Der Mann im Schatten

Vom Schwertberger Schlosserlehrling zum Großinvestor: Diskret hat der Badener Anwalt Rudolf Fries, 46, in den vergangenen fünfzehn Jahren ein Geflecht von Beteiligungen aufgebaut, das weit über den Stahlkonzern Böhler-Uddeholm, den Automobilzulieferer Eybl oder die Engel-Gruppe hinaus geht. (Dieser Artikel der Jubiläumsserie 20 Jahre INDUSTRIEMAGAZIN erschien in der Ausgabe vom September 2004.)

Hier treffen biedermeierliche Beschaulichkeit und professionelles Entertainment aufeinander. „Cinderella – Märchenhaftes Glück“ verspricht das knallige Gewinnspiel-Plakat über dem Eingang des Casinos in Baden bei Wien. Von den halbrunden Balkonen des ehrwürdigen, blitzblank renovierten Hotels Herzoghof bietet sich den Gästen ein Blick auf den Kurpark, wie er wohl vor mehr als hundert Jahren war – mit üppiger Blumenpracht, dem verspielten Musikpavillon und dem märchenhaften Undine-Brunnen.

 Gleich gegenüber, am Ende des Erzherzog-Rainer-Rings in dem etwas müde  gewordenen schmutzigweißen klassizistischen Stadthaus mit den vier Säulen vor dem Tor, verbirgt sich ein industrielles Hauptquartier. Neben den nüchternen Tafeln zweier Fachärzte weist nur ein dezentes, poliertes Messingschild auf eine Anwaltskanzlei hin: Eckert & Fries. Und doch laufen in diesem Büro Fäden zusammen, die in manchen Teilen der heimischen Industrie enger nicht zu knüpfen wären und deren Ausläufer bis ins ferne Korea, nach China, Kanada und Brasilien reichen.

 Einst belächelt. Vor 10 Jahren war der Name des Wirtschaftsanwalts und Drittelpartners der Kanzlei, Rudolf Fries, vor allem Industriellen, Agrariern und Gewerbetreibenden zwischen Wels, Pasching und Perg geläufig. Dort reüssierte der verschwiegene Spezialist als Rechtsbeistand bei der Gründung von Privatstiftungen, bei Management-Buy-outs und Umgründungen. Mitte der 90er Jahre tauchte der Name Fries nur kurz auf, als er sich – letztlich erfolglos – um die Sanierung des Trauner Brillenherstellers Carrera-Optyl bemühte. Ende 2000 gründete er – gemeinsam mit einer Gruppe von kapitalkräftigen Investoren – die M & A-Bank. Und schon bald darauf wurde bekannt, dass Fries – wiederum gemeinsam mit anderen – begann, systematisch Anteile des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm zu kaufen. Anfangs von ÖIAG-Managern belächelt schaffte er es, innerhalb weniger Monate ein Paket von mehr als 25 Prozent zu erwerben und damit zum entscheidenden Kernaktionär aufzusteigen.

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 Böhler, Engel, Eybl. Heute geht im Fries’schen Industriereich die Sonne nicht mehr unter. Der Automobil-Textilhersteller Eybl, bei dem er sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eingekauft hat, produziert Sitzbezüge und Kunststoff-Innenteile für Autos vor allem in Mittelosteuropa, in Ungarn und Rumänien. Böhler-Uddeholm betreibt Stahlwerke in Österreich, Schweden und Brasilien. Und der Maschinenbaukonzern Engel, an dem die Familie Fries rund ein Viertel hält, hat schon vor Jahren nach Nordamerika expandiert, besitzt eine Fabrik in Korea und baut gerade ein Werk in China. Insgesamt arbeiten in den Industrieunternehmen, auf die Rudolf Fries maßgeblichen Einfluss hat, weltweit mehr als 18.000 Menschen – fast so viele, wie das kleine Biedermeierstädtchen  Baden Einwohner hat.

