Management

"Kultur des Misstrauens"

Banken und Kapitalmarkt zwingen Unternehmern ein Berichtswesen auf, das in immer kürzeren Rhythmen immer detailliertere Rechenschaft über Sachverhalte abverlangt, die zur operativen Steuerung des Unternehmens gar nicht notwendig sind. So wird Reporting zunehmend zum zeitraubenden Selbstzweck. Immer mehr Spitzenmanager zweifeln am Nutzen des Reportings – und suchen nach Wegen, der Datenflut Sinn abzugewinnen. Von Piotr Dobrowolski

Die Tendenz geht jedenfalls eindeutig zu immer längeren und immer breiteren Zahlenkolonnen. Und sie kommt, so meinen jedenfalls viele, die mit ihr zu kämpfen haben, ausgerechnet aus dem Land, das oft als Sinnbild für unternehmerische Freiheit herhalten muss: den Vereinigten Staaten. „Der Trend, alles zu reporten, alles zu dokumentieren, kommt aus den USA und folgt einer für Unternehmer leider oft verhängnisvollen Logik. Es geht nur noch darum, keine Fehler zu machen, anstatt etwas gut und richtig zu machen. Das kann jede Dynamik töten“, sagt etwa Martin Krauss, Finanzvorstand bei Siemens VAI.
 
„Misstrauenskultur“
 
Dahinter macht Krauss als Ursache eine Kultur des Misstrauens aus: „Es gibt eben eine Vertrauens- und eine Misstrauenskultur. Wo es eine Misstrauenskultur gibt, werden die Vorgaben an das Reporting allein schon aus dem Kontrollbedürfnis heraus größer.“ Was jedoch nur einen bedingten Nutzen habe, denn natürlich seien Zahlen als Mittel des Risikomanagements wichtig. „Am Ende steht aber die Interpretation und damit die Frage, was ein konkreter Mensch als Entscheider aus den Zahlen macht.“
 
Und selbst das ist erst das halbe Problem. Die andere Hälfte besteht darin, dass eine Balance zwischen an Zahlen reichen, aber unübersichtlichen Berichten und Berichten, die sich auf wenige Daten konzentrieren, dafür aber oft einseitig ausfallen, kaum zu finden ist.
 
Wie werden Daten besser?
 
„Der Trend geht, nicht zuletzt unter dem Stichwort Risikomanagement, zu mehr Daten“, sagt Christoph Eisl von der FH Oberösterreich, an der ein Team darüber forscht, wie Unternehmen ihre Reports am effizientesten gestalten können. „Aus der Sicht der Lesbarkeit wären hingegen eher weniger Daten wünschenswert, wobei Sie dann natürlich sofort das Problem haben, dass Reportersteller versuchen können, die wenigen Kennzahlen, die im Report vorkommen, auf Kosten von Zahlen, die nicht vorkommen, zu frisieren.“
 
Die Hoffnung, schon bald werde es nur noch eine einzige, allgemein verständliche, supereffiziente Vorlage für alle Reports geben, müssen die Forscher enttäuschen. Heimo Losbichler, der an der FH Oberösterreich den Studiengang Controlling, Rechnungswesen und Finanzmanagement leitet, relativiert allzu hohe Erwartungen: „Die One-size-fits-all-Empfehlung für Reports gibt es nicht, und es wird sie auch nicht geben. Dazu sind die Anforderungen an unterschiedliche Reports zu groß und auch die persönlichen Vorlieben der Reportersteller und -leser. Wir können aber mit ziemlich großer Sicherheit sagen, was nicht funktioniert, und Empfehlungen für Dinge geben, die höchstwahrscheinlich funktionieren werden“ (siehe Kasten).
 
Ein Ende der Subjektivität
 
Die wichtigste Herausforderung im Reporting sehen die FH-Forscher in der Notwendigkeit, möglichst viel auf möglichst wenig Fläche unterzubringen, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Tablets und Smartphones, bei denen der zur Verfügung stehende Platz anders begrenzt ist als beim klassischen PC, Laptop oder gar im Druck. „Wie bringe ich möglichst viel Information pro Quadratzentimeter unter, ohne dass es unübersichtlich wird, das ist sicher eine der Kernfragen“, sagt Losbichler. Sich hier allein auf Erfahrung zu verlassen, helfe nicht weiter. „Fragen Sie drei Leute, die seit Jahren Reports machen, wie ein konkretes Problem zu lösen ist, eine Grafik zum Beispiel, und Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit drei völlig unterschiedliche, ja womöglich sogar einander widersprechende Vorschläge bekommen.“
 
Lesen Sie weiter: Unschärferelation

Verwandte tecfindr-Einträge