Interview

„Dann zog mich die Logistik in ihren Bann“

Warum Alexander Winter, seit Jahreswechsel Vorstandschef bei DB Schenker in Österreich, die Karriere in der Transportlogistik einer juristischen Laufbahn vorzog.

Von
Alexander Winter DB Schenker Transportlogistik Logistik Menschen

Herr Winter, Mitte Mai fiel der Startschuss für den Ausbau des Standorts in Linz Hörsching. Anfang nächsten Jahres stehen dann zusätzliche 6.000 Quadratmeter Hallenfläche bereit. Auf Oberösterreichs Industrieproduktion scheint also fürs Erste Verlass.

Alexander Winter Oberösterreich ist und bleibt ein Hotspot der Industrie. Die Erweiterung auf 29.000 Quadratmeter ist auch dem Erfolg großer Kunden aus der Industrie geschuldet. Mit ihnen wachsen wir mit. Anfang nächsten Jahres nimmt der erweiterte Standort seinen Vollbetrieb auf.

Also eine kurze Bauzeit mit einigen baulichen Überraschungen?

White Paper zum Thema

Winter Das Hallenkonzept bleibt im Großen und Ganzen unverändert. Was einem größeren Wandel unterworfen ist, sind die Baumaterialien. Die Dachbohlen etwa waren früher aus Beton. Heute sind sie aus Holz und trotzdem feuerbeständiger als früher.

Ihr Vorgänger, der jetzige DB Schenker Europe-Chef Helmut Schweighofer, hat ganz schön vorgelegt: Im Vorjahr hielt man den Rekordumsatz von 2017.

Winter Es ist gelungen, den Wirtschaftsboom speziell in Österreich zu nutzen. Und auch das Portfolio wurde dort, wo es nötig war, angepasst. Speziell im Landverkehr konzentrieren wir uns jetzt auf die Segmente, in denen wir wirklich stark sind. Etwa den Systemverkehr und all jene Aufgaben, die mit Stückgut zu tun haben. Also auch die Zusammenführung kleinerer Sendungen auf Hauptströme und ihrer anschließenden Verteilung auf einzelne Empfänger. Aber auch die Kontraktlogistik haben wir im gesamten Cluster intensiv weiterentwickelt.

In Rumänien und Tschechien etwa gab es kräftige Investitionen.

Winter In Bukarest errichteten wir für den Bereich Kontraktlogistik ein neues Customer Shared Warehouse. Hier übersiedelten wir an einen neuen und größeren Standort, mit dem Anspruch, State of the Art zu sein. Genutzt wird hier zur Gänze ein automatisiertes Hochregallager. Und auch mit einem neuen, separaten Cross Docking Terminal für den Landverkehr sind wir technisch auf dem neusten Stand. In Tschechien ging es um die Weiterentwicklung des Portfolios. Dort wachsen wir in der Kontraktlogistik im Schnitt über zehn Prozent. Mit einer Fläche von über 200.000 Quadratmetern sind wir für eine erfolgreiche Weiterentwicklung gut aufgestellt.

Heuer geht es der Bauindustrie sehr gut, die Maschinenbauer sind etwas verhaltener in ihren Prognosen...

Winter Das Jahr hat für uns gut begonnen. Die Logistik ist in der Regel auch nicht unter den ersten Leidtragenden von Konjunkturrückgängen. Das Volumen für April und Mai war leicht rückgängig, das lässt sich bereits erkennen. Ich will nicht von einem Trend sprechen, aber Fakt ist, dass das Wachstum einzelner Branchen ab acht, und das spüren auch wir.

Hat man darauf schon reagiert?

Winter Wir beschäftigen uns bereits seit einiger Zeit damit, die Kosten zu optimieren und unsere Netzwerke zu verdichten. Dabei erhöhen wir auch die Auslastung von unseren Systemverkehren. Und im Vorjahr begannen wir mit der Installation zusätzlicher Hubs zur stärkeren Bündelung. Ein Beispiel ist der neue Hub in Budapest für Europaverkehre. Darüber hinaus fokussieren wir uns klar auf Wachstum. Wir wollen über den Markt wachsen und zusätzliches Geschäft akquirieren.

Wo läuft es gut?

Winter Überdurchschnittlich entwickelt sich der E-Commerce, die großen Consumer-Märkte, aber auch der Pharmabereich. Nicht so gut, und das ist kein Geheimnis, läuft es in der Türkei. Dort kämpfen wir darum, das normale Geschäft aufrechtzuerhalten.

Sie leiteten viele Jahre lang die See-fahrabteilung bei DB Schenker in Wien. Woher kommt Ihr Hang zur Seefracht?

