Experten-Blog

Green Financing

Die Zukunft der Finanzierung ist grün

Nachhaltigkeit wird für Unternehmen nach der Corona-Krise zum zentralen Finanzierungsthema. Wer nachhaltig investiert – und das auch nachweisen kann -, hat in Zukunft Chancen auf wettbewerbsfähigere Finanzierung.

Noch immer steht die Welt im Bann des Coronavirus, alle anderen Themen schienen davon lange Zeit in den Hintergrund gedrängt. Das gilt auch für die Nachhaltigkeits-Debatte, die gerade erst im letzten Jahr (Stichwort: Fridays for Future) breitenwirksamen Auftrieb erhalten hat. Doch im Hintergrund erfolgten Weichenstellungen, welche die Prioritäten wieder zu ändern beginnen.

Der nun zu beobachtende Stillstand unseres Wirtschaftssystems und seine dabei nochmals deutlich zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten führen zwangsläufig zur Frage, wie ein Neuaufbau erfolgen kann und soll. Schon früh waren Stimmen zu vernehmen, dass dies sinnvollerweise nur gemeinsam mit Maßnahmen geschehen kann, die im Zeichen der nachhaltigen Entwicklung stehen. Nicht zuletzt deswegen, als die Corona-Krise bei genauerer Betrachtung nur eine weitere Manifestation der schon viel länger währenden „Nachhaltigkeitskrise“ ist: Dass die Erderwärmung die Entstehung von Viruserkrankungen bis hin zu Pandemien unterstützt, gilt als gesichert; ebenso, dass die gegenwärtig zu beobachtenden CO2-Emissionsreduktionen im Aufschwung zumeist durch Mehremissionen kompensiert werden. Und die katastrophalen sozialen Krisenfolgen sind ohnedies prominent den Tagesmedien zu entnehmen.

Die Finanzkrise legte den Grundstein.

Jüngste Aussagen der EU-Kommission lassen darauf schließen, dass sie diese Sichtweise eindeutig teilt – der Skepsis seitens einzelner Mitgliedsstaaten zum Trotz – und die nächsten Schritte eines bereits langen Weges zu gehen bereit ist: Schon mit dem Abschluss des Vertrages von Amsterdam im Jahr 1997 verpflichtete sich die EU dem grundlegenden Ziel der nachhaltigen Entwicklung. Die Fortschritte hierbei waren in den ersten Jahren jedoch überschaubar. Dies änderte sich mit der letzten großen Krise, der Finanzkrise 2008: Im Nachgang suchte die EU-Kommission nach Lehren, die sich aus den Ereignissen ziehen ließen. Dabei identifizierte sie als einen wesentlichen Krisenauslöser den Mangel an nachhaltigem Handeln bei den Kapitalmarktteilnehmern, der sich in einem ausschließlichen Fokus auf kurzfristige Renditeziele äußerte.

White Paper zum Thema

Diese Schlussfolgerung prägt den Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit in der EU bis heute. Seither verabschiedete die EU-Kommission in bemerkenswerter Zielstrebigkeit zunächst eine neue Nachhaltigkeitsstrategie, die Unternehmen in der EU ansprach und klarstellte, dass von ihnen ein Bewusstsein für und aktives Sorgetragen um die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihres Tuns gefordert wird.

In den Folgejahren wurde dies entschlossen weiterverfolgt: Mittels einer Richtlinie wurden bestimmte große Unternehmen innerhalb der EU verpflichtet, über ihre Nachhaltigkeitsleistung mindestens einmal jährlich Rechenschaft abzulegen – d. h. neben ihren Finanzberichten teils ebenso umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte zu veröffentlichen.

>> Lesen Sie hier alles zum "Green Deal" der EU  

„Green New Deal“

Diese Nachhaltigkeitsinformationen stellen nun das Herzstück jener Maßnahmen dar, mit denen die Maxime des nachhaltigen Wirtschaftens innerhalb der EU verankert werden soll. Diese laufen unter dem Titel der „Sustainable Finance“ und haben ihren Ursprung in einem Aktionsplan, der von der EU-Kommission Anfang 2018 vorgelegt wurde: Er enthält einen Katalog von Maßnahmen, die vor allem den europäischen Finanzsektor grundlegend in Richtung Nachhaltigkeit verändern sollen. Nach einem zwischenzeitlichen Stillstand wurde er mit dem Amtsantritt der 2019 neu gewählten EU-Kommission erneut als zentrale politische Zielsetzung verlautbart. Mit dem „Green New Deal“ wurde ein neues Schlagwort dazu geprägt und ein Investitionsvolumen von 1 Billionen Euro definiert, um den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsordnung, im Besonderen unter Klimaschutz-Gesichtspunkten, zu unterstützen. Damit möchte die EU eine weltweit führende Rolle einnehmen, mit Signalwirkung für andere Rechtsordnungen. Die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen selbst prägte hierfür den Begriff des „man on the moon moment“: um das Symbolhafte hinter den unternommenen Bemühungen hervorzustreichen, aber auch die Herausforderungen und Kosten, die man dafür bewusst in Kauf nimmt.

Unter dieser Leitidee sollen Anreize geschaffen werden, die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen mit ihrer Finanzierung zu verknüpfen. Entsprechend steht der europäische Finanzsektor im Zentrum der Regulierungen: Finanzinstitute, vor allem Banken und Versicherungen, müssen zukünftig selbst transparenter darüber berichten, wie sie Nachhaltigkeitsaspekte in ihrer Geschäftstätigkeit berücksichtigen. Also wie z.B. ökologische und soziale Kriterien in Veranlagungsentscheidungen einfließen, welche Auswirkungen damit erzielt oder wie Kunden dahingehend beraten werden. Dies gilt bereits ab 2021.

