Firmenübernahmen

Corona hat Angreifbarkeit der Industrie Europas massiv erhöht

Die Coronakrise macht Europas Schlüsselindustrien und stolze Industrieriesen besonders leicht angreifbar - etwa für staatliche Investoren aus China, die hierzulande schon seit Jahren auf Einkaufstour sind. Konkrete Warnungen davor mehren sich in Österreich, Deutschland und nun auch auf EU-Ebene.

Der Fall Kuka wirkt bis heute nach. Im Jahr 2016 hat sich ein bis dahin weithin unbekannter chinesischer Hersteller von Küchengeräten namens Midea den weltweit führenden deutschen Paradekonzern für Robotik einverleibt. Nach dem Aufschrei quer durch alle Wirtschaftskreise folgten die Apologeten des freien Marktes, die sich auch angesichts feindlicher Übernahmen weiter für offene Systeme und Grenzen aussprechen. Dagegen kündigte Berlin mehrmals und mit entschlossenen Worten einen höheren Schutz von Schlüsselindustriebetrieben an - doch was die Regierung von Angela Merkel dann tatsächlich unternahm, wirkt für viele eher zaghaft.

Die Gegenwart bei Kuka prägt jedenfalls das Abgleiten in die Verlustzone. Inzwischen musste beim einst stolzen Industrieausrüster der langjährige Konzernchef Till Reuter gehen, danach bekamen hunderte weitere Mitarbeiter die Kündigung - selbstredend am deutschen Stammsitz in Augsburg, nicht in China.

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Kuka: Wenn eine neue Technologie kommt, ist sie morgen in China

Inzwischen machen auch große Forschungsinstitutionen wie etwa Fraunhofer einen Bogen um den einstigen deutschen Paradebeitrieb. So gab  Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria, im Vorjahr gegenüber INDUSTRIEMAGAZIN zu: "Was Forschungskooperationen mit Kuka angeht, wäre ich inzwischen vorsichtig. Da muss man unterscheiden: Geht es um die Ausarbeitung von Anwendungen, die es schon zigmal gegeben hat, dann ist eine Zusammenarbeit denkbar. Geht es um grundlegend Neues und jemand wie Kuka kommt auf uns zu, dann ist klar, dass diese Technologie morgen in China ist." Weiters dazu: 10 Jahre Fraunhofer Austria: "Wir haben den längeren Atem" >>

Coronakrise bringt neue Dimension der Angreifbarkeit mit sich

Doch die Coronakrise bringt für die Industrie Deutschlands wie auch Österreichs eine neue Dimension der Angreifbarkeit mit sich. Zwar beenden viele Hersteller gerade schrittweise das politisch verordnete Stillhalten und fahren die Produktion wieder hoch - doch die Aussicht auf den weiteren Verlauf des Geschäftsjahres sind äußerst ungewiss. Eine zentrale Auswirkung für jene, die an der Börse notieren: Die Aktienkurse sind sehr tief in den Keller gerasselt.

Stolze Dax-Konzerne im Visier

Das zeigt sich gerade besonders deutlich bei den Flaggschiffen der deutschen Industrie im Dax. Seit Mitte Februar haben die Konzerne des führenden Aktienindex des Landes mehr als ein Fünftel ihres Börsenwerts verloren - bei einigen Großen ist der Einbruch noch weitaus dramatischer, so das "Morning Briefing" des Publizisten Gabor Steingart. Demnach ist der Aktienwert etwa des Autobauers Daimler, der schon seit geraumer Zeit mit dem chinesischen Autobauer Geely als Großaktionär konfrontiert ist, seit dem Beginn der Coronakrise bis heute um etwa 66 Prozent gefallen. Der Börsenwert von Continental, einem der größten Autozulieferer der Welt, ist von 52,1 Mrd. Euro auf 15,6 Mrd. Euro gefallen. Besonders dramatisch sind die Zahlen von Thyssenkrupp: Hier ging der Börsenwert von 7,4 Mrd. Euro auf derzeit 1,0 Mrd. Euro zurück.

Konkrete Warnung vom Chef des deutschen Bundeskartellamtes

Gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" warnt inzwischen Andreas Mundt, Chef des deutschen Bundeskartellamtes, vor einer herannahenden Übernahmewelle - und zwar ausdrücklich durch chinesische Großkonzerne: "Das wird kein Gang durch den Rosengarten. Denken Sie an sogenannte Sanierungsfusionen, wenn Unternehmen in großer Not übernommen werden. Oder denken Sie an mögliche Übernahmen durch ausländische Großunternehmen, etwa durch chinesische Staatsunternehmen."

Mahnungen auch in Österreich

Auch hierzulande fehlt es nicht an expliziten Warnungen. So hat in den vergangenen Jahren Sabine Herlitschka, Chefin von Infineon Österreich, immer wieder vor einem Ausverkauf von Schlüsseltechnologien gewarnt, zuletzt vergangenen Herbst auf dem 36. Vorarlberger Wirtschaftsforum nach Bregenz.

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Ministerin Schramböck: Gesetzesnovelle in Arbeit

Inzwischen habe die EU ihre Mitgliedsländer gebeten, darauf zu achten, dass es zu keinem Ausverkauf von europäischen Industriebetrieben komme, so Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) gegenüber dem "Kurier". In Arbeit ist eine Gesetzesnovelle, die schon von der früheren ÖVP-FPÖ-Regierung auf den Weg gebracht worden ist und sowohl vor "unerwünschten" Firmenübernahmen schützen als auch in Schlüsselindustrien den Verbleib der Produktion in Europa bestärken soll. Aktuelle Details: Neues Gesetz soll sensible Produktion vor feindlichen Übernahmen schützen >>

(red)

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