Serie Ventures Almanach

Das Geld aus der Crowd

Der Markt für Crowdinvesting nimmt Fahrt auf. Die Österreicher sind auf den Geschmack gekommen und haben im Vorjahr kräftig in die noch relativ neue Form der Unternehmensfinanzierung investiert.

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Im Jahr 2016 haben die heimischen Plattformen, die online das Geld zahlreicher Anleger zur Finanzierung von Projekten sammeln, ein Wachstum von 161 Prozent geschafft. So wurden mehr als 22,7 Millionen Euro eingesammelt und 71 Projekte finanziert. 

„Das ist mehr als das Doppelte der Summe aus 2014 und 2015“, sagt Paul Pöltner, Vorsitzender des Fachausschusses Crowdinvesting-Plattformen des Fachverbands Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), „und ich bin zuversichtlich, dass wir 2017 wieder ein Wachstum in einer ähnlichen Größenordnung schaffen werden.“ Nachsatz: „Mindestens.“ Denn nicht nur ist das Interesse der Anleger weiterhin hoch, es kommen auch nach wie vor neue Crowdinvesting-Plattformen auf den Markt. 

Pöltner selbst ist ein Pionier der jungen österreichischen Crowdinvesting-Szene, schließlich hat er vor einigen Jahren den Marktführer Conda.at gegründet, der mittlerweile nach Deutschland und in weitere europäische Länder expandiert hat. Pöltner: „Conda ist im Jahr 2013 mit einem Volumen von 100.000 Euro gestartet. Jetzt halten wir bei über 15 Millionen Euro.“ 

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Neue Gesetzeslage

Ein ausschlaggebender Faktor für das Wachstum der Crowdinvesting-Anbieter in Österreich war laut Pöltner das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG), das im Herbst 2015 in Kraft getreten ist. Es verlangt den Anbietern transparente Geschäftsgebarung ab und schützt sie im Gegenzug vor übertriebenen Auflagen. „Seit Herbst 2015 wurde etwa vier Mal so viel gesammelt wie davor“, sagt Pöltner. Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Stefan Szauer hat das Gesetz hier genauer erklärt.

Vorteilhafte Investmentregeln sind gerade für österreichische Plattformen wichtig. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen ihnen und den bekannten internationalen Plattformen zum Einsammeln von Geld, wie Kickstarter oder Indiegogo bzw. Startnext.de: Die internationalen Player wurden in der Regel durch Crowdfunding groß. 

Dabei sammelt ein Anbieter im Vorhinein Käufer für sein Projekt und produziert und liefert es erst dann, wenn er genug Interessenten eingesammelt hat. Typische Beispiele sind Sportgeräte, Bücher oder Filme im Eigenbau, die Smartwatch „Pebble“ u.a. Rechtlich gesehen ist das bloß Lieferung gegen Vorkasse – und es ist nicht die Hauptbeschäftigung der österreichischen Player. 

Die österreichischen Anbieter, die in Pöltners Fachausschuss vertreten sind, setzen auf Crowdinvesting: Dabei werden Anleger eingeladen, online in ein Anlageobjekt zu investieren und daran zu verdienen. Bei Crowdinvesting-Projekten kommt es also zu einem „monetären Rückfluss“ aus dem Projekt an die Anleger, so die Definition des Fachverbands Finanzdienstleister in der WKÖ. 

Typische Beispiele sind Investitionen in den Wohnbau, bei denen Mieterträge an die Crowdinvestoren fließen. Auch beim bisher größten Projekt, „Rapid InvesTOR“, legte man Geld an – ins neue Rapid-Stadion – und wurde dafür Nachranggläubiger des Fußballklubs, mit 2,5-prozentiger Verzinsung. Rund 1500 Online-Fans investierten so rund drei Millionen Euro. 

Es gibt aber auch Projekte, die eine technologische Innovation marktreif machen sollen: Crowdinvesting kann Start-ups durchaus dabei helfen, in die Gänge zu kommen. Wichtig ist allerdings, dass sie bereit sind, entsprechend aktiv mit den Anlegern und der Öffentlichkeit über die Vorzüge ihres Produkts zu kommunizieren. Wer zwar einen technischen Vorsprung hat, diesen aber völlig geheim halten möchte, der tut sich dagegen mit dem Konzept des Crowdinvestings – das sich nun einmal an die Vielen wendet – entsprechend schwerer. 

Erfolge, Pleiten und Gütesiegel

Seit Bestehen der österreichischen Plattformen 2013 wurden 143 Projekte mit 34.511.090 Euro finanziert, so die Statistik. Bloß 16 Projekte haben laut den Angaben die Fundingschwelle nicht erreicht, konnten also erst gar nicht starten. Und einige sind zwar gestartet, legten aber eine Bruchlandung hin: Als erste Pleite eines Crowdinvesting-finanzierten Projekts in Österreich gilt „Woodero“ im Jahr 2015; ihm und seiner Idee (Smartphone-Schutzhüllen aus Holz) hatten 175 Investoren 166.000 Euro gegeben. 

In Summe gab es aber bisher erst relativ wenige Insolvenzen – was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass solche Investments riskant sind. Dafür sorgt schon die typische Rechtsform: Crowdinvestoren zahlen meist Geld in ein „Nachrangdarlehen“, d. h. sie bekommen im Pleitefall erst dann ihr Geld zurück, wenn alle anderen Gläubiger ihres erhalten haben (also vermutlich nie). 

Ein neues Gütesiegel soll den Crowdanlegern helfen, sich am Markt zu orientieren: Die 13 österreichischen Crowdinvesting-Plattformen, die berechtigt sind, das Gütesiegel zu tragen, haben sich zur Einhaltung der Standes- und Ausübungsregeln für österreichische Crowdinvesting-Plattformen verpflichtet (u. a. www.1000x1000.at; www.conda.eu, www.dagobertinvest.at, www.greenrocket.com etc.).

Mehr zur heimischen Start-up-Szene finden Sie in unserem Ventures Almanach