Logistik

Das Logistik-Freiluftlabor

Am Areal des Wiener Hafens versucht der thinkport Vienna seit einigen Monaten, tragfähige Lösungen für die rasant wachsende Güterverkehrslogistik im urbanen Raum zu finden

Was es ist, ist zumindest für Martin Posset, Leiter Innovation & Policy des thinkport Vienna, leicht erklärt: „Wir sind ein Katalysator und Multiplikator für logistische Innovationen im urbanen Raum. Wir fragen: Wo kann man was verändern, verbessern, anders gestalten? Wir wollen einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen und dabei ökologische, ökonomische und soziale Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigen.“ Warum man sich mit dem Office ausgerechnet am Hafen Wien angesiedelt hat, beantwortet Peter Rojko, im Brotberuf Abteilungsleiter für Business Development & Internationales im Hafen Wien, Mastermind und kreativer Kopf im Team thinkport: „Unser großes Asset ist es, über Spezialflächen zu verfügen. Wir haben Wasserflächen, Gleisflächen, absperrbare Straßenflächen, kurzum: eine Infrastruktur, die sonst nirgendwo so konzentriert zu finden ist.“

Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis

Doch von Anfang an. thinkport Vienna ist eine Kooperation des Instituts für Produktionswirtschaft und Logistik der Universität für Bodenkultur, vertreten durch Manfred Gronalt, und des Wiener Hafens, vertreten durch Doris Pulker-Rohrhofer. Gefördert wird es, so wie die anderen fünf Mobilitätslabore in Österreich, vom bmvit im Rahmen des Programms „Mobilität der Zukunft“. Budgetiert sind vorerst einmal vier Jahre Projektlaufzeit. Offiziell eröffnet wurde der thinkport bereits Mitte Oktober des Vorjahres, der Zulauf sei nach wie vor ungebrochen, sagt Rojko. „Hier erfolgt der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Themenbezogen arbeiten ITler Hand in Hand mit LogistikerInnen, FuhrparkmanagerInnen und WissenschaftlerInnen“, sagt Posset. Aber auch dem kleinen Erfinder, der eine verrückte Idee hat, oder dem Anrainer, dem der Straßengüterverkehr vor seiner Haustür den letzten Nerv raubt, möchte man eine Plattform bieten. Die erste Phase, den Bekanntheitsgrad steigern und sich als Anlaufstelle zu positionieren, sei nunmehr abgeschlossen, jetzt ginge es darum, erste Projekte auf den Weg zu bringen, sagt Posset.

Erste Testläufe am Hafengelände

Mitte April war es bereits so weit. Der erste Testlauf für autonomes Fahren des Virtual Vehicle Research Centers ging in einem abgesperrten Bereich des Wiener Hafens über die Bühne. Dabei absolvierte der „Automated Drive Demonstrator“, kurz ADD, drei Fahrmanöver, nämlich Kurvenfahren, Bremsen und Ausweichen ohne menschlichen Lenker. Hinter den etwas sperrigen Bezeichnungen verbirgt sich der Output einer international aktiven Grazer Forschungseinrichtung für die Automobil- und Bahnindustrie. Ebenfalls präsentiert hat sich die Firma Rock ́n ́Rolla Rental Concept mit ihren ein- und mehrspurigen E-Fahrzeugen für die urbane Last Mile-Logistik.

White Paper zum Thema

2018 sei ein gutes Jahr für das Ausbrüten und Umsetzen neuer Ideen, sind Posset und Rojko überzeugt. „Jeder redet über zentrale Hubs, die Branchenkonsolidierung ist ein großes Thema, wir diskutieren über Umweltschutz und Emissionsfreiheit, E-Commerce beeindruckt mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu 15 Prozent, was in weiterer Folge zur Steigerung des Verkehrsaufkommens führt“, sagt Rojko. All das seien Themen, mit denen Wien nicht alleine dastehe. Rojko: „Diese Diskussionen werden auf EU-Ebene geführt, nahezu jede Metropole hat sich diesen Herausforderungen zu stellen. Die Städte müssen da was vorgeben. Es wird ein Regulativ brauchen. Und es wird faire Rahmenbedingungen brauchen.“ Den Zeitplan dafür müsse man transparent gestalten, man müsse den Akteuren Zeit lassen, sich auf notwendige Veränderungen vorzubereiten. „Am besten wäre natürlich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Also nicht nur mit der Peitsche durch die Gegend schnalzen, sondern auch Anreize schaffen“, sagt Posset.

