Green Economy

Das sind die grünen Pioniere in heimischen Industriebetrieben

Ein Faible für einen gesunden Planeten, ohne bei der betrieblichen Effizienz zurückzustecken: So ticken die Energie- und Nachhaltigkeitsmanager der heimischen Industrie.

Von

Sie bringen Wesentlichkeitsanalysen in trockene Tücher. Verfassen Nachhaltigkeitsberichte mit. Machen sich für die grüne Refinanzierung am Kapitalmarkt stark. Kaufen Strom so günstig ein wie kein anderer zu. Oder gründen ein Start-up, um andere grüner zu machen: INDUSTRIEMAGAZIN hat mit heimischen Energie-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagern über aktuelle Herausforderungen gesprochen. Die Erkenntnis: Corona hat doch einiges an kurzfristiger Veränderung gebracht. Mittelfristig aber bleiben die Ziele der Unternehmen – ob Footprint oder Konzerneffizienz – intakt.

Die Offensivkraft: Christine Vieira Paschoalique

Seit 14 Jahren lässt die Leiterin Nachhaltigkeit des Baustoffherstellers Wienerberger bei grünen und sozialen Themen im Konzern nicht locker.

Am Reißbrett planbar war diese Karriere nicht, auch wenn im Lebenslauf von Christine Vieira Paschoalique heute alles trefflich zusammenpasst: Nach ihrem Architekturstudium in Wien (O-Ton Paschoalique: „Damals galt man mit Ambitionen im Bereich Nachhaltigkeit in diesem Studium als der verschrobene Öko-Typ“) forschte die gebürtige Salzburgerin im Bereich nachhaltiges Bauen und kam so erstmals in Hoheitsgewässer des österreichischen Anbieters von Gebäude- und Infrastrukturlösungen – Wienerberger. Nach ihrem Eintritt leitete sie dort selbst erste Nachhaltigkeitsprojekte, gestaltete europäische Regelwerke mit, unter anderem zu Bewertungssystemen für nachhaltiges Bauen. Mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Heimo Scheuch erhielt das Nachhaltigkeitsengagement bei Wienerberger 2009 einen neuen Stellenwert und der Wienerberger Nachhaltigkeitsbericht wurde eine feste Größe im Unternehmen. 2014 wurde die neu geschaffene Stelle der Leitung Nachhaltigkeit im Unternehmen mit Paschoalique besetzt. Der eine oder andere Meilenstein bei der Dekarbonisierung des Produktportfolios und der Förderung der Kreislaufwirtschaft gelang im Rahmen des selbstauferlegten Nachhaltigkeitsprogramms des Konzerns, der Sustainability Roadmap 2020. 2019 stellte Wienerberger – als einer der Vorreiter der heimischen Industrie – über eine 170 Millionen schwere Anleihe die Weichen für eine grüne Refinanzierung. Und Corona?

White Paper zum Thema

Mag Paschoalique beobachtet haben, wie andere Unternehmen in den letzten Monaten versucht waren, bei Nachhaltigkeitsagenden Abstriche zu machen, sei dies bei Wienerberger „absolut nicht der Fall“ gewesen: Am Zeitplan für die neue, ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie 2020+ etwa hielt CEO Scheuch wie selbstverständlich fest.

Der Optimierer: Benjamin Mörzinger

© STEFAN DIESNER

Mit zwei Weggefährten hat der Wiener Start-up-Gründer ein webbasiertes Tool zur energetischen Optimierung von Industrieunternehmen entwickelt. Das findet bereits Anklang.

Die Eckpfeiler von Benjamin Mörzingers Start-up-Idee standen schon länger. Den Ansatz, der Industrie ein webbasiertes Tool an die Hand zu geben, um aus Sensordaten von Industrieaggregaten wie etwa Kältemaschinen Maßnahmen für den effizienteren und kostengünstigeren Betrieb abzuleiten, fand der ausgebildete Maschinenbauer und frühere Projektassistent an der TU Wien schon während seiner Forschungstätigkeit faszinierend. Und auch einen potenziellen – und im Gründerteam mehrheitsfähigen – Unternehmensnamen hatte der heute 31-jährige gebürtige Wiener, für den diesen Sommer Bergwandern und – distanzwahrendes – Pfadfinderlager auf dem Programm standen, vor Augen. Der Ausbruch der Corona-Pandemie verschob die Eintragung der in Wien-Wieden domizilierten Campfire Solutions dann auch nur um einige wenige Wochen. „Der erste Termin nach dem Lockdown war beim Notar“, erzählt Mörzinger, der das Unternehmen mit der Umwelttechnologie-Expertin Anna Pölzl – verantwortlich für Produktentwicklung und Kundenkontakt – und dem erfahrenen Softwareentwickler Markus Hoffmann führt. Das Interesse an der dynamisch-energetischen Betriebsoptimierung von Anlagen sei in der Industrie hoch, hört man bei den Wienern. So gewann man zuletzt nicht nur die Student Innovation Challenge der Wien Energie – mit dem Energiedienstleister, der seinen Geschäftsbereich der Fernkälte gerade ausbaut, konnte auch der erste Pilotkunde für die Optimierung von Kältemaschinen gewonnen werden. Die Software der Wiener – „ausgelegt für Nichtinformatiker, aber Domänenexperten“ (O-Ton Mörzinger) – soll konkrete Handlungsempfehlungen bei veränderlichen Rahmenbedingungen geben.

