Arbeitsmarkt

Deutsche Industrieriesen im Kündigungsrausch

Große Industriekonzerne in Deutschland befinden sich, so scheint es, in einer Art Kündigungsrausch. Ob Siemens, Volkswagen, Opel, Bayer, BASF oder SAP: Überall warten Programme, die den Abbau von vielen tausend Arbeitsplätzen vorsehen.

Ford will in Europa 12.000 Arbeitsplätze streichen, BASF weltweit 6.000, Siemens rund 3.000 in der Energiesparte und die Deutsche Bank denkt Medienberichten zufolge sogar über 20.000 Posten weniger nach. Das Streichkonzert bei den großen deutschen Konzernen ist derzeit im vollen Gange.

Dabei handeln die Unternehmen "sozialverträglich", das heißt: Niemand wird betriebsbedingt entlassen, die Mitarbeiter bekommen aber meist ein Angebot, das sie schwerlich ablehnen können.

Ganz oben auf der Streichliste finden sich mittlerweile die Baby-Boomer. Egal ob Volkswagen, Opel, Bayer oder SAP: Sie alle legen große Abfindungs- und Frühverrentungsprogramme auf, um tausende ältere Mitarbeiter loszuwerden. Diese hätten nicht die erforderlichen Fähigkeiten, die in Zeiten der Digitalisierung gebraucht werden, heißt es. Und wegen ihrer hohen Gehälter schone ein Abgang auch die Kassen der Unternehmen.

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Beim Chemiekonzern Bayer können Mitarbeiter ab 57 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand gehen, das Unternehmen bezahlt sie dennoch bis zu sechs Jahre weiter. Beim Softwareriesen SAP können Beschäftigte ab 57 in Altersteilzeit gehen. Dabei will der Konzern Abschläge so weit ausgleichen, dass die Mitarbeiter wieder fast auf ihr altes Gehalt kommen.

Deutsche Post, Telekom, Ford und Lufthansa sind weitere Beispiele für Firmen, die lieber hunderte Mio. Euro an Abfertigungen zahlen, statt die teuren Baby-Boomer, zu denen vor allem die Jahrgänge Mitte der 50er bis Mitte der 60er gerechnet werden, weiter zu beschäftigen.

Vor allem Baby-Boomer auf der Abschussliste

Was sich die großen Konzerne leisten, macht nach Ansicht des Arbeitsmarktexperten Enzo Weber gesamtwirtschaftlich keinen Sinn. "Der große Trend ist, dass die Arbeitskräfte knapp werden", sagt der Wissenschafter vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Der Arbeitsmarkt brumme - und daran werde auch die konjunkturelle Abkühlung mittelfristig nichts ändern. "Frühverrentung ist in der aktuellen Situation eigentlich abseitig", kritisiert Weber.

Warum es sich die Großunternehmen dennoch erlauben können: "Ein Konzern mit einer weltbekannten Marke hat weniger Probleme, junge Mitarbeiter zu finden", sagt Weber. Im Mittelstand sehe das aber anders aus.

"Wenn die Baby-Boomer uns verlassen, haben wir ein Problem", sagt etwa der Chef des freien Bildungsträgers Internationaler Bund, Thiemo Fojkar. "Auch bei uns fehlen die Fachkräfte." Das habe mit der Alterung der Bevölkerung und der starken Konkurrenz um Mitarbeiter im Bildungsbereich zu tun. Der Internationale Bund versuche ältere Mitarbeiter deshalb mit "materiellen Anreizen" und einer wertschätzenden Atmosphäre zu halten.

Wer möchte, könne auch über das Rentenalter hinaus in Teil- oder Vollzeit weiterarbeiten. "Das wird von unseren Mitarbeitern je nach Funktion gerne angenommen", sagt Fojkar, der 14.000 Mitarbeiter führt. Er selbst will noch neun Jahre arbeiten, bis er 70 ist. "Ich habe aber auch vollstes Verständnis, wenn jemand nach einem Arbeitsleben mit harter körperlicher oder psychischer Belastung schon mit 58 in Rente gehen will", sagt er.

Wenn es nach IAB-Forscher Weber geht, sollten auch die Baby-Boomer aus den DAX-Konzernen weiter arbeiten. "Das sind hochproduktive Mitarbeiter mit wertvollen Kenntnissen. Sie könnten noch mindestens zehn Jahre Nutzen stiften." Allerdings müssten manche dafür "über den Firmenrand gucken". Im Mittelstand gebe es viele attraktive Positionen, wo ihre Fähigkeiten noch gebraucht würden. Der technologische Wandel finde nicht überall gleich schnell statt.

Auch kleinere Qualifizierungen würden sich für Ältere noch lohnen. Und damit der Jobwechsel kein finanzieller Abstieg wird, könnte die Politik Weber zufolge bei den Lohnkosten unterstützen. Schließlich profitiere der Staat auch davon, wenn die Baby-Boomer länger arbeiten. (afp/apa/red)

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