Interview

„Die Welt wird elektrischer“

Warum Elektronikhersteller vor der Zukunft keine Angst haben müssen, erklärt Bernhard Kienlein, Leiter Drive Technologies bei Siemens Österreich.

Siemens Elektronik Bernhard Kienlein

Die Erwartungshaltung der Industrie ans Jahr 2015 ist groß. Trotzdem scheint die Konjunktur noch nicht so richtig in Schwung zu kommen ...
Bernhard Kienlein: Wenn wir Zentral- und Osteuropa betrachten, dann sehen wir im Mittel nur ein sehr moderates Industriewachstum. Die Division Process Industrie and Drives will in CEE aber definitiv stärker als der Markt wachsen und ist gut unterwegs.

In der Digitalisierung sieht Siemens für die Zukunft die größte Dynamik. Hat man das Wachstum in der herkömmlichen Industrieautomatisierung schon abgeschrieben?
Kienlein: Ganz und gar nicht, auch dort gibt es noch große Potenziale, wie auch generell in der Elektrifizierung. Die Welt wird elektrischer. Die Speerspitze ist allerdings die Digitalisierung, vor allem dort, wo Produktentwicklungs- und Fertigungsprozesse miteinander verschmelzen. Dort liegen die großen Produktivitätspotenziale und damit auch die Chancen.

Die Chemie-, Pharma- und Nahrungsmittelindustrie wächst überdurchschnittlich stark. Bei Siemens setzt man auf intelligente Lösungen quer durchs ganze Portfolio.
Kienlein: Wir sind von der Breite unseres Portfolios dafür prädestiniert, Themen wie intelligente Produktion und Vernetzung voranzutreiben. Es werden dabei auch ganz neue Geschäftsmodelle entstehen.

Ein Beispiel?
Kienlein: Beim Thema Wartung nur an niedrige Stundensätze zu denken ist zu wenig. Gefragt sind gemeinsame Ansätze mit dem Endanwender zur Effizienzsteigerung, wie z. B. durch ein intelligentes Ersatzteil- oder Motorenmanagement.

Siemens deckt die ganze elektrische Wertschöpfung ab. Eine Order von Konzernchef Joe Kaeser: Näher an den Kunden heranzukommen. Ist es mit der Konzernrestrukturierung (neun statt bisher 16 Divisionen) schon getan?
Kienlein: Es ist positiv, dass nun intern eine Ebene weniger zur Abstimmung nötig ist. Damit können wir direkter mit Kunden gemeinsame Konzepte zur Produktivitätssteigerung ausarbeiten – etwa in der Branche Oil & Gas, wo wir von der Exploration über die Produktion und die Logistik unseren Kunden vielfältige Lösungen und Services basierend auf unserem breiten Produktportfolio anbieten.

Ein Segment, wo zuletzt allerdings die Investitionen massiv zurückgefahren wurden ...
Kienlein: In der Tat tut sich die Branche mit Neuinvestitionen schwer. Umso mehr geht es jetzt darum, gemeinsam mit unseren Kunden intelligente Ansätze zur Produktivitätssteigerung der vorhandenen Anlagen zu entwickeln.

Hersteller von Bergbauausrüstung bekommen den Verfall der Rohstoffpreise und die aus diesem Grund drastisch gesunkenen Investitionen zu spüren – deren Antriebs- und Automatisierungslieferanten auch.
Kienlein: Die aktuelle Situation im Bergbau bekommen wir natürlich zu spüren. In der Branche regiert die Vorsicht. Mittelfristig aber sind wir durchaus optimistisch. Mit unserem Kompetenzzentrum für Bergbau in Graz sind wir ein Garant dafür, die Produktivität, die Effizienz und die Verfügbarkeit der Anlagen unserer Kunden weltweit sicherzustellen und zu verbessern.

Bernhard Kienlein, 55, leitet seit Oktober 2014 die Division Process Industries and Drives CEE bei der Siemens AG Österreich. Davor war er für die Division Drive Technologies CEE zuständig. Kienlein ist seit 27 Jahren im Konzern tätig.

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