Maschinenbau der Zukunft

Deloitte-Partner Kainer: „Plattformanbieter in Schach halten“

Was müssen Maschinenbauer tun, um 2030 nicht zu austauschbaren Zulieferern digitaler Plattformen zu verkommen? Alexander Kainer, Partner beim Industrieberater Deloitte, hat Antworten.

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„Im Großmaschinenbau, speziell in Asien, setzt man seit einiger Zeit auf die Entwicklung stärker anwendungsorientierter, frugaler Produkte“.
Alexander Kainer, Partner Deloitte

Es ist die Welt des Wissens, der Erfahrung, der Exaktheit, in der Berater verkehren. Eher ungern angeflogen wird die Sphäre der Selbst-Prophetie. In argumentativ gut abgesicherten Szenarien zu denken ist allerdings Teil der Arbeit, vor allem zu Zeiten von Umbrüchen, wie sie jetzt passieren: Die Auftragsbücher im Maschinenbau füllen sich wieder, auch der Motor des technologischen Fortschritts läuft auf Hochtouren. Aber wird das reichen, um ein besonders disruptives mögliches Maschinenbauszenario für 2030 abzuwenden? Und zwar eine Zukunft, in der Hersteller als Folge der fortlaufenden Standardisierung zu austauschbaren Zulieferern digitaler Sourcing- und Kapazitätsplattformen verkommen? 

Alexander Kainer, Partner beim Industrieberater Deloitte, ist sich sicher, dass es es so weit gar nicht erst kommen muss. Zwar überraschte die erstaunlich klar artikulierte Sorge von Industrieentscheidern aus dem deutschsprachigen Raum über mögliche Verwerfungen durch die Plattformökonomie auch ihn. Nachzulesen sind die Ergebnisse dieser Umfrage in der Studie „Wachstumsmotor Maschinenbau“. Doch dem Durchmarsch der Plattformen stehen einige gravierende Hindernisse im Weg, wie sich bei virtuell aufgesetzten Kapazitätsbörsen - etwa im zerspanenden Bereich - zeigt: „Die klare Abgrenzung in IP-Fragen vermissen viele hier“, beobachtet Kainer.

Digitale Champions

Ebensogut also könnte Österreichs Maschinenbauern ein erfreulicheres Szenario erwarten. Dieses lautet wie folgt: Die Maschinenbauer in der DACH-Region entwickeln sich selbst zu digitalen Champions. Ihnen gelingt es, durch Ausbau ihrer Softwarefähigkeiten nicht nur operative Exzellenz zu erreichen, sondern auch neue standardisierte und hochflexible Maschinen zu entwickeln. Solche, mit denen sich neue, servicebasierte Geschäftsmodelle realisieren lassen. Das richtige Mittel, um die großen Software- und Plattformanbieter in Schach zu halten.

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Studie „Wachstumsmotor Maschinenbau. Vier Szenarien für eine erfolgreiche Zukunft in 2030.“

Für die Studie wurden im DACH-Raum auf der Grundlage der öffentlichen Berichterstattung von Dezember 2019 bis Dezember 2020 sowie auf Basis von über 30 qualitativen Experten-Interviews 91 Treiber identifiziert, die die Zukunft des Maschinenbaus wesentlich beeinflussen. Im Rahmen mehrerer Workshops zusammen mit dem Centre for the Longview (CLV) - spezialisiert auf die szenariobasierte Strategieentwicklung - wurden mit Vertretern von zehn führenden Maschinenbauunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Szenarios entwickelt.

Kern dessen könnten, wie Kainer sagt, „frugale Produktkonzepte“ sein: Innovationen, die mit dem atemlosen Prinzip „Immer mehr, immer besser“ brechen und stattdessen auf einfachere, anwendungsorientiertere Lösungen setzen. „Im Großmaschinenbau, speziell in Asien und beispielsweise bei Pressen, wurde vor einiger Zeit damit begonnen“, weiß Kainer. Momentan, beobachtet er, stünden heimische Maschinenbauer an der Schwelle zu  entschlackten, aber vor allem neuen digitalen Technologien. Haupthindernis, so es im Einzelfall eines ist: „Diese Dinge kosten eine Stange Geld“, so Kainer. 

Preis bestimmender Faktor

Das skizzierte Szenario, in dem sich Europas Industrie behauptet, hat übrigens noch weitere Implikationen auf Unternehmen, denen Aufmerksamkeit zu schenken ist. Die Wettbewerber aus Übersee hätten zunehmend Schwierigkeiten, mit der operativen Exzellenz der DACH-Maschinenbauer mitzuhalten, heißt es in der Studie optimistisch. Doch dafür braucht es Wandel. „In dieser Welt wird Innovation nicht mehr durch enge Kundenbeziehungen geschaffen, sondern durch fehlerfrei gestaltete Prozesse“, heißt es in der Studie. Die Preise werden in diesem Szenario zum zentralen Wettbewerbsfaktor.