Ansichtssache

Die Baustellen des Rainer Seele

Im Juli übernimmt der Wintershall-Chef das Ruder bei der OMV. Hat der promovierte Chemiker das Zeug, dem Mineralölriesen eine neue Strategie zu verpassen? Eine Übersicht über offene Baustellen.

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Öl Gas Mineralölindustrie OMV Rainer Seele
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Der 19. Mai wird ein spannender Tag. Wenn sich im Wiener Messezentrum die Aktionäre der OMV versammeln und über den Kurs des größten Industriekonzerns debattieren, wird die Person, die diesen Kurs in Zukunft maßgeblich beeinflussen wird, nicht anwesend sein: Rainer Seele, seit 2009 Vorstandschef der BASF-Tochter Wintershall und designierter Nachfolger von Gerhard Roiss.

 

Die OMV ist „fit for fifty“, das wird der scheidende Konzernchef Gerhard Roiss im Mai verkünden – selbst bei einem Ölpreis von 50 Dollar pro Fass bleibe der Mineralölproduzent ein gesundes Unternehmen. Das klingt gut – doch vorerst hinterlässt der dramatische Einbruch des Ölpreises trotzdem tiefe Spuren in der Konzernbilanz. Das Betriebsergebnis ging um 59 Prozent auf 1,05 Milliarden Euro zurück. Der Nettogewinn hat sich gedrittelt, und belief sich nur noch auf 613 Millionen Euro.

 

Trotzdem werden die Aktionäre (allen voran die Republik) sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit 1,50 Euro pro Aktie dieselbe satte Dividende genehmigen wie im letzten Jahr. Dabei manövriert der riesige Tanker OMV, der Produktionsstätten rund um den Erdball unterhält, gerade in ziemlich schwerem Fahrwasser. „Es gibt keine Strategie bei der OMV“, so lautet das Mantra von Analysten, die das Unternehmen begleiten. Das Unternehmen ist derzeit „in einer besonders herausfordernden Situation“, so Branchenexperten der britischen Großbank Barclays. Im folgenden die Baustellen des Rainer Seele.

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Der 19. Mai wird ein spannender Tag. Wenn sich im Wiener Messezentrum die Aktionäre der OMV versammeln und über den Kurs des größten Industriekonzerns debattieren, wird die Person, die diesen Kurs in Zukunft maßgeblich beeinflussen wird, nicht anwesend sein: Rainer Seele, seit 2009 Vorstandschef der BASF-Tochter Wintershall und designierter Nachfolger von Gerhard Roiss.

 

Die OMV ist „fit for fifty“, das wird der scheidende Konzernchef Gerhard Roiss im Mai verkünden – selbst bei einem Ölpreis von 50 Dollar pro Fass bleibe der Mineralölproduzent ein gesundes Unternehmen. Das klingt gut – doch vorerst hinterlässt der dramatische Einbruch des Ölpreises trotzdem tiefe Spuren in der Konzernbilanz. Das Betriebsergebnis ging um 59 Prozent auf 1,05 Milliarden Euro zurück. Der Nettogewinn hat sich gedrittelt, und belief sich nur noch auf 613 Millionen Euro.

 

Trotzdem werden die Aktionäre (allen voran die Republik) sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit 1,50 Euro pro Aktie dieselbe satte Dividende genehmigen wie im letzten Jahr. Dabei manövriert der riesige Tanker OMV, der Produktionsstätten rund um den Erdball unterhält, gerade in ziemlich schwerem Fahrwasser. „Es gibt keine Strategie bei der OMV“, so lautet das Mantra von Analysten, die das Unternehmen begleiten. Das Unternehmen ist derzeit „in einer besonders herausfordernden Situation“, so Branchenexperten der britischen Großbank Barclays. Im folgenden die Baustellen des Rainer Seele.

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Teure Barrels aus Norwegen

Exploration und Produktion ist der mit Abstand größte Konzernbereich der OMV. 1,47 Milliarden Euro steuerte E&P im Vorjahr zum Betriebsergebnis von 1,05 Milliarden Euro bei – das Ebit aller anderen Sparten war negativ. Die Aktivitäten in der Exploration sind global: Die OMV ist an Förder- und Produktionsstätten von Schottland über Pakistan bis Neuseeland beteiligt, doch die Kernregionen sind Rumänien, Österreich und seit 2013 die Nordsee.

