Teil 3: Harald Sommerer, AT&S - der Ungreifbare

Sie sind die Zukunft der Industrie, aber sie sind selten: Nur 39 der 500 einflussreichsten Industriemanager sind unter 45. Wie führt, wie entscheidet und motiviert die Generation U45 in den heimischen Vorständen?

Extra-Schritt. Für die kommenden Monate hat sich Harald Sommerer viel vorgenommen. Der Vorstandsvorsitzende des Leiterplattenherstellers AT&S nimmt nach fünf Jahren als CEO und fast einem Jahrzehnt als Finanzvorstand im Juni kommenden Jahres seinen Hut – aus einer Art beruflicher Mittlebenskrise. „Nach 13 Jahren bei AT&S stellte sich für mich die Frage, ob ich weitere fünf Jahre in derselben, sehr speziellen Branche tätig sein möchte. Nach 18 Jahren wäre ich dann schon sehr branchengeprägt, was es sicherlich schwieriger machen würde, etwas Anderes zu tun“,sagt Sommerer. Sesselkleber ist er auf keinen Fall, der zurückhaltende Zahlenmensch, der in der Finanzwelt den Ruf genießt, selbst abgebrühte angelsächsische Analysten nachhaltig zu beeindrucken. Distanziert, sachlich, ungreifbar – so wirkt der Mann, der die Gabe hat, potentielle Firmen-Verkäufer selbst nach einem nur rudimentären Blick auf die Bilanzen auf Widersprüchlichkeiten in den Büchern hinzuweisen.

Kein Kontrollfreak. Harald Sommerer hat AT&S im vergangenen halben Jahrzehnt nachhaltig verändert. Vom viel zitierten „steirischen Leiterplattenhersteller“zum europäischen Marktführer, ja sogar globalen Top-Unternehmen mit Werken in China, Indien und Korea. Da blieb schon umständehalber kaum mehr etwas übrig vom sehr persönlich geführten Unternehmen seines Vorgängers Willi Dörflinger. „Kontrollfreak darf man in meiner Position keiner sein“ sagt Sommerer. „In einem globalen Konzern ist es wichtig, an den verschiedenen Standorten ein kompetentes Management zu haben, dem man vertrauen kann. Trotzdem braucht es naürlich überall Ziele und Kontrollmechanismen, denn die Kunden verlangen aus jedem AT&S Werk die gleiche Qualität“ sagt Harald Sommerer. Dieser Mann, so berichten Weggefährten, hat den Ruf, Mitarbeitern seines Vertrauens eine lange Leine zu lassen –mit Mitarbeitern, die dieses Vertrauen allerdings auch nur geringfügig missbrauchen, kurzen Prozess zu machen. Als „Schwiegersohn“ des Industriellen – und AT&S-Miteigentümers – Hannes Androsch wurde dem Ungreifbaren immer wieder ein einfach verfügbarer – wenn auch völlig unpassender Stempel – aufgedrückt. Es war Willi Dörflinger, der den jungen Absolventen der US-Elite-Uni Kellogg vom Fleck weg engagierte. Seit dem Vorjahr ist der Stempel Schwiegersohn gänzlich unpassend: Der dreifache Familienvater ist geschieden.

Starker Aktionär gesucht. Für seine nächste berufliche Herausforderung – nach eigenen Angaben industrienahe ohne geografische Präferenz – dürfte der Eigentümer (aus persönlicher Erfahrung?) trotzdem eine sehr wichtige Rolle spielen. „Ich habe mit dem Modell eines starken, entscheidungsschnellen Kernaktionärs gute Erfahrung gemacht“ sagt Sommerer. Viel von der enormen Expansion, die AT&S kurz nach dem Platzen der IT-Blase 2001 vorgenommen hat, wäre bei einem breit gestreuten Börsenunternehmen nicht nur sehr schwer möglich gewesen. AT&S hat damals allen Unkenrufen zum Trotz massiv in China investiert. Mittlerweile steht in Shanghai das größte Werke der AT&S Gruppe und der Handy-Bereich erwirtschaftet rund 2/3 des Gesamtumsatzes des Unternehmens. „Sollte ich in ein Unternehmen wechseln, das wieder einen Kernaktionär hat, so ist es mir wichtig, dass unsere strategischen Ansätze kompatibel sind, die Chemie stimmt und eine Vertrauensbasis geschaffen werden kann“ sagt Sommerer. Ob er sich eine Karriere in einem Familienunternehmen vorstellen kann, lässt er offen. „Kapitalgesellschaften sind unbedingt gewinnorientiert. Für angestellte Manager ist die unausgesprochene Familienagenda in Familienbetrieben oft nicht ganz einfach.“

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