Hintergrund

Der Handelsstreit und die Rolle von Daimler, BMW, VW und Audi

In der Autoindustrie gibt es ein weltumspannendes Netz zwischen den USA, China und Europa. Dass Peking jetzt offenbar Trumps Forderungen nachgegeben hat, weckt in Europas Konzernzentralen Hoffnungen.

Der zwischen den USA und China vereinbarte Burgfrieden zur Beilegung des Handelsstreits nährt auch bei Automanagern in Deutschland Hoffnungen. Denn dadurch könnten auch Gespräche mit der EU über die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Strafzölle für den Import von Autos in Gang kommen.

China und die USA sind für viele Hersteller die größten Einzelmärkte. Zudem haben die deutschen Konzerne in den vergangenen Jahren ihre Produktion global aufgestellt und exportieren ganz selbstverständlich Autos von einer Weltregion in die andere. Höhere Zölle sind da ein kostspieliges Hindernis.

Folgend ein Überblick über die Aktivitäten der deutschen Autobauer:

DAIMLER:

Daimlers Autofabrik in den USA ist das Werk in Tuscaloosa/Alabama mit einer Kapazität von 300.000 Fahrzeugen im Jahr und mehr als 3.700 Mitarbeitern. Neben der Mercedes C-Klasse Limousine ist der 1995 gegründete Standort auf die größeren Geländewagen GLE und GLS spezialisiert, die nur dort gebaut werden. Künftig sollen Elektro-SUVs der neuen Marke EQ vom Band laufen. Wieviele Fahrzeuge Mercedes aus den USA nach China liefert, gibt der Konzern nicht preis. Aber die Exporte müssen ein substanzielles Volumen haben, schließlich waren die höheren Zölle Chinas auf diese Fahrzeuge mit ein Grund für die von den Stuttgartern publizierten Gewinnwarnungen. Die größeren SUVs sind in China sehr gefragt.

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In der Volksrepublik selbst produziert Mercedes-Benz Cars gemeinsam mit seinem chinesischen Partnerunternehmen BAIC Motor seit 2006 Pkw. Am Standort Peking fertigen rund 11.500 Beschäftigte jährlich mehr als 430.000 Autos sowie Motoren. Vom Band laufen das meist verkaufte Mercedes-Modell C-Klasse, der Oberklassewagen E-Klasse und die Geländewagen GLA und GLC. Über alle Modelle hinweg wurden zuletzt rund ein Drittel aller der in China verkauften Daimler-Fahrzeuge importiert - unter anderem aus den USA.

BMW:

Der Oberklasse-Hersteller baut seit fast 25 Jahren Autos in den USA, die Fabrik in Spartanburg/South Carolina ist mittlerweile der größte Standort des Konzerns weltweit. Dort werden die Geländewagen der X-Reihe produziert: X3, X4, X5 und X6 - rund 1.400 Fahrzeuge pro Tag. Von den gut 371.000 in den USA gebauten Autos exportierte BMW 2017 mehr als 70 Prozent. Wichtigstes Ziel: China. Von Spartanburg aus gingen nach Firmenangaben im vergangenen Jahr gut 100.000 Fahrzeuge in die Volksrepublik, das sind 27 Prozent aller in den USA gefertigten Fahrzeuge beziehungsweise 18 Prozent aller BMWs, die in China verkauft wurden.

Besonders beliebt ist bei chinesischen Kunden der X3, weshalb der Geländewagen jetzt auch vor Ort gebaut wird. In zwei Autofabriken rund um Shenyang im Nordosten von China produziert BMW mit seinem lokalen Partner Brilliance Modelle wie X1, 3er, 5er und unter der Marke Zinoro ein Elektroauto. In den Werken Dadong und Tiexi wurden im vergangenen Jahr nach Konzernangaben fast 400.000 BMW-Fahrzeuge produziert. Verkauft wurden in der Volksrepublik damals knapp 560.000 Stück.

BMW erwägt derzeit den Bau einer zweiten Produktionsanlage in den USA. Dort könnten Motoren und Getriebe hergestellt werden. Im nächsten Jahr wollen die Münchner in neues Werk in Mexiko eröffnen.

VOLKSWAGEN:

Die Wolfsburger betreiben in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee seit sechs Jahren ein Werk, in dem eine eigens für die USA entwickelte Version des Mittelklassewagens Passat vom Band läuft. Seit 2017 wird dort zudem der SUV Atlas gebaut, mit dem VW sich noch stärker am Geschmack der Amerikaner orientiert. Die Fabrik mit einer Kapazität von 250.000 Fahrzeugen produziert ausschließlich für den US-Markt, liefert von dort also nicht nach China. VW sucht derzeit einen Standort für die Produktion eines Elektroautos in den USA, für das auch der Standort in Chattanooga infrage käme.

In Puebla in Mexiko betreiben die Niedersachsen zudem eine große Fabrik, in der die Modelle Beetle, Jetta, Golf und der etwas größere SUV Tiguan Allspace gebaut und in alle Welt exportiert werden, vor allem in die USA. In China hat Volkswagen zusammen mit den Partnern SAIC und FAW (First Automotive Works) zahlreiche Fabriken, die für den lokalen Markt produzieren.

AUDI:

Die VW-Tochter fertigt keine Fahrzeuge in den USA. Von chinesischen Zöllen auf Einfuhren aus den Vereinigten Staaten wären die Ingolstädter also nicht direkt betroffen, sehen den Handelskrieg aber dennoch wie die gesamte Branche mit Sorge. In China arbeitet Audi seit 1998 mit FAW zusammen. 1995 stieg die Konzerntochter in das Joint Venture des VW-Konzerns mit den Chinesen ein. Mit FAW baut Audi in Werken in Changchun und Foshan derzeit fünf Modelle: A3, A4, A6 und die Geländewagen Q3 und Q5. Alle dort gefertigten Fahrzeuge - 2017 fast 553.000 - werden laut Firmenangaben in China verkauft.

Zusammen exportierten die deutschen Autobauer im vergangenen Jahr knapp 500.000 Fahrzeuge in die USA, ein Rückgang um ein Viertel. Den mit mehr als 800.000 Einheiten weitaus größeren Teil produziert die Autoindustrie in dem Land selbst und beschäftigt dort gut 38.000 Menschen. Hinzu kommen rund 80.000 Mitarbeiter bei deutschen Zulieferern, die auch andere Hersteller beliefern, die in den USA oder im Nafta-Raum produzieren. Insgesamt hat die deutsche Automobilindustrie nach Angaben des VDA mehr als 118.000 Mitarbeiter in ihren US-Werken.

(reuters/apa/red)

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