 

Damals vollzog Gerhard Roiss einen radikalen Kurswechsel: Weg von Krisengebieten und hin in den stabilen, aber sehr teuren Norden Europas. Die OMV zahlte der norwegischen Statoil 2,65 Milliarden Dollar für Anteile an Förderfeldern – die bis dahin größte Transaktion in der Industriegeschichte Österreichs. Dafür steht der Konzern bis heute in der Kritik. „Das sind die teuersten und technisch risikoreichsten Förderfelder, wobei die OMV kein Spezialist für Tiefseeförderung ist“, so ein Analyst. Tatsächlich musste zuletzt im Februar die Produktion im Feld Gudrun wegen eines Lecks unterbrochen werden.

 

Dagegen verweist man bei der OMV selbst nicht ohne Stolz auf die weiter steigenden Fördermengen vor der Küste Norwegens, die Ausfälle in Libyen oder im Jemen mehr als kompensiert hätten: Ende 2014 kamen aus der Region bereits 50.000 von den durchschnittlich 309.000 Barrel Ölaquivalent pro Tag.

 

Eine der wichtigsten Entscheidungen von Rainer Seele wird sein, ob er den Kurs von Roiss beibehält und weiter auf die sehr kostenintensive Nordsee-Region setzt. Oder ob er sein Glück in den lukrativen, aber sehr instabilen Regionen sucht – etwa südlich der Sahara, wo die OMV gerade Erkundungsbohrungen durchführt. Eines steht jedenfalls heute schon fest: Das gegenüber Investoren angekündigte Ziel, die Tagesproduktion bis 2016 auf 400.000 Barrel Ölaquivalent hochzufahren, wird die OMV nicht erreichen.

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Das Dilemma mit dem Cash Flow

Eine andere Schwierigkeit sind die Kürzungen bei den Investitionen, mit denen Roiss heuer auf die gefallenen Ölpreise reagiert hat. Im Vorjahr investierte die OMV 3,8 Milliarden Euro, der mit Abstand größte Teil davon ging in die Exploration und Produktion. Heuer und in den kommenden Jahren soll der Betrag auf 2,5 bis 3 Milliarden pro Jahr schrumpfen. „Diese Investitionskürzungen gehören zu den aggressivsten unter den internationalen Ölkonzernen in Europa“, so der Kommentar von Experten der Credit Suisse. Das Problem dahinter erklärt ein österreichischer Insider, der nicht genannt werden will: „Die Kürzungen betreffen auch die Anlagen in Rumänien und Österreich massiv. Wenn aber die OMV hier nicht investiert, geht die Ausbeute in ihren lukrativsten Märkten signifikant zurück.“

 

Notwendige Kürzungen in der Produktion und damit geringere Fördermengen, oder ein geringerer Cashflow und weniger Dividende – ein Dilemma, gegen das dem neuen Chef nur ein kräftig steigender Ölpreis helfen kann.

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Das Raffineriegeschäft drehen

In Zeiten teuren Öls war das Raffineriegeschäft wegen seiner geringen Rentabilität alles andere als beliebt – entsprechend hat die OMV seit 2011 ein Drittel ihrer Kapazitäten abgestoßen und verfügt heute nur über drei große Raffinerien in Schwechat, im bayerischen Burghausen und in Petrobrazi in Rumänien. Doch in Zeiten des billigen Öls zeigt sich die Stärke der OMV, die von einem plötzlich wieder lukrativ gewordenen Raffineriebetrieb profitieren kann. „Der Bereich lieferte im vierten Quartal schöne Margen, was durch die eben abgeschlossene Modernisierung in Petrobrazi noch verstärkt wird“, so ein Analyst. Ein Schönheitsfehler: Unter dem Strich war das Betriebsergebnis der Sparte Raffinerien und Marketing im Gesamtjahr 2014 mit minus 290 Millionen Euro trotzdem negativ. Die Aufgabe heuer dürfte also sein, diese Summe ins Positive zu drehen.