 Anwalt und Schlosser. „Oft wundern sich die Leute, dass wir Büromenschen mit den Händen so zugreifen können.“ Heinz Polak, Besitzer und Geschäftsführer der Salzburger Werbeagentur Polak and friends, hat mit Rudolf Fries gemeinsam die Schulbank gedrückt. In einer ganz besondere Schule: Das Werkschulheim Felbertal im salzburgischen Ebenau ist ein Unikum im österreichischen Schulsystem. Hier erlernen die Buben – und seit wenigen Jahren auch Mädchen – neben der AHS-Matura auch ein Handwerk: Tischlerei, Elektronik, Mechatronik. „Der Rudi“, wie ihn seine Klassenkollegen auch heute noch freundschaftlich nennen, legte als Jahrgang 1958 seine Lehrabschlussprüfung noch in der traditionellen Schlosserei ab. Wilfried Altzinger, heute Ökonomieprofessor an der Wiener Wirtschaftsuniversität, der aus einer Perger Unternehmerfamilie stammt, glaubt sich noch an einen eisernen Kerzenständer erinnern zu können, den Jahrgangskollege Fries für seine Mutter zu Weihnachten an der Esse geschmiedet hat. „Auch die Gesellenprüfung war sehr anspruchsvoll“, so Altzinger, „viel Theorie.“

 Industriebeteiligung von der Wiege auf. Mitschüler Polak erzählt, dass Fries „die Schule nicht in den Schoß gefallen ist. Er hat schon lernen müssen.“ Das bestätigt auch ein früherer Lehrer, Raimund Schmiderer. „Ich erinnere mich gut an ihn. Er war ein ruhiger, besonnener Schüler, ein guter Analytiker.“ In seinen Fachzeichnen- Stunden habe sich dieser schon damals überlegt, ob die Konstruktionen auch wirtschaftlich sinnvoll auszuführen seien. Schmiderer: „Das könnte von zuhause kommen.“

 Zuhause, das war Schwertberg in Oberösterreich. Die Eltern von Rudolf Fries stammten aus wohlhabenden Häusern, die Mutter von einem großen Bauernhof, der Vater aus einer Unternehmerfamilie. Im Geburtsjahr von Rudolf, 1958, sollte sich eine unerwartete Gelegenheit ergeben – eigentlich aus der Not heraus. Die Mühle der Familie Fries war abgebrannt, und als die Versicherungssumme zur Auszahlung kommen sollte, klopfte ein Bekannter bei Rudolf Fries senior an: Ludwig Engel. Er brauchte für die zügige Expansion seines Maschinenbauunternehmens Geld und fragte, ob Fries nicht Teilhaber werden wollte. Dieser stimmte zu, sein Schwager Hermann Obermair entwarf wasserdichte Verträge, und eine jahrzehntelang profitable Partnerschaft entstand.

 Beruf: „Firmengesellschafter“. Die Familie Fries hielt sich aus dem Alltagsgeschäft bei Engel wohl heraus. Weder Rudolf Fries senior noch sein Sohn übten jemals „eine operative Managementfunktion bei der Engel- Gruppe“ aus, wie der heutige Vorsitzende der Geschäftsführung, Peter Neumann, festhält. Aber über das Unternehmen gesprochen wurde doch intensiv daheim, der Sohn schon früh wirtschaftlich geprägt. Seine Klassenkollegen erinnern sich auch an eine Exkursion zu Engel in die Fabrik – ebenso wie an andere Fahrten – etwa ins nahe Handelshaus der Altzingers. Im Telefonbuch gibt Fries senior auch heute noch als Berufsbezeichung „Firmengesellschafter“ an.

 Entscheidende wirtschaftliche Seilschaften bildeten sich in der Schulzeit noch nicht, auch wenn diese Gelegenheit bot, in andere Gesellschaftsschichten hineinzuschnuppern. Der Großteil der Privatschüler stammte wohl aus „finanziell besser abgesicherten Familien“, weiß Ex-Lehrer Schmiderer. Aber es gab auch Arbeiterkinder – und zahlreiche adelige Sprösslinge. So war etwa der Weingutsbesitzer und Schlossherr von Sallegg im Südtiroler Kaltern, Georg Graf Kuenburg, ein Jahrgangskollege von Rudi Fries. 

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