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COVID-19: Ende des Digitalisierungszeitalters?

Die industrielle Produktion treibt seit nunmehr fast 30 Jahren ein zentrales Thema voran: die Digitalisierung. Wird die Coronakrise daran etwas ändern?

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Schon immer war die Industrie vom Wandel getrieben. Was nun retrospektiv als die vier industriellen Revolutionen bezeichnet wird, nahm vor knapp 250 Jahren seinen Anfang. Damals ermöglichte die Erfindung der Dampfmaschine einige Zeit später die maschinelle Produktion von Gütern. Sie führte zu tiefgreifenden Veränderungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Ende des 19. Jahrhunderts ebneten die Entwicklung des Fließbands, die Erfindung von Motoren und wesentliche Fortschritte im Bereich der Elektrizität den Weg für die zweite industrielle Revolution. Der nächste Quantensprung der Industrialisierung steht in enger Verbindung mit dem weltweit ersten funktionsfähigen Computer „Z3“. Es war der Startschuss für eine rasante Beschleunigung mit immer kürzeren Entwicklungszyklen. Im Jahr 1991 wurde dann mit der ersten veröffentlichten Website im World Wide Web am Schweizer Institut CERN das Zeitalter des Internets eingeläutet. Und damit begann auch die Geschichte der Industrie 4.0.

Aufbruch in eine vernetzte Welt

Was waren es doch für Zeiten, als wir noch Disketten mit einer Speicherkapazität von rund drei Megabytes verwendeten. Mit „Karl Klammer“ war der erste virtuelle Assistent aus dem Haus Microsoft geschaffen. In vielen Haushalten kündigten knackende und piepsende Modems die Verbindung mit dem Internet an.

Die 90er waren der Aufbruch in das digital vernetzte Zeitalter. Es war der 6. August des Jahres 1991, als Tim Berners-Lee das World Wide Web öffentlich und weltweit verfügbar machte. Noch im selben Jahr wurde der Traum von miteinander vernetzten und autonom arbeitenden Maschinen geboren. 1999 etablierte sich dafür der Begriff Internet der Dinge (IoT). Eine fast trivial erscheinende Bezeichnung für etwas, was für die disruptive Transformation sämtlicher Produktionsprozesse weltweit verantwortlich ist.

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Das Internet der Dinge bildet heute die Brücke zwischen der physischen und der digitalen Welt. Intelligent vernetzte Geräte kommunizieren über integrierte Software und Sensoren miteinander und tauschen so Daten aus. Gezielte Analysen können entlang der gesamten Wertschöpfungskette einen wesentlichen Beitrag zur effizienten Produktion leisten.

Mensch und Maschine – Kontrahenten oder Koexistenten?

IoT erfordert die integrierte Betrachtung von Prozessen, Daten und Geräten – und mutige Entscheidungen. Genau hier kommt wieder der Mensch ins Spiel: Auch in Zukunft werden Arbeitskräfte die Produktion maßgeblich verantworten und diese vor allem überwachen und steuern. Neue Technologien werden immer mehr Einzug in den Berufsalltag halten und unsere Arbeitsweise nachhaltig verändern. Das erfordert einerseits die Anpassung der Wertschöpfungsprozesse seitens der Unternehmen und andererseits die Offenheit und Lernwilligkeit seitens der Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind also gleichermaßen gefordert, sich mit neuen technologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und diese zu verstehen.

Mischt COVID-19 die Karten neu?

Spätestens als am 9. März der ATX um sieben Prozent einbrach – der zweithöchste Tagesverlust des heimischen Leitindex –, ist die Coronakrise in Österreich und in der heimischen Realwirtschaft angekommen. Das zeigt auch unsere Umfrage unter Österreichs führenden Unternehmen, für die fast 50 Betriebe aus der heimischen Industrie befragt wurden: Fast zwei von drei der befragten Industrieunternehmen haben bereits Umsatzrückgänge verzeichnet, mehr als die Hälfte ist durch eine rückläufige Auftragslage belastet und beinahe jeder zweite Betrieb hat Probleme mit der Lieferkette. Das werden nur
die kurzfristigen Auswirkungen sein, die COVID-19 mit sich bringt.

Denn so unvorhersehbar die langfristigen Konsequenzen der Coronakrise momentan auch sein mögen, eines steht jetzt schon fest: Was wir heute erleben, wird unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern – weltweit und unumkehrbar. Es ist nach unseren Einschätzungen aber aktuell wahrscheinlich, dass viele Unternehmen mit einem blauen Auge davonkommen werden. Und das ist vor allem einem Umstand zu verdanken: der Digitalisierung. Durch sie sind wir trotz Lockdown und Ausgangsbeschränkungen auch heute in der Lage, die Geschäftsprozesse aufrechtzuerhalten, miteinander zu kommunizieren und die Wirtschaft so zumindest zu stützen, auch wenn der Zustand einem Winterschlaf glich. Industriebetriebe, die ihre Wertschöpfung schon großflächig mit IoT-Sensorik und Robotern ausgestattet haben, konnten nun von äußerst robusten Produktionsprozessen profitieren. Durch Homeoffice und Telearbeit ist es möglich, die Roboter-Kollegen von der Ferne aus zu überwachen und zu steuern.

Die Frage ist also, welche Lehren wir aus COVID-19 ziehen. Während sich die Prioritäten von Unternehmen schon jetzt zunehmend verlagern, wird die Digitalisierung wie zuvor weit oben auf der Agenda der österreichischen Betriebe bleiben und sogar an Bedeutung gewinnen. Fast zwei von drei Industrieunternehmen sehen darin die aktuell wichtigste Erkenntnis aus der Krise und planen, Digitalisierungsprojekte weiter voranzutreiben. Denn IoT, Sensoren und Roboter können nicht nur durch unsicheres Fahrwasser geleiten, sondern helfen auch beim erfolgreichen Neustart und neuem Wachstum.

Gerhard Schwartz leitet bei EY Österreich den Sektor Industrial Products und berät seit rund 30 Jahren österreichische Industrieunternehmen.

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