Interview

"CSR ist bestenfalls kostenneutral"

Die Zürcher Professorin Katja Rost stellt alle Thesen zum wirtschaftlichen Nutzen von Corporate-Social-Responsibility-Maßnahmen auf den Kopf. Selbst renommierte Studien sollen methodisch unsauber, manipuliert oder geschönt sein.

Von &
Studie

Frau Rost, stimmt es wirklich: Gut sein rentiert sich nicht?
Katja Rost So allgemein kann ich das nicht beantworten, ich bin ja schließlich keine Moralphilosophin. Was wir aber im Rahmen unserer Studie zeigen konnten ist, dass die immer wieder publizierte Behauptung, sogenannte Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten würden sich für Unternehmen auch ökonomisch lohnen, ein Mythos sind. Unser Schluss aus dem bisher untersuchten: CSR-Maßnahmen sind in der Regel kostenneutral, mehr aber auch nicht.

Und woher wissen Sie das so sicher?
Rost Wir haben 162 Studien zu diesem Thema analysiert. Darunter auch echte Klassiker, die als Standardwerke galten – und vielfach zitiert wurden. Was wir fanden, hat uns überrascht: Denn keine der untersuchten Studien waren haltbar. 

Inwiefern?
Rost So wurden etwa Studien, die eine negative Korrelation zwischen CSR und Unternehmenserfolg fanden, einfach verschwiegen, also nicht publiziert. Und dort, wo eine positive Korrelation zwischen CSR und Unternehmenserfolg postuliert wurde, haben die Autoren der Studien oft methodisch unsauber gearbeitet – und Daten, die einfach nicht ins Bild passten, außer Acht gelassen. Man hat, wenn Sie so wollen, nachgeholfen, damit am Ende das gewünschte Ergebnis rauskommt.

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Warum konnten sich diese Studien so lange halten? Etwa, weil der Erfolg gesellschaftlich verantwortungsvollen Handelns von Unternehmen eine Sache ist, die man einfach ungerne hinterfragt? 
Rost Moden haben es ja an sich, dass sie unhinterfragt übernommen werden, sonst wären sie keine Moden. Und die Behauptung, CSR zahlt sich aus, passt halt für viele Menschen gut ins Weltbild. Gerade BWL-Theoretiker würden es ja sehr gern haben, dass das so ist. Weil ihnen dann viele Diskussionen viel leichter fallen würden und man die Wirtschaft dann auch als etwas per se Gutes definieren kann.

Was sie aber nicht ist? 
Rost Zumindest nicht in dem Sinn, dass die Guten, Moralischen, Aufrichtigen immer belohnt werden. Möglicherweise muss man tatsächlich zugeben, dass Milton Friedman bis zu einem gewissen Grad Recht hatte, wenn er sagte, die primäre Aufgabe von Unternehmen ist es, Gewinne zu machen und nicht, gut zu sein.

Die Frage der moralischen Verantwortung von Unter- nehmen ist auch weltanschaulich aufgeladen. Wie geht es einer Wissenschafterin, wenn sie im Zuge ihrer Arbeit realisiert, dass das Ergebnis der eigenen Forschung einer politischen Seite argumentatives Futter gibt? 
Rost Die Aufgabe der Wissenschaft besteht in allererster Linie darin, Dinge zu hinterfragen, die niemand hinterfragt. Aber wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen: Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass Unternehmen sich auf Spielregeln einigen, die uns eine einigermaßen ökologische und soziale Welt ermöglichen. Aber wir sollten aufhören, das mit dem Argument erreichen zu wollen, dass Unternehmen, wenn sie nachhaltig agieren, noch reicher werden. Das stimmt einfach nicht. Und das tut der Sache auch nichts Gutes.

Tut es Ihnen eigentlich gar nicht leid, dass Sie den schönen CSR-Mythos entzaubert haben?
Rost Ehrlich gesagt: nein. Würde ich nicht gerne Dinge hinterfragen, wäre ich nicht Forscherin geworden. Mit dem Ergebnis muss ich leben. Aber klar macht man sich damit nicht nur Freunde. 

Katja Rost leitet seit 2012 den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Zürich. 2015 veröffentlichte sie gemeinsam mit Thomas Ehrmann den Aufsatz "Reporting Biases in Empirical Management Research", in dem sie zeigt, dass der behauptete positive Zusammenhang zwischen CSR-Maßnahmen eines Unternehmens
und seiner wirtschaftlichen Performance nicht nachweisbar ist.