Management

"Letztes Aufbäumen des Bonuswahnsinns"

Jede Essenseinladung und jeder verschenkte Kugelschreiber kann heute von Compliance-Beauftragen als Schritt in die Korruption gesehen werden. Eine Kontrollmaschinerie verwaltet den Anstand und zwingt Unternehmen eine Checklisten-Bürokratie auf, die teuer und ineffizient ist. Doch der Widerstand gegen die Scheinmoral der Sittenwächter mehrt sich. Von Piotr Dobrowolski

Diese Berater sind auch die größte Schwachstelle in dieser sich selbst perpetuierenden, immer wieder neue Geschäfts- und Risikofelder identifizierenden Anstands-Administrations-Maschinerie: Die gängige Praxis, die Compliance-Bemühungen ähnlich den Rechnungsabschlüssen alljährlich von Beratern prüfen zu lassen, öffne einem moralischen Dilemma Tür und Tor, wie Elisabeth Göbel, Professorin an der Universität Trier und Autorin eines Standardwerks über Unternehmensethik, anmerkt. „Wenn Berater dafür bezahlt werden, Unternehmen zu bescheinigen, dass sie moralisch handeln, dann ist das ähnlich jenen Agenturen, die Banken gegen Bezahlung bescheinigt haben, wie gut die Finanzprodukte sind, die die Bank vertreibt.“

Anstatt Fragen von unternehmerischer Ethik an Berater oder Compliance-Abteilungen im Hause auszulagern, wäre es deutlich sinnvoller, wenn die wirtschaftlichen Eliten bereits in ihrer Ausbildung mit Grundlagen der Ethik vertraut gemacht werden würden, meinen viele Wirtschaftswissenschafter. Das sei derzeit allerdings kaum der Fall, bemängelt der österreichische Wirtschaftsethiker Michael Litschka und betont, dass es kaum gelingen kann, Fehlverhalten im Geschäftsleben nur durch Regeln zu unterbinden. „Das ist notwendig, aber nicht hinreichend“, sagt er.

Das betont auch Bernd Noll, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim und Autor mehrerer Bücher zum Thema Wirtschaftsethik. Noll sieht das Haupthindernis vor allem darin, dass man ohnehin nicht für jeden theoretisch möglichen Fall eine Verhaltensempfehlung abgeben kann, wie es listenverliebte Compliance-Abteilungen gern hätten: „Realität im unternehmerischen Alltag ist zu komplex, um Regeln so zu formulieren, dass es, für den, der will, nicht doch Schlupflöcher zu finden gebe. Und die Frage ist, ob es sinnvoll ist, zu sagen: Dann machen wir eben weitere Regeln. Irgendwann einmal wird das nämlich absurd.“

Radikales Umdenken?

Wichtig würde Noll stattdessen eine Entwicklung von Compliance zu Integrität finden. Anstatt den Mitarbeitern immer mehr Vorschriften zu machen, müssten sie ermuntert werden, sich bewusst zu werden, wie viel Verantwortung sie in ihrer Funktion haben, und auch dazu, diese Verantwortung wahrzunehmen: „Im Moment passiert aber das Gegenteil. Wenn selbst bei kleinen Sparkasse-Angestellten ein beträchtlicher Teil des Lohns die umsatzabhängige Variable ist, wird der Angestellte vor allem versuchen, Produkte zu verkaufen, anstatt zu überlegen, ob die Produkte für seinen Kunden passend oder nicht passend sind.“

Auch Ulrich Thielemann, Direktor des Berliner Think-Tanks „MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik“ sieht in der zahlengetriebenen Jagd nach Boni den Hauptgrund für unethisches Business-Verhalten. Die beste Compliance-Maßnahme wäre seiner Meinung nach daher ganz simpel: „Sich vom Bonussystem zu verabschieden, jedenfalls die Anteile, die Management und Mitarbeitern in Form variabler Vergütungen ausbezahlt werden, stark einzuschränken.“

Dem mit Compliance-Überlegungen oft verbundenen Ansatz, gewünschtes Verhalten zu belohnen, kann Thielemann hingegen nur wenig abgewinnen: „Boni bieten Anreize zu moralisch fragwürdigem Verhalten. Jetzt könnte man natürlich sagen: Wir brauchen stattdessen Anreize zu moralisch positivem Verhalten. Aber dann würden die Leute wieder nur aus Egoismus statt aus innerem Antrieb handeln. Insofern kann man schon sagen, dass der jetzige Versuch, verantwortungsvolles Verhalten im Rahmen von Compliance zu belohnen, in Wirklichkeit das letzte Aufbäumen des Bonuswahnsinns ist.“

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Wenn der Compliance-Beauftragte pfuscht

Compliance-Programme sollen Unternehmen davor schützen, wegen Nichterfüllung gesetzlicher Vorgaben Bußgeldzahlungen leisten zu müssen. So genannte D&O-Versicherungen schützen, wenn die Compliance versagt.

Dass dies dennoch oftmals der Fall ist, zeigen die unzähligen Bilanzskandale im Mutterland der Governance- und Compliance-Regeln, den USA. Daher kann es sinnvoll sein, für diesen Fall im Rahmen einer D&O- Versicherung vorzusorgen. Zu beachten ist dabei, dass nicht nur die Vorstände, sondern auch der Compliance- Verantwortliche als versicherte Person gilt. „In älteren D&O-Versicherungsverträgen ist das nicht immer der Fall, kann aber in der Regel nachverhandelt werden“, sagt Georg Aichinger, Geschäftsführer von Koban Soldora, einer auf D&O-Beratung spezialisierten Tochter der Koban Südvers Gruppe.

Abgedeckt von einer D&O-Versicherung werden üblicherweise Sorgfaltsverstöße, die Schadenersatzforderungen im Innen- oder Außenverhältnis nach sich ziehen, solange die Verstöße nicht vorsätzlich oder wissentlich begangen wurden. Möglich sind Unternehmenspolizzen, die pro 1.000.000 Euro jährliche Versicherungssumme rund 1.500 Euro kosten, bei risikobehafteten Unternehmen auch mehr. „Bei Unternehmenspolizzen teilen sich sämtliche Gesellschaftsorgane die jährlich zur Verfügung stehende Versicherungssumme“, so Aichinger. Um auch dann versichert zu sein, wenn die Summe aufgebraucht ist, können auch persönliche D&O-Versicherungen abgeschlossen werden. Eine jährliche Grunddeckung von EUR 100.000,– lässt sich bereits ab EUR 500,– besorgen. Für jede ausgeübte Funktion muss eine eigene Versicherung abgeschlossen werden.

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