Maschinenbau

Das sind die digitalen Vordenker der Maschinenbau-Branche

Sie torpedieren, was Organisationen heilig ist. Sie provozieren mit Digital Thinking. Und bereiten Unternehmen so auf die digitale Zukunft vor. So rufen Trumpf, Wacker Neuson und Pöttinger ihr volles Disruptionspotenzial ab.

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Das Zeitalter der kreativen Zerstörung fordert erste Opfer. Power-Point-Strategen? Akribische Aktenfresser? Zählen nicht mehr zu den heißen Aktien in den Management-Boards. Die Digitalisierung hebelt die gewohnte Arithmetik in Unternehmen aus. Produktentwicklung, Pilotphase, Absatz – wer sein Geschäft heute noch klassisch denkt, steht morgen vielleicht schon ohne Kunden da. Der Testfall für neue Technologien? Findet künftig noch viel unmittelbarer im Markt statt. Das erfordert agile Innovationsmethoden wie Fast Prototyping oder 10X-Thinking. Provokation durch rigoroses Start-up-Thinking. Und vor allem: neue Typen. Wer sind diese digitalen Vordenker im Maschinenbau? Wie rufen sie in ihren Organisationen das nötige Destruktionspotenzial ab? Und welche Persönlichkeiten und Karriereverläufe prädestinieren eigentlich für die digitale Zeitenwende?

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Hagen Strasser, 44, Leiter Systemtechnik, Trumpf Maschinen Austria

Seine Branche:  Maschinenbau
Geschäftsmodell der Zukunft: Systemlösungen
Damit erreicht er Disruption: Intrinsische Motivation

White Paper zum Thema

Der Konzernrevoluzzer

Querdenker: Hagen Strasser unterhält in der Trumpf-Organisation ein ziemlich erfolgreiches Widerstandsnest.

Als wilder Haufen Spinner sieht man sich in der Rübengasse 3 nicht. Das will Hagen Strasser klargestellt haben. Sehr strukturiert arbeite seine siebenköpfige Abteilung daran, das Systemtechnikgeschäft für den Maschinenbauer Trumpf hochzuziehen. In starker Anlehnung an die ISO-Norm 15288 („System- und Software-Engineering – System-Lebenszyklus-Prozesse“), versteht sich. Trotzdem sticht die in einem Hörschinger Mietobjekt domizilierte Abteilung – ganz bewusst nicht am nur wenige Gehminuten entfernten Paschinger Trumpf-Areal installiert – von der übrigen Organisation ab: Statt getakteter Serienfertigung findet hier Anlagenbau statt. Sind im Biegebereich Feldtests bei Pilotkunden Usus, arbeitet Strassers Team ohne Fallnetz. Das Produkt hat zu funktionieren. „Wir kriegen keine zweite Chance“, sagt er.

Damit umzugehen, braucht Strasser – er leitete zuvor sieben Jahre die Vorentwicklung der Paschinger – nicht mehr lernen. Er hat sich und seiner Truppe ein Umfeld geschaffen, das kalkuliertes Scheitern – also frühzeitige Fehler – möglich macht. Projektmisserfolge? Feierte Strassers Entwicklerkollegium seinerzeit in Pasching, „weil daraus neue Möglichkeiten entstanden“, sagt er. Motivationsmanagement amerikanischer Prägung lehnt Strasser rundweg ab – stattdessen setzt er auf intrinsische Motivation: Spaß an der Arbeit, hergeleitet über Freiheiten, die er sich im Konzern erst einmal erkämpfen musste. Nicht zufällig sehen manche Kollegen in ihm einen modernen Don Quijote: Nicht die tragikkomische Figur Cervantes, sondern einen Querdenker, der erfolgreich Strukturen aufbricht: „Große Organisationen denken gern nach Schema F. Nicht immer ist es aber das zukunftträchtigste“, sagt Strasser. Der Einsatz jenes Mannes, der bei der jährlich wiederkehrenden Erhebung arbeitsbedingter Überlastung die Frage „Nehmen Sie nach Feierabend berufliche Probleme mit nach Hause“ stets stolz mit „Ja“ beantwortet, macht sich bezahlt: Im Mai gelangt das erste Projekt zur Kundenabnahme.