Die Berufene: Gabriela Maria Straka

© Foto Georg Wilke

Nachhaltige Unternehmensführung ist der CSR-Verantwortlichen der Brau Union – bei aller Ratio – eine Herzensangelegenheit.

Der Wille, die klimaschonende Transformation der Wirtschaft nicht nur erste Reihe fußfrei mitzuerleben, sondern sie aktiv mitzugestalten, manifestierte sich bei Gabriela Maria Straka schon in Studientagen. Bei allem Wachstumsstreben die Klimaziele nicht außer Acht zu lassen, habe sie bereits in ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften, bei dem viele Kollegen einfach nur den Wirtschaftsturbo zünden wollten, „notwendig und richtig“ gefunden, wie sie sagt. Dass die Kommunikationsspezialistin mit Abschluss zweier Diplome des Executive MBAs an den Wirtschaftsuniversitäten Wien und Minnesota bei ihrem Arbeitgeber Brau Union Österreich auch den Bereich CSR verantwortet, kam also alles andere als zufällig.

Berufen in den Lenkungskreis des Global Compact Austria der Vereinten Nationen, steuert sie die österreichischen Rahmenbedingungen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Umsetzung der Sustainable Development Goals und der Biodiversitäts-Strategie Österreich 2020+ mit. Diese wurde von der Nationalen Biodiversitäts-Kommission einhellig beschlossen. Der Kommission gehören Vertreter aller relevanten Stakeholdergruppen im Themenbereich an. In ihrem letztaktuellen Buch „CSR und Klimawandel“ (Springer Gabler Verlag, ersch. Dez. 2019) geht sie auf die Unternehmenspotenziale und Chancen einer nachhaltigen sowie klimaschonenden Wirtschaftstransformation ein und liefert dazu gleich praktische Beispiele.

Ressourcenschonung wird in der Brau Union Österreich im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie großgeschrieben, der Fokus liegt auf der konsequenten Reduzierung des CO2-Footprints. Die Strategie „Brewing a better world“ orientiert sich außerdem an der im September 2015 von den Vereinten Nationen formulierten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. „Jede unserer Brauereien hat unmittelbar Bahnanschluss“, erzählt Straka. Nach der CO2-neutralen Produktion gehe man „entlang der gesamten Wertschöpfungskette auch die Logistik an“, sagt Straka, die sich als Fan öffentlicher Verkehrsmittel outet und in der zukünftigen Mobilität mit alternativen Energien viel Potenzial ortet. Dass Brauereistandorte wie die „Grüne Brauerei Göss“, die weltweit die erste nachhaltige Großbrauerei ist, oder darauffolgend die Grüne Brauerei Schladming regelmäßig Top-Nachhaltigkeitspreise einheimsen, regt die diplomierte Biersommelière zu weiteren, neuen Herausforderungen an, die sie gemeinsam mit ihren Teams umsetzt. Aktuell ist das Abwärmeprojekt in Wien-Schwechat und Graz-Puntigam, wo aus biogener Abwärme 2.000 Haushalte mit Energie versorgt werden, zum begehrten TRIGOS Klimaschutzpreis 2020 nominiert.

Der Netzprofi: René Stadler

© Dominik Kiss

Er durchblickt die Preismechanismen bei Strom wie kaum ein anderer. Als Energiemanager im Mondi-Konzern von entscheidendem Vorteil.

bÜer ein Jahrzehnt leitete René Stadler beim Energievertriebsunternehmen Energieallianz Austria den Verkauf für Strom- und Erdgasprodukte sowie energienahe Dienstleistungen. Dass ein guter Verkäufer auch ein guter Einkäufer sein kann, bewies Stadler ab 2012: Beim Verpackungs- und Papierkonzern Mondi zeichnete er bis 2019 für den Energieeinkauf verantwortlich. Dann – im Mai vorigen Jahres – rückte er im Unternehmen in eine Position, wo neben Preismechanismen plötzlich auch stärker Anlagenmechanismen im Fokus standen: Als Energiemanager ist er zuständig für Energieanlagen und die interne Energieversorgung. Konkret verantwortet Stadler eine schwindelerregende jährliche Stromproduktion im Ausmaß von weltweit sieben Terawattstunden. Rechnet man die Wärmeproduktion – rund 22 Terawattstunden – im Unternehmen mit hinzu, ist man in etwa beim Energieverbrauch der Beinahe-Zweimillionenstadt Wien angelangt.

Stadlers mit Abstand wichtigste Aufgabe sei die „Sicherstellung der Energieversorgung unserer Werke“, erzählt er. Dazu sei eine gute Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Energieversorgern nötig. „Und auch die haben in der Krise wirklich gut reagiert“, sagt er. Aber auch der F&E gilt das Augenmerk. Aktuell arbeite man an Forschungsprojekten, die sich mit Lösungen zur Netzstabilisierung beschäftigen würden. Der Fokus dabei: die eigene Mondi-Flexibilität als Abnehmer in volatilen Zeiten wie diesen als Service zur Verfügung zu stellen. Stadlers Überzeugung: „Mit unserem flexiblen, aus Biomasse erzeugten Ökostrom einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende leisten zu können.“

Verwandte tecfindr-Einträge