmt. Die Modebranche zum Beispiel nützt soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter dazu, um aus den abgegriffenen Daten zukünftige Trends abzulesen und zu planen, welche Kleider in welcher Farbe produziert werden. Möglich ist das vor allem deshalb, weil die semantische Analyse mit Hilfe von spezieller Software inzwischen so weit ausgereift ist, dass sie nicht nur einzelne Worte oder Satzteile herausfiltern kann, sondern auch beurteilen, ob diese Ausdrücke in einem positiven oder negativen Zusammenhang genannt wurden. „Das funktioniert schon recht gut und ist natürlich sehr spannend, weil sich in sozialen Netzwerken Zukunftstrends schon sehr früh abzeichnen“, sagt Christoph Kränkl.
 

Neben der Konsumgüterindustrie mit ihrem Daten-Mining in sozialen Netzwerken dienen auch besonders avantgardistische Anwendungsbereiche als ein spannendes Testfeld, um die Möglichkeiten von Big Data auszuloten. Zum Beispiel die Formel 1. Das McLaren-Team verarbeitet da mit SAP-Software Signale, die von rund dreihundert am Boliden befestigten Sensoren übermittelt werden. Noch bevor die Fahrer in die Box einbiegen, wissen die Techniker schon, was als Nächstes zu reparieren ist. Womit sich ein spannender Berührungspunkt zwischen Formel-1-Flitzern und Traktoren von John Deere ergibt.

Piotr Dobrowolski

Die Artikelserie „Produktion von morgen“ entsteht in Kooperation mit SAP