Gert, Reichetseder, Wacker, Neuson © Wacker Neuson

Gert Reichetseder, 43, CEO, Wacker Neuson Linz

Seine Branche: Baumaschinen
Geschäftsmodell der Zukunft: Softwareportal zur situativen Abrufung von Aushubleistung
Damit erreicht er Disruption: Design Thinking

Der Wiederholungstäter

Digitaler Einpeitscher, offen für fast alles: Markus Baldinger treibt den Wandel des Landtechnikherstellers Pöttinger zur App-Macht.

Er lässt seine Entwicklungsabteilung durch 10X-Thinking des Google-Gründers Larry Page anschießen. Softwareentwickler und Algorithmenschreiber dürfen ihm nicht nur dreinreden – sie sollen es sogar. Mit Disruption hat Markus Baldinger kein Problem: Riss er doch früh selbst die notwendigen Gräben für technologische Veränderung im Unternehmen auf. Als Firmenchef Klaus Pöttinger Anfang der 2000er mit dem Aufbau einer eigenen Mechatronikabteilung die alteingesessenen elektrohydraulischen Antriebskonzepte herausfordern will, ist Baldinger – einer der ersten ausgebildeten Mechatroniker im Land – sein Mann. Gegenwind aus den Vertriebsabteilungen? Versteht Baldinger – Techniker durch und durch – als Teil des Innovationsprozesses ebenso.

Radikale Öffnung zu Fahrzeugherstellern, Anbietern von Farmmanagementsystemen – ja sogar zum Mitbewerb: All das schwebt Baldinger, der den digitalen Einpeitscher sehr glaubhaft verkörpert, für die nächsten Monate vor. Über einen Datenhub (DKE Data) sollen Informationen wie die Drehzahl in Arbeitsaggregaten oder Wetter- und Anbaudaten in der Branche zirkulieren. Und die Grieskirchener mit einem Schlag zum App-Entwickler transformieren. Ein über die Datenplattform betriebener App-Store – denkbar ist neben vielem etwa eine Sähtechnik-App für die optimale Parametrisierung des Arbeitsgeräts – könnte noch heuer starten.

Markus, Baldinger, Pöttinger, Landtechnik © Eric Kruegl

Markus Baldinger, 47, Geschäftsführer F&E, Pöttinger Landtechnik

Seine Branche: Landtechnik
Geschäftsmodell der Zukunft: App-Entwicklung - und darüber Ausreizung mechatronischer Fahrzeugsysteme
Damit erreicht er Disruption: 10X-Thinking

Der Offensivapostel

Detailverliebter Tatmensch, einer von der schnellen Truppe: Gert Reichetseder denkt mit einem Nutzermodell für Maschinenkapazitäten radikal neu.

Er trieb Anfang der 2000er mit großer Schlagzahl das Amerikageschäft des Spritzgießmaschinenbauers Engel. Über sein enormes Tempo, mit dem er Dinge anpackt und in trockene Tücher zu bringen wünscht, halten sich zahllose Anekdoten. Auch jetzt, beim Baumaschinenhersteller Wacker Neuson, drückt Gert Reichetseder auf die Tube: Lieber schon morgen als in ferner Zukunft ist eine Erweiterung des bestehenden Geschäftsmodells angedacht: Weg vom reinen Baggerverkauf, hin zu situativ abrufbarer Aushubleistung, ganz ähnlich dem Anmieten von Serverkapazitäten in der Cloud. Seine knappe Begründung: „Wenn wir es nicht tun, dann jemand anders. Und das könnte schmerzhaft werden.“ Der Vormarsch der Digitalisierung – er ist auch in der Baubranche nicht aufzuhalten. Das Vermietgeschäft zieht an. Am Rundum-sorglos-Paket für Kunden würden auch Mitbewerber schrauben. Technologisch gewappnet sind die Linzer allemal schon: Die nötigen Digitalisierungsprozesse haben unter Reichetseder längst Einzug am Produktionsstandort in Hörsching gehalten, digitale Services sind aufgegleist. Betriebszeiten, Bewegung, Maschinenzustand – Informationen zu all diesen Parametern ließen sich schon optional im Leistungsumfang des Baggers enthaltenen GPS-Ortungssystem abrufen. Noch heuer will Reichetseder einen Testballon eines noch zu entwickelnden Softwareportals steigen lassen.

Welche Strategien andere kreative Zerstörer - wie etwa Johann Soder von SEW Eurodrive oder Harald Scherleitner von Fronius - anwenden, lesen Sie im aktuellen INDUSTRIEMAGAZIN.

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