Winter Ein Zufall führte mich in jungen Jahren zur Seefracht. Ich lernte bei der Spedition Welz in Salzburg (der heutigen Container Terminal Salzburg GmbH, Anm. d. Red.), die damals das erste österreichische Containerterminal betrieb. Durch diese Schiene bin ich zur Seefracht gekommen und mit diesem Schwerpunkt auch bei DB Schenker eingetreten.

Neben dem Job studierten Sie Rechtswissenschaften. Eine juristische Laufbahn war also eine Option?

Winter Der Beruf des Rechtsanwalts erschien mir damals als erstrebenswert. Aber nach einer langen Phase der Ausbildung steht man irgendwann am Scheideweg: Nimmt man weitere Ausbildungszeiten, ein Gerichtsjahr und die Konzipientenphase in Kauf, oder verfolgt man weiter seine berufliche Karriere? Es wurde Letzteres. Die Logistik hatte mich damals schon in ihren Bann gezogen.

Welche Ausprägung genau? Ihre Komplexität?

Winter Die Seefracht war in Österreich damals ein Pionierthema, der Fokus lag ja auf Schiene und Straße. Das war sicher ein Ansporn. Ein anderer: das Bewegen von Gütern vom Schreibtisch aus. Durch eine einzige Disposition den Transport einer Palette von Österreich nach New York zu bewirken, ist ein erhebendes Gefühl. Und dazu zählt auch ein gewisses Improvisationstalent, das erforderlich ist.

Heuer startete DB Schenker auch in Österreich mit seiner digitalen Buchungsplattform. Ein reines Kundenbindungsinstrument?

Winter In unserer Branche ist die Möglichkeit, Frachtkosten, Entfernungen oder Schiffsfahrpläne elektronisch in Echtzeit anzufragen, noch keine Selbstverständlichkeit. Das soll es mit unseren Tools aber werden. Auch deshalb, weil eine jüngere Generation nachrückt, die vollständig digitalisiert ist und den persönlichen Kontakt zwar annimmt, aber immer häufiger andere Kanäle für die Kommunikation vorzieht.

Seit dem Vorjahr bietet DB Schenker 3D-Druck-Services an. Wie entwickelt sich das Geschäft mit Zusatzleistungen abseits der Logistik?

Winter Der Wettbewerb bei Added-Value-Services wird intensiver. Das klassische Speditionslager, wo es heißt: „Palette rein, Palette raus“, ist schon lange Vergangenheit. Wir beschäftigen uns immer mehr mit Picking, Packing, Feinkommissionierung, Verteilung, aber auch Veredelung oder Software- Diensten fürs Handy.

DB Schenker testet Gasantriebe in Flotten. Und in Oslo fährt der erste E-Lkw bereits testweise autonom. Wird es Platooning so bald in Österreich geben?

Winter Technisch funktioniert Platooning nahezu einwandfrei. Jetzt sind noch einige rechtliche Fragen zu klären, um einmal in den Besitz einer Zulassung zu kommen. Aber ich bin überzeugt, dass der Schritt auch in Österreich bevorsteht.

Gibt es im 80.000-Mitarbeiter-Konzern, der im Eigentum der Deutschen Bahn steht, tradierte Unternehmenswerte, die bis zum Gründer des Unternehmens, Gottfried Schenker, zurückreichen?

Winter Die Werte Teamfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Kundenorientierung stehen in der DB Schenker-Welt ganz oben. Das zieht auch einen gewissen Charaktertyp von Mitarbeitern an. Und natürlich spürt man den Pioniergeist im Unternehmen. Aber auch das Familiäre ist bei uns spürbar. Wer bei DB Schenker arbeitet, ist Teil einer großen Familie. Egal, welche Niederlassung man bereist, mit seinem DB Schenker-Ausweis ist man weltweit willkommen.

Ein Ausweis, der alle Türen öffnet?

Winter Auf der Gefühlsebene auf alle Fälle.

Alexander Winter, 47, ist seit Dezember 2018 Vorstandsvorsitzender von DB Schenker in Österreich und Südosteuropa. Der gebürtige Salzburger ist ausgebildeter Jurist udn begann seine Karriere mit einer Speditionslehre bei der Salzburger Spedition Welz (der heutigen Container Terminal Salzburg GmbH). Vor rund 20 Jahren startete er bei DB Schenker, wo er bald das Seefrachtgeschäft leitete. Seit 2013 ist er Mitglied des Management-Teams, wo er die Bereiche Seefracht und Kontraktlogistik verantwortet. Die Schenker & Co. AG, der Alexander Winter nun vorsteht, verantwortet er als Cluster Office auch das komplette Südosteuropageschäft mit 7.700 Mitarbeitern in 13 Ländern. 

Verwandte tecfindr-Einträge