Automesse IAA

Die Autobranche im Umbruch

Vernetzt und selbstfahrend: Das Auto der Zukunft steht im Zentrum der Automesse IAA, die Mitte September in Frankfurt beginnt. Auch Elektromobilität wird ein großes Thema sein. Mit diesen grundlegenden Neuerungen erfindet sich die Autobranche gerade neu.

Automobilindustrie IAA 2015 Ferdinand Dudenhöffer Dieter Zetsche Daimler

Rund 1.000 Aussteller aus 40 Ländern präsentieren vom 17. bis 27. September die Trends und technologischen Highlights des Autojahres 2015, zahlreiche Weltneuheiten sind angekündigt (siehe Seite 2). Die Internationale Automobil-Ausstellung gilt als Leitmesse der Autoindustrie. Unter dem Motto "Mobilität verbindet" legt die 66. IAA das Hauptaugenmerk auf "den Megatrend des vernetzten und automatisierten Fahrens", wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) betonte. Daneben werde die Messe vom Thema Elektromobilität geprägt.

Tiefgreifende Veränderungen

Mit diesen grundlegenden Neuerungen erfindet sich die Autobranche gerade neu. "Die technische Revolution in der Automobilindustrie ist in vollem Gange", sagte Jürgen Pieper, Auto-Analyst beim Bankhaus Metzler. Der Elektromotor und das selbstfahrende Auto hätten das Zeug, das Bild auf den Straßen bald tiefgreifend zu verändern.

Mit Online-Diensten rückt dabei das Silicon Valley in die Autobranche ein - den Platzhirschen droht ein Kontrollverlust. "Die Wertschöpfungskette war früher einfach: Es gab Hersteller, Zulieferer, Händler", sagt Branchenexperte Axel Schmidt von der Unternehmensberatung Accenture. "Jetzt entsteht ein Ökosystem, das kein Hersteller alleine beherrschen kann."

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Harte Konkurrenz

Die Ambitionen der IT-Konzerne sind offensichtlich. Google arbeitet seit Jahren an Technik für selbstfahrende Fahrzeuge und testet einen Stadtwagen aus eigener Entwicklung. Der Fahrdienst-Vermittler Uber, eines der reichsten Start-ups, forscht an Roboter-Wagen. Apple entwirft angeblich ein Elektro-Auto. Auch beim japanischen Elektronikhersteller Sony gibt es Gedankenspiele über einen Einstieg. "Der Wettlauf um die Mobilität der Zukunft ist extrem hart, eine Erfolgsgarantie gibt es für niemanden", sagte Volkswagen-Chef Martin Winterkorn im Frühjahr.

Man könne sich eine Zukunft vorstellen, in der die Autoindustrie die Fahrzeuge baut - "aber das Gehirn kommt von einem Apple oder Google", betont Schmidt. Davor habe die Branche zu Recht Angst. "Und dieser Erkenntnisprozess ist inzwischen eingetreten."

Neue Marken entstehen recht schnell

Während die Autobosse früher bei Fragen nach der Gefahr aus dem Silicon Valley eher abwinkten, streckte Daimler-Chef Dieter Zetsche jüngst den IT-Riesen die Hand aus. "Eine Option könnte sein, dass die Autos in einem Joint Venture entstehen und wir diese dann bauen", sagte er in einem Interview. "Aber ich spreche hier rein fiktiv", schränkte Zetsche im nächsten Atemzug ein.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen geht nicht davon aus, dass etwa Apple oder Google im großen Stil selbst in die Produktion einsteigen: Die Margen seien für die IT-Größen viel zu niedrig. Selbst Oberklasse-Hersteller wie Daimler müssen sich anstrengen, damit zehn Prozent vom Umsatz als Gewinn hängenbleiben. Möglich wäre das aber, sagt Dudenhöffer. "Autobauen ist deutlich einfacher, als die Autohersteller immer erzählen." Der kalifornische Elektroauto-Hersteller Tesla ist ein Beispiel dafür, wie eine Marke neu entstehen kann. Das Geld dazu hätten die IT-Konzerne allemal.

Wettkampf der Plattformen

"Google hat kein Interesse an Auto-Hardware. Google will ein Mobilitätssystem in großen Städten erschaffen", sagt Schmidt, der bei Accenture den Auto-Bereich in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika leitet. Immer mehr vor allem junge Menschen wollen ihr Geld für Mobilität statt für ein eigenes Auto ausgeben. Deshalb versuchen sich Daimler, BMW, Volkswagen und Opel am Carsharing und entwickeln Apps, die sich nicht nur an Autokäufer wenden.

Im Auto werde es künftig um den Zugang zu den Insassen gehen, darum, welche Dienste von welchem Anbieter ins Fahrzeug kommen, ist Schmidt überzeugt. "Das Spiel wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren entscheiden." Es ist ein Wettkampf der Plattformen, in dem Google und Apple Hunderte Millionen Smartphone-Kunden haben. "Wer die meisten Nutzer auf seiner Plattform hat, wird das System bestimmen, wird die Services bestimmen und letztlich auch die Preise und die Margen."

Nicht nur Hardware-Lieferanten

Die Autohersteller denken nicht daran, kampflos aufzugeben. "Wir wollen keine Lieferanten werden, die keinen direkten Kundenkontakt mehr haben und Hardware an Dritte liefern", betont Zetsche. Auch deshalb kauften Daimler, Audi gemeinsam Nokias Kartendienst Here. Es geht um mehr als nur Karten für selbstfahrende Autos: Sie wollen die Kontrolle im Cockpit nicht abgeben. "Es ist eine Initiative, eine Hersteller-Plattform als Alternative zu Google, Apple und möglichen anderen Playern aufzubauen", sagt Accenture-Mann Schmidt.

Wie schnell Software die Hardware übertrumpfen kann, zeigte sich in den vergangenen zehn Jahren in der Handy-Branche, wo Betriebssystem und Apps zur Hauptsache wurden. Und dass der Kontakt zum Kunden das Tor zu weiteren Geschäften öffnet, belegt das Modell Facebook.

"Wir haben so gelernt, dass es in unserem Geschäft nicht mehr allein um PS und Drehmoment geht", sagte Volkswagen-Chef Martin Winterkorn im Frühjahr. "Es gibt eine neue Emotion rund ums Autofahren, die entsteht", sagt Dudenhöffer. "Wir wissen noch nicht genau, was es ist, aber es ist etwas anderes, als schnell um die Kurve zu kommen und die Reifen quietschen zu lassen."

Stimmung ist getrübt

Allerdings dürfte die aktuelle Flaute am weltgrößten Automarkt China die Stimmung in Frankfurt eintrüben. Denn während das Geschäft in Europa wieder anzieht und in den USA rund läuft, ging der Absatz im Reich der Mitte zuletzt zurück. Nach Jahren mit teilweise enormen Wachstumsraten gab der auch für deutsche Hersteller extrem wichtige Markt im Juli um sechs Prozent auf 1,2 Millionen Neufahrzeuge nach. Der wichtige Wachstumsmarkt entwickle sich immer mehr zum Sorgenkind, hieß es jüngst in einer Studie der Unternehmensberatung EY. (apa/dpa)