Je nachhaltiger, desto einfacher finanzierbar

Diese Finanzinstitute sollen sich dadurch bewusster Gedanken darüber machen müssen, wie sie ihre Geschäftsbeziehungen gestalten, wen sie mit ihren Geldströmen unterstützen. Für die Finanzinstitute wird das handfeste Konsequenzen haben: Je nachhaltiger das Portfolio, desto mehr Geschäftsmöglichkeiten können sich für sie auftun. Gegenwärtig wird z. B. eine Erleichterung der Kapitalhinterlegungsvorschriften für Banken diskutiert, wenn sie Mittel an nachhaltige Projekte vergeben. Und auch die öffentliche Hand möchte viel Geld in die Hand nehmen, um Projekte im Rahmen des nachhaltigen Wandels zu unterstützen. Damit werden solche Unternehmen im Vorteil sein, die transparent ihre Nachhaltigkeitsleistung sowie die damit verbundenen Chancen und Risiken offenlegen und steuern können. Im Lichte der gegenwärtig diskutierten Finanzierungsmaßnahmen, die zur Stützung der europäischen Wirtschaft gesetzt werden sollen, sind die möglichen Anknüpfungspunkte mannigfaltig.

Was in einem Schritt zuvor noch zu klären ist, das ist die Frage, was überhaupt unter einem „nachhaltigen Finanzprodukt“ zu verstehen ist und wer von den dargestellten Entwicklungen profitieren soll. Die Praxis zeigt noch einen Wildwuchs an Begrifflichkeiten und -verständnissen. Auch hier wird eine Taxonomie-Verordnung der EU-Kommission für einen einheitlichen Standard sorgen – zunächst für ökologische Kriterien, in absehbarer Zukunft noch vertieft für Soziales. Dies wird erneut solche Unternehmen begünstigen, die fortan das neue „Nachhaltigkeits-Label“ führen können. Gleichzeitig wird dies allerdings zur Folge haben, dass Unternehmen in manchen wirtschaftlichen Betätigungsfeldern weiter unter Druck kommen werden. Kohlenenergie ist z.B. bereits aus der Taxonomie ausgeschlossen, Kernkraft in der EU zumindest umstritten. Es ist davon auszugehen, dass die Weiterentwicklung der Verordnung noch andere Branchen etwa im Bereich des Glücksspiels oder der Gewinnung weiterer fossiler Energien kritisch behandeln wird.

Unterstützung trotz Radikalität

Warum die dargestellte Entwicklung trotz ihrer Radikalität nicht nur von Seiten des EU-Gesetzgebers unterstützt, sondern auch vom Finanzsektor mitgetragen wird, zeigt ein Zitat von Larry Fink, CEO von BlackRock, dem weltweit größten unabhängigen Vermögensverwalter: „Climate Risk is Investment Risk.“ Die mittelbaren und unmittelbaren wirtschaftlichen Schäden, die etwa der Klimawandel in den letzten Jahren verursachte, unterstreichen dies deutlich. Darüber hinaus ist die öffentliche Wahrnehmung in Nachhaltigkeitsthemen wesentlich sensibler geworden, was sehr schnell mit wirtschaftlichen Konsequenzen verbunden sein kann (Stichwort: Markt- und Reputationsrisiken). Insofern haben sich die vielen Entscheider im Finanzsektor schon aus Eigennutz dem Thema der Sustainable Finance verschrieben. Der politischen Entwicklung gibt dies weiteren Rückenwind.

Man kann die Vorboten schon heute wahrnehmen, wenn etwa Finanzprodukte wie „Green Bonds“ oder „Impact Bonds“ neue, zumeist aus Unternehmenssicht sehr attraktive Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen – nicht zuletzt für Unternehmen, die nur eingeschränkten Zugang zu klassischen Finanzierungsmethoden haben. Oder wenn von Investorenseite immer häufiger (und kritischer) nach Ratings im Nachhaltigkeitsbereich gefragt wird und die Anbieter solcher Ratings gleichermaßen an Zahl gewinnen.

Was alle diese gesetzten oder noch in Planung befindlichen Maßnahmen in Sachen Sustainable Finance deutlich erkennen lassen: Das Thema der Nachhaltigkeit ist bereits fest im Herzen des europäischen Wirtschaftssystems verankert. Dabei geht es nicht bloß um hehre, mit erhobenem Zeigefinger vorgetragene ethische Ansprüche, sondern um die Erkenntnis, dass sich Nachhaltigkeitsleistung wirtschaftlich rechnet; dass Ökonomie, Ökologie und Soziales also nicht Gegensätze sind. Das impliziert jedoch, dass die absehbaren Entwicklungen zu Gewinnern und Verlierern führen. Ersteren vielleicht (schnellere) Wege aus der gegenwärtigen Krise zeigend, letzteren mitunter den Todesstoß versetzend. Weswegen Unternehmen unter diesen Gesichtspunkten mehr denn je aufgefordert sind, über grundlegende Fragen der Zukunftsfähigkeit ihrer Geschäftsmodelle nachzudenken.

Josef Baumüller ist Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt sind Fragen der finanziellen und nichtfinanziellen Berichterstattung von Unternehmen.

Verwandte tecfindr-Einträge