Güterverkehr mit Imageproblemen

Der Güterverkehr hätte ein ziemliches Imageproblem, so Posset. Dabei werde übersehen, dass „der böse Lkw das transportiert, was wir alle konsumieren“. Zwar hätte Wien, verglichen mit anderen Großstädten, immer noch gute Luftwerte, die 3,5-Tonner würden aber auch hier zusehends zum Problem werden. Und darauf müsse man Antworten finden. „Wie organisieren wir die Logistik sozial verträglich? Kleinteiligere Umschlagzentren und gemischte Quartiere sind eine Lösung“, sagt Posset. Dass man das Thema nicht auf die lange Bank schieben könne, steht außer Frage: Das größte Bevölkerungswachstum finde derzeit in den Metropolen statt. Und je mehr Menschen in der Stadt leben, desto mehr Güterverkehr braucht es für deren Versorgung.

Dass man möglicherweise gerade im urbanen Raum die eine oder andere Entwicklung verschlafen hat, will Hafen-Manager Rojko so nicht gelten lassen. „Logistik ist effizient. Sie sucht sich ihren Weg. Die günstigen Grundstücke gibt es nicht mehr in der Stadt, dort findet jetzt der Wohnbau statt. Das könnte man beliebig fortsetzen. Durch eine Vielzahl von städteplanerischen Maßnahmen haben wir die Güterverkehrslogistik zu dem gemacht, wie sie sich heute präsentiert. Wenn wir daran was ändern wollen, dann müssen wir sie stärker – als das bisher der Fall war – in städteplanerische Überlegungen miteinbeziehen.“ Zudem hätte gerade die Stadt Wien in der Vergangenheit eine Reihe von Maßnahmen gesetzt, die eine deutliche Verbesserung der Situation herbeigeführt haben. „Wir verkaufen keine heiße Luft. Wir machen einfach und reden nicht viel drüber.“

Smarte Insellösungen, Vernetzung fehlt

Warum es dann noch immer keine City-Hubs in Wien gibt? „Es gibt derzeit keinen Grund für die handelnden Akteure zu kooperieren. Der Markt ist da, alle verdienen gutes Geld. Es gibt kein Regulativ. Warum also sollten sie aktiv werden?“, sagt Posset. Das größte Problem sei, dass es derzeit kein Problem gebe. Die Kundschaft wäre im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was geboten werde. Zumindest ändere kaum jemand deshalb sein Konsumverhalten. Der „Leidensdruck“ sei noch nicht groß genug. „Wir wollen Visionen entwickeln“, sagt Posset. Seit zwei Monaten beschäftige sich im thinkport eine Gruppe intensiv mit der Last Mile-Problematik. Die zentrale Frage dabei lautet: Wie wird das Ganze „smart“? Smarte Fahrzeuge allein, also im Wesentlichen E-Mobilität, würden da nicht ausreichen. Und wären auch nicht zielführend.

„Wir sehen uns derzeit mit einer Vielzahl von smarten Insellösungen konfrontiert, die für sich, bis hin zum smarten Kühlschrank, ausgezeichnet funktionieren. Das Problem ist, dass diese partiellen Lösungen nicht miteinander vernetzt sind“, sagt Posset. Man müsse Infrastruktur künftig nicht mehr nur in Personen, sondern auch in Güterverkehr denken, ist er überzeugt. Nicht einfach nur Löcher graben, Röhren bauen und Gegend zubetonieren, sondern sich bereits im Vorfeld Gedanken über eine vernetzte, und eben nicht nur singuläre Nutzung machen.