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Die Borealis-Frage

Auch bei den 36 Prozent, die die OMV am Chemiekonzern Borealis hält, werden Gazprom Begehrlichkeiten nachgesagt. Hier kommt jedoch ein dritter Akteur ins Spiel: Der arabische Staatsfonds IPIC, dem die restlichen 64 Prozent gehören. An Gazprom zu verkaufen, um dann enger kooperieren zu können, sei aus der Sicht des Großaktionärs aus Abu Dhabi sinnlos, sagt ein Beobachter: „Gas und Öl haben die Araber selbst genug.“ Auch Mark Garrett widerspricht: „Ich bin mir sicher, dass IPIC gerne aufstocken würde“, so der Konzernchef von Borealis in einem Interview im April – allerdings brauche es dafür „einen glücklichen Verkäufer und einen glücklichen Käufer.“ Ob Seele wie seine Vorgänger einen Börsengang der Borealis oder einen Verkauf der OMV-Anteile anpeilen wird, ist offen. Es gäbe jedoch einen Grund, an dem Petrochemiehersteller festzuhalten: Borouge, eine Produktionsstätte der Borealis in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vier neue Anlagen sind hier inzwischen in Betrieb, zwei weitere werden gerade fertig gestellt. „Diese Anlagen produzieren Kunststoff, aber nicht, wie üblich, mit Erdöl, sondern viel billiger mit Gas – eine hochprofitable Ertragsperle“, sagt ein Insider. In der Produktion geht es offenbar vor allem um Polyolefin, eine Gruppe der weltweit am häufigsten verbreiteten Kunststoffe. Bemerkenswert daran: Nach Fertigstellung verfügt der Standort über die größte Produktionskapazität für Polyolefin weltweit. Ob Seele die OMV-Anteile an solch einer Perle veräußern würde?

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Die Russland-Connection

Ohne Zweifel haben Seeles ausgezeichnete Verbindungen nach Russland und direkt zu Gazprom eine entscheidende Rolle bei seiner Nominierung gespielt. Sein jetziger Arbeitgeber, die BASF-Tochter Wintershall, kooperiert mit dem russischen Monopolisten bei der Gaspipeline Nord Stream, er selbst ist Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer. „Das ist die spannendste Frage – wie wird Seele die Gassparte der OMV behandeln?“, sagt ein Analyst.

 

Die Antwort darauf in den heimischen Medien reicht in den Bereich wildester Spekulationen. Es hält sich die Theorie, Konzernchef Roiss habe gehen müssen, weil er sich einem Verkauf von OMV-Anteilen an Gazprom entgegengestemmt habe. Das könnte, so der Subtext, nun anders werden. Tatsächlich drängt der russische Gasriese seit langem nach Westeuropa. „Es wäre perfekt für Gazprom, die Kontrolle über den Endkundenmarkt zu erlangen. Es wäre auch perfekt, den Gashub Baumgarten zu kontrollieren“, meint ein anderer Analyst. Dagegen spricht, dass das große Gemeinschaftsprojekt von Gazprom und OMV, der Bau der Pipeline South Stream bis ins niederösterreichische Baumgarten, im Dezember spektakulär gescheitert ist. Auch die in den Jahren zuvor groß angelegte Strategie von Roiss, auf dem Rohstoff Gas neue Geschäftsfelder aufzubauen, ist nicht zuletzt aufgrund des Widerstands von Gazprom gegen die geplante Pipeline Nabucco gescheitert.

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Rainer Seele, 59, übernimmt ab Juli den Vorstandsvorsitz der OMV. Seine Karriere machte der promovierte Chemiker ausschließlich beim BASF-Konzern. Gleich nach seiner Promotion im Jahr 1987 wechselte der gebürtige Bremer zum Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen. 1996 stieg er dort zum Leiter der Stabseinheit Forschungsplanung und Controlling des BASF-Hauptlaboratoriums auf. Im Jahr 2000 kam er zur Tochtergesellschaft Wingas, wo er ab 2002 Sprecher der Geschäftsführung wurde. An Wingas ist der russische Gaskonzern Gazprom mit knapp der Hälfte beteiligt. 2002 wurde Seele zudem als Verantwortlicher für den Erdgashandel Mitglied des Vorstandes bei Wintershall und ist dort seit Oktober 2009 Vorstandsvorsitzender. Seele hat ausgezeichnete Russland-Kontakte und ist seit 2012 Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer. An der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream, die zu 51 Prozent Gazprom gehört, hält Wintershall 15,5 Prozent der Anteile. Ihre 15-Prozent-Beteiligung an der South-Stream-Firma hat Wintershall nach dem Aus für die Gaspipeline South Stream an Gazprom verkauft. Auch zum OMV-Kernland Rumänien hat er gute Beziehungen: Seele ist Honorarkonsul von Rumänien in Hessen und Vorstandsmitglied des Deutsch-Rumänischen Forums.