VW-Zulieferstreit

Der VW-Zulieferstreit und die Drahtzieher - wie es wirklich gewesen sein könnte

Warum gehen zwei traditionsreiche sächsische Firmen auf VW los - nur wegen eines gescheiterten Großauftrags? Und welche Rolle spielen ihre neuen Anteilseigner: Prevent, eine Gruppe aus Bosnien, und Eastern Horizon, eine Beteiligungsfirma aus den Niederlanden?

Es wirkt wie David gegen Goliath. Nur: Wer im Streit zwischen zwei kleinen Zulieferern und dem Weltkonzern Volkswagen eigentlich der Böse ist, das liegt noch nicht auf der Hand. Ein Erklärungsansatz: Die Zulieferer spielten "Robin Hood", heißt es im Umfeld der Firmen. Zwar falle ihr Handeln aus dem üblichen Rahmen, sei aber das letzte Mittel gegen "Ausbeutung und Machtmissbrauch".

Nicht minder spannend klingt der andere Versuch der Erklärung: VW bekomme es an seiner Achillesferse mit einer Mischung aus verletztem Stolz, Zockermentalität und hemdsärmeligen Methoden zu tun. Dahinter stehe das lange geplante Drehbuch für einen wahren Wirtschaftskrimi.

Fest steht bisher ohne Zweifel nur: Der Versorgungsstopp zweier Zulieferer aus Sachsen hat den Autobauer gelähmt. Kurzarbeit und ein millionenteurer Produktionsausfall waren die Folgen. Betroffen waren ausgerechnet die wichtigsten VW-Modelle: Passat und Golf. Die sieben wichtigsten Details zum Ablauf des Streits hier.

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Die Firma Car Trim aus Plauen lieferte keine Sitzbezüge mehr, was vor allem den Passat im Emder Werk getroffen hat. Car Trims Schwesterfirma ES Automobilguss, kurz ES Guss, aus Schönheide setzte die Belieferung mit Gussteilen aus, die in Automatikgetrieben stecken. Das hat den Bau des Golf im VW-Stammwerk und in Zwickau lahmgelegt. Der spektakuläre Streit ist inzwischen beigelegt, VW hat sich mit den Zulieferern geeinigt - obwohl zahlreiche Fragen weiter offen bleiben. Und insgesamt 28.000 Beschäftigte konnten tagelang nicht so arbeiten, wie sie sollten - mit einem großen Schaden für hunderte andere Zulieferer von Volkswagen.

Wie konnte es nur soweit kommen?

Ein Teil der Antwort ist einfach: VW verlässt sich bei Gehäusegussteilen für seine Golf-Automatikgetriebe nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur nur auf den Partner ES Guss. Einquellenbeschaffung ist riskant, hilft aber beim Sparen.

Doch das Getriebe ist eine Schlüsselstelle: Selbst wenn es mal eben auf die Schnelle einen alternativen Zulieferer gäbe, müsste VW das dort georderte Teil umfangreich testen. Das ist branchenüblich. Das alles dauert Monate. Leichter könnte es da bei den Sitzbezügen sein, heißt es aus Kreisen des Konzerns. Die Stoffe können schon vorab zertifiziert sein, etwa auf Allergieverträglichkeit oder Robustheit. Und: Mit Sitech hat VW eine 100-prozentige Tochter fürs Sitzebauen unter dem eigenen Dach.

Das erleichtert Wege für einen Plan B. Auch sei die Gefahr bei einem Wechsel in der laufenden Produktion weit geringer als bei Teilen für Getriebe. Und bei denen erlebte VW schon böse Überraschungen: Das DSG (Direkt-Schalt-Getriebe) machte in Regionen mit viel Luftfeuchtigkeit und dem Hang zu Staus Probleme. Ein teurer Rückruf war die Folge. Das hatten auch die umfangreichen Tests vorab nicht ändern können.

Streit eskalierte Ende Juni

Das alles erklärt die heikle Einkaufs- und Produktionssituation. Aber warum nur eskalierte der Konflikt derart, dass zwei mittelständische Zulieferer dem Größten in der Branche tagelang den Hahn abdrehen? Car Trim und ES Guss haben doch einen Namen zu verlieren, die Reputation.

Das Fass lief wohl Ende Juni über. Damals zog VW den Stecker bei einem Zukunftsprojekt, bei dem Car Trim von 2017 an Sitzbezüge für VW und Porsche liefern sollte. Dabei sei es um eine halbe Milliarde Euro Auftragsvolumen gegangen - selbst für den VW-Konzern keine Peanuts.

