Coronakrise

Deutschland: Massive Kritik der Wirtschaft an der Coronastrategie von Merkel

Angesichts der jüngsten Entscheidungen der Regierung Merkel zur Coronakrise kommt aus der deutschen Wirtschaft massive Kritik. Viele Handwerkerbranchen befürchten einen breitflächigen Kollaps. Die Maßnahmen müssten sich an den wissenschaftlichen Fakten orientieren, heißt es.

Deutschland Coronakrise Lockdown Angela Merkel

Die Wirtschaft hat mit scharfer Kritik auf die Coronabeschlüsse des deutschen Bund-Länder-Gipfels reagiert. "Bund und Länder agieren nur noch im Tunnelmodus", sagte der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes HDE, Stefan Genth. "Die alleinige Fixierung auf die Corona-Inzidenzwerte wird der komplexen Lage nicht gerecht." Genth forderte die Öffnung von Geschäften. Kritik kam auch vom Tourismus, der Veranstaltungswirtschaft und von Handwerksvertretern.

Die Coronamaßnahmen müssten sich an den wissenschaftlichen Fakten orientieren, verlangt der Handel. "Und die zeigen, dass die Infektionsgefahr beim Einkaufen niedrig ist", so Genth. Es sei deshalb höchste Zeit, die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen und alle Geschäfte unter Einhaltung strikter Hygienekonzepte wieder zu öffnen. Im Nicht-Lebensmittelhandel hinterlasse der seit drei Monaten andauernde Lockdown tiefe Spuren. Gut jeder zweite Händler von Bekleidung, Schuhen und Lederwaren sehe sich in Insolvenzgefahr. "Nach einem Jahr mit Corona ist die Lage bei vielen Händlern verzweifelt, vielerorts gibt es keine Hoffnung mehr, diese Krise wirtschaftlich überstehen zu können."

"Es gibt vielerorts keine Hoffnung mehr"

Als kontraproduktiv sieht der Einzelhandelsverband HDE die Schließung auch der Lebensmittelhändler an Gründonnerstag. Das führe zu erhöhtem Kundenandrang am vorhergehenden Mittwoch und dem folgenden Ostersamstag. "Den Lebensmittelhandel mit seinen nachweislich hervorragend funktionierenden Hygienekonzepten symbolisch für einen Tag zuzumachen, hilft im Kampf gegen die Pandemie nicht weiter", sagte Genth.

White Paper zum Thema

Der Handwerksverband ZDH warnte vor einem breitflächigen Kollaps von Firmen. "Angesichts eines weiterhin fehlenden Planungshorizonts, dazu auch noch stockender oder unzureichender Überbrückungshilfen, werden viele Betriebe nicht überleben können", sagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im ZDF. Die Autohändler fürchteten das Aus für viele Betriebe der Branche. "Wir können und dürfen nicht warten, bis die Pleitewelle rollt. Die Politik muss Handlungswege aufzeigen und darf unser Land nicht länger stilllegen", sagte Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Viele Existenzen im mittelständischen Kraftfahrzeuggewerbe stehen auf dem Spiel."

Lage in der Chemieindustrie und Elektronikbranche den Umständen entsprechend gut

In der Industrie klagen die Hersteller von Bekleidung und die Getränke-Hersteller am stärksten über eine schlechte Finanzlage. Vergleichsweise entspannt sei die Lage für die Hersteller von Glas und Keramik, für die IT-Dienstleister, Hersteller von elektronischen und optischen Geräten sowie für die Chemiebranche.

Der Deutsche Tourismusverband reagierte mit Unverständnis und Empörung auf die Die Veranstaltungswirtschaft lehnte die Coronabeschlüsse ab. Statt der in Aussicht gestellten Öffnungen rudere die Politik getrieben von Inzidenzen und kurzfristigen Handlungshorizonten zurück, erklärte der Fachverband Famab. Die vollmundig angekündigte Öffnungsstrategie ertrinke in einem Meer operativer Fehler. "Wir sind länger im Lockdown als jeder andere Sektor", sagte Famab-Experte Jörn Huber. Die Branche brauche endlich ein verbindliches Signal aus der Politik. (reuters/dpa/apa/red)