Dem Vernehmen nach machte VW Qualitätsmängel geltend. Inwieweit es dabei auch um Preisfragen ging, lässt sich objektiv nicht bewerten. Doch Car Trim war in Vorleistung getreten, etwa mit neuem Personal. Und daher sollte VW einen "mittleren zweistelligen Millionenbetrag" als Wiedergutmachung für das plötzlich beendete Projekt zahlen. Nur: Vom Autobauer ist zu hören, dass die Forderungen "absurd hoch" seien und vor allem nicht nachvollziehbar begründet werden könnten. Von der Zuliefererseite heißt es, VW habe das Blatt schlicht überreizt.

Zulieferer erst seit einigen Monaten "finanziell verzahnt" - mit neuen Anteilseignern

Dann geschah etwas, womit VW möglicherweise nicht rechnete. Car Trim ist über die Konstellation einer verschachtelten Dachgesellschaft mit ES Guss verbandelt. Und die Schwesterfirma soll Forderungen an VW auf ES Guss übertragen haben. Von den Zulieferern heißt es, Car Trim und ES Guss seien "eigenständige Unternehmen", sie seien aber finanziell verzahnt - also quasi eine Schicksalsgemeinschaft.

Die Gruppe Prevent von Nijaz Hastor

Die deutschen Autozulieferer ES Automobilguss und Car Trim gehören inzwischen beide zur Prevent Gruppe, die ihren Sitz in Slowenien hat, aber in Bosnien beheimatet ist. Haupteigentümer von Prevent ist der Bosnier Nijaz Hastor. Der Ingenieur war vor dem Bosnien-Krieg in leitender Position bei Prevent in Sarajevo beschäftigt. Der Hersteller baute damals die Modelle Käfer und Golf für Volkswagen.

Nach dem Krieg bekam Nijaz Hastor bei der Privatisierung den Zuschlag und startete den Betrieb von Prevent wieder, so das "Manager Magazin". Durch Zukäufe wuchs das Unternehmen ASA Prevent und beschäftigt eigenen Angaben zufolge heute international 12.000 Menschen. Der Umsatz betrug zuletzt, vor zwei Jahren, 529 Mio. Euro. Auch in Österreich ist Prevent aktiv - mehr zu dieser Gruppe hier.

Die Gruppe Eastern Horizon und der Einstieg im Oktober 2015

Der Fokus fällt dabei allerdings auch auf die Eastern Horizon Group Netherlands mit Sitz in Amsterdam, die im Firmengeflecht der Prevent-Gruppe auftaucht, zu der Car Trim und ES Guss erst seit einigen Monaten gezählt werden. So ist Eastern Horizon erst im Oktober 2015 bei der ES Automobilguss eingestiegen - hier ein externer Link zu einem Eintrag des deutschen Bundeskartellamts zum Einstieg.

Wie genau die Abhängigkeiten sind und wer das Sagen hat, ist unklar. Fest steht, dass Volkswagen der Lieferstopp der Getriebe am härtesten trifft.

Konflikt zwischen VW und Eastern Horizon hat offenbar ältere Wurzeln

Die Firmen erklären schriftlich: "VW zwingt uns zu diesem Vorgehen, um unsere eigenen Mitarbeiter in Niedersachsen und Sachsen zu schützen und letztlich den Fortbestand des Unternehmens zu sichern." VW missbrauche seine Marktmachtstellung. Von den Zulieferern heißt es, VW habe zuerst Verträge gebrochen und schere sich nicht um die Folgen.

Man begreife sich nun auf Zuliefererseite wie Geschwister, die einander in großer Not helfen und füreinander einstehen. "Die Art und Weise, wie VW mit Zulieferern umgeht, ist in keiner Weise akzeptabel und kann jeden kleineren Betrieb in den Ruin treiben", sagt Alexander Gerstung, Mitglied der Geschäftsleitung bei ES Guss.

Doch nach dpa-Informationen hat der Streit zwischen dem Einflussbereich der Eastern Horizon und dem VW-Konzern tiefere und ältere Wurzeln, die unter anderem auf den Balkan und nach Brasilien reichen. "VW kloppt sich massiv mit Eastern Horizon", sagt ein Insider von der Zuliefererseite.

Passiert ein gezielter Einstieg bei VW-Schlüsselzulieferern - um größere Ziele zu erreichen?

Aus VW-Kreisen ist gegenüber der Deutschen Presse Agentur von einer "undurchsichtigen Lage" die Rede, die Hintergründe seien völlig unklar. Demnach könnte die Eastern Horizon gezielt als Aufkaufsvehikel genutzt worden sein, um VW-Schlüsselzulieferer unter Kontrolle zu bekommen, mit denen sich zur Not Druck aufbauen lasse. (dpa/apa/red)

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